Alltagsmanager RHEINPFALZ Plus Artikel Unser Kind ist Linkshänder: Worauf Eltern achten müssen

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Wie Eltern erkennen, ob ihr Kind Linkshänder ist, warum Experten von einer Umschulung abraten und worauf es beim Schuleintritt ankommt.

1976 fiel der 13. August auf einen Freitag. Eigentlich kein gutes Omen, gilt Freitag der 13. doch in vielen Kulturen als Unglückstag. Und doch wählte Dean Richard Campbell, ein Ex-Soldat aus den USA, das Datum ganz bewusst für „seinen“ Gedenktag. Er wollte aufräumen mit den Mythen und Vorurteilen, die sich um Linkshändigkeit ranken. Seither ist der 13. August der Internationale Tag der Linkshänder.

Aus der Welt geschafft sind die Klischees über Linkshänder freilich noch nicht. Das zeigt ein kurzer Blick auf unsere Sprache. Wer „zwei linke Hände hat“, gilt als ungeschickt. Wer „mit dem linken Fuß aufsteht“, für den ist der Tag schon gelaufen. Wer nicht beachtet wird, fühlt sich „links liegen gelassen“. Und einfache Dinge macht man „mal eben mit links“. Umgekehrt sagt man Linkshändern besondere Begabungen nach, sie seien musikalischer, kreativer oder auch besser in Mathematik.

Die Welt ist auf Rechtshänder ausgelegt

Fakt ist: Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Dementsprechend ist die Welt auf sie ausgelegt. Scheren werden für Rechtshänder konzipiert, die meisten Werkzeuge auch, Türgriffe und Blöcke mit Spiralbindung ebenso. Beim iPhone wischt man mit dem Daumen nach rechts, um es auszuschalten. Und wenn man jemandem die Hand schütteln möchte, reicht man – na klar – die rechte.

Ob ein Kind Rechts- oder Linkshänder ist, zeigt sich laut Johanna Barbara Sattler früh. Sattler ist Psychologin und Psychotherapeutin und leitet in München die Erste Deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder. „Welche Hand die dominante ist, ist oft schon im Alter von zwei Jahren klar. Mit dieser Hand greifen die Kinder bevorzugt nach Essen oder Spielzeug“, erläutert Sattler. Es gebe aber auch Kinder, die noch mit vier oder fünf wechseln, also mal mit rechts und mal mit links greifen, malen oder werfen.

Vor der Einschulung sollte die dominante Hand klar sein

Ist dem so, sollten Eltern das beim Kinderarzt ansprechen und bei Bedarf eine spezielle Beratungsstelle aufsuchen, rät Sattler. Nur auf eigene Beobachtungen sollten sich Eltern nicht verlassen, denn die könnten täuschen – Kinder orientieren sich an Erwachsenen und greifen auch mal mit rechts zu, weil Mama das so macht. Auch die Schere sei kein gutes Testinstrument, so Sattler, denn Linkshänder könnten mit etwas Übung auch mit einer Rechtshänder-Schere umgehen – „allerdings mehr schlecht als recht“.

Spätestens bei der Einschulung muss klar sein, welche Hand die dominante ist, damit von Anfang an mit der geschrieben wird, betont Sattler. Eine Umschulung der Händigkeit könne sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken.

Ebenso wie der Zwang, mit der rechten Hand zu schreiben, obwohl das Kind eigentlich Linkshänder ist. „Das kann zu Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten führen und zu Problemen mit der Feinmotorik, etwa beim Schreiben“, erklärt Sattler. Mit der falschen Hand zu arbeiten, sei für das Gehirn sehr anstrengend, fordere viel Energie. Die fehle dann an anderer Stelle.

