Alternative Bauweisen RHEINPFALZ Plus Artikel Nullenergiehaus: Kühl ohne Klimaanlage, warm ohne Heizung

Dank alternativer Bauweisen bleiben Häuser auch im Hochsommer angenehm kühl.
Dank alternativer Bauweisen bleiben Häuser auch im Hochsommer angenehm kühl.

Maximal 25 Grad im Sommer, ganz ohne Klimaanlage. Und im Winter ist es warm, obwohl es keine Heizung gibt. Was anderswo möglich ist, kommt in Deutschland nur langsam voran.

Draußen herrscht brütende Hitze, aber in dem Berliner Dachgeschoss ist es angenehm kühl. Selbst in sehr heißen Sommern seien die Temperaturen hier nie über 25 Grad geklettert, sagt der Eigentümer. Und das ohne Klimaanlage! Dafür wurde das Dach mit recyceltem Papier, Strohbauplatten, Zellulose-Wärmedämmung, zweilagigem Lehmputz und einer Deckenflächenheizung mit Kapillarrohrmatten ausgestaltet. Die Baustoffe sorgen für eine Phasenverschiebung von 14 Stunden, die sommerlichen Wärmeschutz garantieren. Und sie sind auch der Grund dafür, dass die Luft im Winter nicht so trocken ist wie in Räumen mit Zentralheizung. Auf die konnte dank der alternativen Bauweise auch verzichtet werden.

Ein Berliner Architekt, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat einen Verdacht, warum hierzulande nicht schon viel mehr Häuser dieser Art stehen. Daran würde keiner verdienen, meint er, weder der Heizungsbauer oder der Energielieferant, noch die Firmen, die Klimaanlagen herstellen.

In Gräfelfing bei München schuf das Architekturbüro Schwarz mit dem Inoveo Campus trotzdem ein Bürogebäude, das komplett ohne Klimaanlage und Heizung auskommt. Das Gebäude besteht aus zwei Komponenten: zum einen dicke, wärmedämmende Porenziegel-Außenwände mit einer großen Speicherfähigkeit, zum anderen fast raumhohe schmale Fensterelemente mit Lüftungsklappen, die dank einer intelligenten Steuerung je nach CO2-Gehalt der Luft für ein gesundes Raumklima sorgen.

Nachtauskühlung mit Lüftungsklappen

Infolge eines ausgeklügelten Sonnen- und Schatten-Managements bleibt das Klima in den Innenräumen weitgehend gleich. Für den Heizwärmebedarf werden die im Haus arbeitenden Personen, Rechner, Bildschirme und Beleuchtung eingerechnet. Im Sommer, wenn es heiß wird, sorgt eine intensive Nachtauskühlung mit Lüftungsklappen für angenehme Temperaturen in den Innenräumen. Den Großteil des Stroms, der im Haus verbraucht wird, erzeugt eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach. Es gibt allerdings Einschränkungen für die Nutzung des Gebäudes. „Voraussetzung des nachhaltigen Gebäudekonzeptes ist der Grundsatz, dass jede Mietpartei aus einem möglichst zusammenhängenden Raum besteht, in dem die Luft frei zirkulieren kann“, sagen die Architekten.

Warum ein solches Haus in der Bauwirtschaft bislang praktisch keine Nachahmer gefunden hat, erklärt der Architekt Hans-Günther Schwarz: „Wir bauen Häuser mit einer Wanddicke von 75 Zentimetern. Das machen Wohnungsbaugesellschaften in der Regel nicht, dort sind sehr geringe Wanddicken üblich, die dann eine Dämmung mit Styropor erhalten. Wohnungsbaugesellschaften legen Wert auf eine große vermietbare Fläche, die man mit den dicken Außenwänden nicht erzielen kann.“ Schwarz moniert, dass Folgekosten und CO2-Ausstoß bisher bei der Planung kaum eine Rolle spielen. „Ein Umdenken der bestehenden Bauweisen ist notwendig, um weniger Energie im laufenden Betrieb zu verbrauchen“, lautet sein Appell.

