Meinung
Vor der Handball-WM 2027 in Deutschland: Täten neue Impulse beim Bundestrainer gut?
Das Thema gärte seit Monaten. Ende Mai hat der Deutsche Handballbund entschieden: Alfred Gislason bleibt über die Heim-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr Bundestrainer und leitet die Mannschaft auch bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles an. Es ist gut und wichtig, dass die Hängepartie vorbei ist. Unangenehme Fragen wären unvermeidlich gewesen. So konnte der Isländer am vergangenen Mittwoch relativ entspannt die Auslosung der WM-Vorrundengruppen im Hofbräuhaus in München verfolgen.
Aber ist die Entscheidung richtig? Leise Zweifel begleiten diesen Entschluss. Klar: Die Nationalmannschaft dieser Tage ist die Nationalmannschaft Alfred Gislasons. Nach den Olympischen Spielen 2021, als hochkarätige Spieler wie Uwe Gensheimer, Steffen Weinhold, Finn Lemke und auch Hendrik Pekeler ihren Ausstand gaben, baute der Trainer-Routinier eine neue Mannschaft, vertraute früh einem Spieler wie Julian Köster, den er schon in der Zweiten Liga beim VfL Gummersbach verfolgte. Er machte Johannes Golla sofort zum Kapitän. Das wichtigste Ziel hat Gislason erreicht: Nach den alles in allem unerquicklichen Jahren mit Bundestrainer Christian Prokop hat er die deutsche Mannschaft wieder an die Weltspitze herangeführt. Die Auswahl gehört wieder uneingeschränkt zu den besten Handballnationen und hat zumindest zweimal überzeugt: Das war bei den Olympischen Spielen in Frankreich und auf der Zielgeraden bei der Europameisterschaft in Dänemark zu Jahresbeginn.
Zu statisch im Angriff?
Zweimal sprang die Silbermedaille heraus. Und hier kann man ansetzen: Im Januar war das Team erneut chancenlos im Finale gegen Dänemark. Im Mai reichte es auch nicht in zwei Testspielen gegen eine 1b des Weltmeisters. Der Abstand ist ein wenig kleiner geworden, gleichwohl gewinnt am Ende immer Dänemark. Vor allem beim (zu statischen) Angriffsspiel stagniert die Mannschaft. Auch das Umschaltspiel nach Ballgewinn scheint noch lange nicht ausgereizt.
So gesehen wäre ein neuer Impuls nicht schlecht gewesen, um dem Champion Dänemark weiter auf die Pelle zu rücken. Der entscheidende Punkt: Der allseits geschätzte Wunschkandidat ist unabkömmlich. Bennet Wiegert, erfolgreicher Trainer des SC Magdeburg, hat sich in der Bundestrainer-Debatte kürzlich erneut positioniert und sieht seinen Platz weiter beim deutschen Meister, mit dem er in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte nach der anderen schrieb.
Die Erwartungen für die Heim-WM sind hoch
Als es um einen möglichen Nachfolger Gislasons ging, fiel auch der Name Florian Kehrmann, Weltmeister von 2007. Aber auch Kehrmann scheint im Wirken bei seinem Verein TBV Lemgo Lippe noch nicht am Ende zu sein. Platz fünf in der Abschlusstabelle verglich er gerade mit einer deutschen Meisterschaft. Andy Schmid? Der frühere Schweizer Ausnahmespieler scheiterte Mitte Mai mit den Eidgenossen in der WM-Qualifikation, und er ist erst am Beginn seiner Trainerlaufbahn. Dagur Sigurdsson war 2014 schon ein gestandener Trainer, als der damalige DHB-Vizepräsident Bob Hanning ihn installierte.
Gislason genießt also das Vertrauen bei der Heim-WM. Er weiß: Die Erwartungen sind sehr hoch. Der Druck auf ihn ist nicht geringer geworden. Mit einem tadellosen Auftritt der deutschen Mannschaft kann er unterstreichen, dass seine Vertragsverlängerung eine gute Entscheidung war.