Das Besteck sollte mittig liegen

Wie sich eine Umschulung auf die rechte Hand auswirken kann, berichtet beispielsweise Marina Neumann, die in Berlin Linkshänder berät, auf ihrer Homepage „linkerhand“. „Ich wurde unter extremem Druck auf die rechte Schreibhand umgeschult. Die Schule war mir damit vom ersten bis zum letzten Tag verleidet worden.“

Als Kind habe sie häufig unter Schlafstörungen und Kopfschmerzen gelitten und sei schnell müde geworden – Probleme, die Neumann rückblickend auf die Umschulung zurückführt. Erst die Rückschulung habe ihr das Gefühl gegeben, sie selbst zu sein.

Eltern von kleinen Kindern rät Sattler, nach Möglichkeit keinen Einfluss darauf zu nehmen, mit welcher Hand ein Kind greift oder isst. Das bedeutet: Das Besteck sollte man bei den ersten selbstständigen Essversuchen mittig vor dem Teller positionieren, nicht links oder rechts davon. So kann der Nachwuchs selbst entscheiden, mit welcher Hand er den Löffel fasst. Der Griff des Bestecks sollte zum Kind zeigen. Auch Spielzeug oder Stifte sollte man dem Kind nicht in die Hand drücken, sondern es selbst danach greifen lassen.

Bitte keine Beidhänder-Schere kaufen, warnt die Expertin

Ist klar, dass das Kind ein Linkshänder ist, komme es auf die passenden Materialien an, betont Sattler. Füllfederhalter, Schreibhilfen, Spitzer, Spiralblöcke und Scheren gebe es inzwischen in der Linkshänder-Variante. Vom Kauf von sogenannten Beidhänder-Scheren rät Sattler ab. „Eine Schere, die sich für beide Hände gleich gut eignet, gibt es nicht. Scheren sind immer asymmetrisch, damit man einen guten Blick auf die Schnittkante hat.“

Unsere Schrift läuft von links nach rechts – da müssen Linkshänder ein paar Dinge beachten, damit die Schrift nicht verschmiere und es nicht zu Fehlhaltungen komme, erklärt Sattler. In der Schule sollten Linkshänder auf der linken Seite des Tisches sitzen. Falls das nicht möglich sei, sollten Lehrer zumindest darauf achten, dass links vom Linkshänder kein Rechtshänder sitzt, denn das schränke die Bewegungsfreiheit ein – auf beiden Seiten: Denn die Arme beider Kinder bewegen sich beim Schreiben immer mal wieder aufeinander zu. Da prallt schnell Ellbogen gegen Ellbogen.

Das Blatt oder Heft sollte bei Linkshändern etwas links der Körpermitte liegen und im Uhrzeigersinn gedreht sein – etwa in einem Winkel von 60 Grad. Spezielle Unterlagen, die den Neigungswinkel anzeigen, könnten helfen, die richtige Position für das Blatt zu finden, so Sattler.

Hakenhaltung beim Schreiben vermeiden

Die linke Hand sollten Linkshänder immer etwas unterhalb der Schreiblinie halten, ansonsten fährt die Hand über das frisch Geschriebene und die Schrift verwischt leicht. Vermeiden sollte man laut Sattler die sogenannte Hakenhaltung: Dabei liegt die Hand oberhalb der Schrift. Das könne auf Dauer die Armgelenke belasten; auch Verspannungen im Halswirbelbereich können die Folge sein.

Ansonsten rät Sattler Eltern, möglichst wenig Aufhebens um die Linkshändigkeit des Nachwuchses zu machen. „So lernt das Kind, dass Linkshändigkeit etwas ganz Normales ist und nichts Besonderes – weder im positiven noch im negativen Sinn.“

Links oder rechts? So wird’s getestet

Wie stellt man fest, ob ein Mensch Links- oder Rechtshänder ist? Laut Sebastian Ocklenburg, Professor für Biopsychologie an der Universität Bochum, gibt es mehrere Tests, um die bevorzugte Hand zu bestimmen. Beim „Edinburgh Handedness Inventory“, kurz EHI, werden zehn Verhaltensweisen abgefragt, zum Beispiel Schreiben, Zeichnen, Werfen, Zähneputzen oder ein Streichholz anzünden. Beim „Peg Board Test“ müssen die Teilnehmer kleine Holzstifte in Löcher auf einem Brett stecken – und zwar so schnell wie möglich. Bei der „Dot Probe Task“ wiederum erhalten die Testpersonen ein Blatt, auf dem Kreise abgedruckt sind. In diese Kreise müssen sie Punkte zeichnen. Anschließend wird verglichen, mit welcher Hand es schneller ging – und welche präziser zeichnete.