Michael Schmitt von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG München erkennt die Innovation der heizungslosen Häuser an: Diese Projekte seien technisch sehr innovativ und zukunftsweisend. Aber: „Aufgrund der relativ klar vorhersehbaren Nutzungskapazität und Nutzungsdauer über den Jahreszyklus lässt sich ein Wärme- und ein Kühlsystem leichter umsetzen als im Wohnungsbau.“ Im Wohnungsbau, so sieht es Schmitt, seien Routinen der Mieter nur bedingt vorhersehbar.

Wärmespeicher in Decken, Böden und Wänden

„Weiterhin sind Voraussetzungen wie standardisierte nächtliche Lüftung im Sommer nicht in allen Wohnlagen umsetzbar, oder sie können den Mietern nicht uneingeschränkt vorgeschrieben werden“, so Schmitt. Er weist auch auf die Normen im deutschen Wohnungsbau hin, die innovativen Wohnhäusern Steine in den Weg legen. „Im Wohnungsbau in Deutschland gibt es DIN und VDI Normen für minimale und maximale Temperaturen im Sommer und im Winter, an deren Einhaltung wir gebunden sind.“

In Zweisimmen bei Bern in der Schweiz steht seit 2014 ein wegweisendes Büro- und Wohngebäude in Holzbauweise, das nicht beheizt werden muss. Entworfen hat den Fünfgeschosser das Architekturbüro Thoma. In den unteren zwei Etagen befinden sich Büros, darüber wurde Wohnraum geschaffen. Die Lösung liegt in einer atmungsaktiven Holzhülle ohne Dampfsperren und Folien. Diese sorgen dafür, dass die Luftqualität hervorragend bleibt. „Beinahe jeder Fachmann würde zu so einer Idee ,unmöglich’ sagen“, heißt es vonseiten der Architekten. Doch Thoma machte das Unmögliche möglich, das Haus funktioniert und erfreut seine Bewohner seit nunmehr fast zehn Jahren.

Vorbild war das „Nullheizenergiehaus“, das der Architekt und Energieingenieur Andrea Rüedi schon in den 1990er-Jahren in Trin in Graubünden schuf. Die fehlende Heizung machten große Fensterwände nach Süden und Wärmespeicher in Decken, Böden und Wänden wett. Außerdem eine Dämmung mit einer 30 Zentimeter dicken Schicht aus Zelluloseflocken. Thoma verschlankte das Konzept etwas und verwendete zur Dämmung Flachsfasern. Zur Speicherung wurden Holzbetonplatten verwendet, die zur Trittschalldämmung Stampflehm enthalten.

Menschen sind an beheizte Räume gewöhnt

Die Sonneneinstrahlung im Winter wärmt das Haus auf; doch auch an trübe Tage wurde gedacht. Eine ausgeklügelte Technologie sorgt dafür, dass das Haus nicht auskühlt. Jedenfalls wurden im Winter nie Temperaturen unter 18 Grad gemessen. Zudem, das wird Umweltbewusste freuen, erfolgte der Bau des Hauses nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Man könnte das Haus, wenn man denn wollte, in seine Einzelteile zerlegen und sie wieder in den Produktkreislauf einspeisen.

Anna-Katharina Zahler, die das Schweizer Architekturbüro N11 Architekten leitet, weist darauf hin, dass eine solche ressourcensparende Bauweise aus mehreren Gründen immer noch eine Nische sei. „Die gesetzlichen Bestimmungen erschweren Bauweisen, die nicht dem üblichen Standard entsprechen“, sagt sie. „Für beheizte, gekühlte oder mechanisch belüftete Räume gelten die Vorgaben für die Raumtemperatur nach SN546/1. Je nach Außentemperatur liegen diese zwischen 20,5 Grad und 26,5 Grad.“

Zum Passivhaus sagt Zahler: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und er hat sich an die beheizten Räume und die immer konstant bleibenden Temperaturen angepasst. Ein anderes Raumklima und leicht schwankende Temperaturen, wie sie in Passivhäusern vorkommen, werden als unangenehm empfunden.“ Nicht dem Gesetz entsprechende Rahmenbedingungen würden dann auch von den Bewohnern bemängelt.