48 Gene mischen mit

Etwa 10 Prozent der Menschen sind Linkshänder, berichtet Ocklenburg. „Je nach Region schwankt der Anteil aber zwischen 4 und 14 Prozent.“ Warum die Händigkeit so ungleich verteilt ist, wissen Forscher noch nicht; fest steht inzwischen aber, dass nicht ein einziges Gen über die Händigkeit entscheidet, sondern 48 Gene Einfluss darauf nehmen. Aber nicht nur die Erbanlagen spielen laut Ocklenburg eine Rolle; auch hormonelle Schwankungen, Umwelteinflüsse oder das Geburtsgewicht werden als Faktoren diskutiert. Welche Hand wir bevorzugen, ist häufig schon vor der Geburt zu erkennen, berichtet Ocklenburg. „Auf Ultraschallaufnahmen lässt sich beobachten, welchen Arm das ungeborene Kind mehr bewegt und welche Hand es häufiger zum Gesicht führt. Diese Seite ist dann nach der Geburt in der Regel die dominante.“

Wenn Menschen je nach Tätigkeit die Hand wechseln – zum Beispiel mit rechts schreiben, sich aber mit links eine Stulle schmieren oder die Zähne putzen – sprechen Forscher von „Gemischthändigkeit“, erklärt Ocklenburg. „Auch in solchen Fällen kann man davon ausgehen, dass eine Hand die dominante ist, die andere aber aktiv trainiert wurde, zum Beispiel, weil die bevorzugte Hand in der Kindheit verletzt oder man umgeschult wurde, was früher häufig bei Linkshändern vorkam.“ Echte Beidhändigkeit, dass also beide Seiten gleich stark sind, sei hingegen sehr selten.

Denkorgan im Energiesparmodus

Ursache für unsere Händigkeit sind Links-Rechts-Unterschiede im Gehirn, die sogenannten hemisphärischen Asymmetrien. Das menschliche Gehirn ist in zwei Hälften (Hemisphären) geteilt. Diese Hälften übernehmen zum Teil unterschiedliche Aufgaben. So steuert beispielsweise die rechte Hirnhälfte die Bewegungen der linken Körperhälfte und umgekehrt. Sprache wird meist in der linken Hemisphäre verarbeitet, räumliches Denken hingegen in der rechten Hälfte, erläutert Ocklenburg. Das sehe man zum Beispiel bei Schlaganfallpatienten: Je nachdem, welcher Bereich im Gehirn betroffen ist, haben Patienten Probleme beim Sprechen oder bei der Orientierung. Neben motorischen Asymmetrien wie Händigkeit und Füßigkeit gibt es auch sensorische Asymmetrien: etwa, mit welchem Auge wir durch ein Fernrohr schauen oder welches Ohr wir an die Tür legen würden, wenn wir jemanden belauschen möchten.

Die Aufgabenteilung zwischen den beiden Hirnhälften nennen Forscher Lateralisation. Entstanden ist diese Aufgabenteilung vermutlich aufgrund des hohen Energieverbrauchs des menschlichen Denkorgans: „Unser Gehirn verbraucht etwa 20 Prozent der Kalorien, die wir täglich zu uns nehmen. In Zeiten, in denen Nahrung knapp war, war es daher wichtig, keine Energie zu verschwenden. Durch die Aufgabenteilung arbeitete das Gehirn effizienter und sparte kostbare Energie“, erklärt Ocklenburg.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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