Ressourcenschonendes Bauen ist eine Nische

Alternative Bauweisen laufen laut Zahler noch unter ferner liefen: „Ressourcensparend Bauen ist eine bewusste Entscheidung, wie auch die, dass auf übermäßigen Konsum verzichtet wird. Wenn jetzt eine Mehrheit der Menschen noch nicht in dem Denken angekommen ist, dann bleibt auch ressourcenschonendes Bauen eine Nische.“

Für die Architekten bedeutet ressourcenschonendes Bauen natürlich Mehrarbeit. „Der Planungsaufwand ist etwas höher als bei der konventionellen Bauweise, da die Unternehmen zurzeit noch nicht auf solche Bauweisen umgestellt haben“, sagt Zahler. Der Mehraufwand zahle sich jedoch, da ist sie sich sicher, aus ökologischer Sicht aus. Mehr noch: „Wenn die Bauweise konsequent umgesetzt wird und auch Bauteile wiederverwendet werden können, so sind die Baukosten unterm Strich günstiger als bei Standardbauweisen. Ein weiterer Vorteil sind auch die Unterhaltskosten: Wenn Häuser mit weniger Haustechnik auskommen, so sind sie auch im Unterhalt günstiger.“

In Altdorf bei Nürnberg entsteht nach einem Entwurf von Hans-Günther Schwarz, der auch den Inoveo-Campus plante, seit Februar das „ZiHaus“. Es ist ein kleines, autarkes Wohnhaus, das vollständig ohne herkömmliche Heizung, Kühlung und Lüftung durch Sommer und Winter kommen soll. Schwarz entwickelte diese Bauweise aus Ziegelsteinen, und wenn alles so läuft wie geplant, kann dieses Haus sogar Strom ins öffentliche Netz einspeisen – nicht umgekehrt.

Neues Bauen bislang einzigartig und deshalb teuer

Luftdicht ist das neuartige Wohnhaus nicht gebaut, die einzige Technik besteht aus einer Solarelektrik mit intelligenter Steuerung. „Durch selbst entwickelte Elemente kann ich im Sommer bereits Solarenergie für den Winter speichern“, sagt Schwarz. Der Haken dabei: Dieses neue Bauen ist einzigartig – und deshalb teuer. Deswegen baut Schwarz das autarke Haus barrierefrei fürs Alter, damit sich die Investition wieder auszahlt. Schwarz wird selber in dem Haus wohnen. Er möchte mit dem Haus einen Anstoß geben für ähnliche Projekte, weswegen er auch wöchentliche Baustellenbesichtigung anbietet, für die sich jeder anmelden kann.

Sven Wünschmann von CSD Ingenieure in der Schweiz, die sich auf nachhaltiges Bauen und Bauphysik spezialisiert haben, sagt, dass in Deutschland angesichts hoher Energiepreise viel zu wenig über innovative und zukunftsweisende Konzepte diskutiert werde. Auch Naturbaustoffe seien in Deutschland immer noch eine fast vergessene Nische. „Nachwachsende Baumaterialien wie Holz oder Holzwerkstoffe sowie Baustoffe, die sich gut recyceln lassen wie Lehm, helfen, eine ressourcenschonende Bauweise umzusetzen und Stoffkreisläufe zu schließen“, sagt Wünschmann. Bauen, so sieht es der Ingenieur, nehme enorme Ressourcen in Anspruch und könne auf Dauer nur in geschlossenen Stoffkreisläufen umweltgerecht gelingen.

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt.

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