Henry Kissinger
Nixons Außenminister aus Deutschland: Ein Machtdiplomat wird 100
In einem exklusiven Damenclub der New Yorker High Society hat der Redner seinen Vortrag über Geopolitik gerade beendet, als eine makellos frisierte, mit Juwelen behängte Besucherin schüchtern auf ihn zutritt. Mit vor Aufregung zitternder Stimme sagt sie: „Doktor Kissinger, ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie für uns die Welt retten.“ Der Angesprochene lächelt ihr zu und antwortet: „Gern geschehen, Madam.“
Das ist bezeichnend für den Mann, der am 27. Mai 1923 im fränkischen Fürth als Heinz Alfred Kissinger zur Welt kam, mit 15 Jahren vor nationalsozialistischer Verfolgung in die USA floh, mit 31 Professor für politische Wissenschaften an der renommierten Harvard-Universität wurde, mit 46 als außenpolitischer Chefberater in die Regierung des konservativen Präsidenten Richard Nixon eintrat und mit 50 seinem neuen Heimatland schließlich als Außenminister diente.
Eigentlich ein staubtrockenes Leben zwischen Seminaren und Sitzungen. Doch seine überbordende Eitelkeit, sein sarkastischer Humor und seine glühende Sehnsucht nach Beifall und Bewunderung lockte Kissinger aus den Hörsälen und Regierungsfluren hinaus auf andere große Bühnen. Der kleine Mann mit den dicken Brillengläsern und den gewellten Haaren trat als Gast in der Fernsehsoap „Denver Clan“ auf, stürzte sich mit Hollywood-Schönheiten wie dem Bond-Girl Jill St. John ins New Yorker Nachtleben und erfüllte der Blondine einen geheimen Wunsch: eine Begegnung mit Sowjetführer Leonid Breschnew. Ein Professor wird zum Popstar, zum diplomatischen Geheimagenten 007. Die Welt ist für Henry Kissinger nie genug.
Bis heute ist das so geblieben. Statt sich von Gattin Nancy im Apartment an der Upper East Side in Manhattan Pantoffeln an den Sessel bringen zu lassen und ein Glas Pfefferminztee zu schlürfen, reist der Unermüdliche herum und gibt zwischen zwei Cocktails im Scheinwerferlicht mit seiner tiefen Bassstimme Interviews. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2022 schlug er vor, die Ukraine solle doch Russland die Krim überlassen und dafür den Osten zurückerhalten – das könne der Pfad zu einem dauerhaften Frieden sein. Was den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj derart in Rage brachte, dass er Kissinger vorwarf, sein Denken sei im Jahr 1938 verwurzelt und er spreche wie die Politiker 1938 in München – auf der Konferenz also, bei der Hitler mit Billigung der großen Mächte die Tschechoslowakei zerschlug.
An Selenskyjs Wutausbruch ist eine Beobachtung richtig: Bereits in seiner Doktorarbeit über die Staatenwelt des 19. Jahrhunderts und deren Baumeister Metternich und Castlereagh hat Kissinger eine imperiale Theorie von Außenpolitik entwickelt, die auf die Interessen kleinerer Länder wenig Rücksicht nimmt. Seine Hauptthese lautet: Eine multipolare Welt stiftet nur Chaos. Die Selbstbestimmung der Völker und Souveränität der Staaten garantiert nicht den Frieden. Nur eine globale Macht, die in der Lage ist, überall und unverzüglich auch mit militärischen Mitteln einzugreifen, kann den Weltfrieden erzwingen. Und in den Augen des Wahl-Amerikaners können das natürlich nur die USA sein.
Kissinger ist die Verkörperung des US-amerikanischen Immigranten-Mythos: ein Flüchtling, der ohne Hab und Gut im Land ankommt, sich emporarbeitet und dabei berühmt und einflussreich wird. Im Fürth der Weimarer Republik zählten die Kissingers zum arrivierten Mittelstand. Vater Louis war Lehrer am städtischen Lyzeum, Mutter Paula stammte aus einer reichen Familie von Viehhändlern. Doch die Zukunft wird dem kleinen Heinz von Rassisten verbaut. Auch zu den Fußballspielen der geliebten SpVgg Fürth, die in diesen Jahren sogar zweimal Deutscher Meister wurde, darf der Judenjunge nicht mehr ins Stadion, das staatliche Gymnasium bleibt ihm verschlossen. Die Welt öffnet sich ihm nur noch in Büchern – historische Wälzer und geschichtliche Romane. Die Familie hat keine Perspektive mehr. Im August 1938, zwei Monate vor der Pogromnacht, besteigen die Kissingers das Schiff, das sie nach New York bringt. Heinz nennt sich nun Henry. Er lernt fleißig, erringt Bestnoten und findet Förderer. Der Außenseiter integriert sich, entwickelt Selbstbewusstsein. 1947 beginnt er in Harvard sein Studium. In einer Eliteuniversität, die zur Kaderschmiede des Kalten Krieges wird.
Dort formt sich Kissingers Weltbild, das auf drei Säulen ruht. Erstens: Die Vorherrschaft der USA ist unverzichtbar, denn sie bringt Stabilität. Zweitens: Führungskraft braucht den Willen zur Gewalt, denn Diplomaten können nur erfolgreich sein, wenn sie Druck auf Gegner ausüben können. Drittens: Macht in der Außenpolitik beruht auf militärischer Stärke. Kein Land soll glauben, die USA bedrohen zu können.
Diese Leitlinien legt der Professor Kissinger in seinem Buch „Kernwaffen und auswärtige Politik“ dar. Es ist das Jahr 1957, und Amerika leidet unter dem „Sputnik-Schock“, zweifelt an der eigenen Führungsrolle. Kissinger stellt nun die Gretchenfrage: Wie hält es Amerika mit seinen Atomwaffen? Seine Antwort ist klar: Das Land braucht eine Strategie, dieses Vernichtungsarsenal politisch zu nutzen. Die Drohung mit Selbstmord glaubt angesichts des atomaren Patts keiner.
Das Buch wird zum Bestseller. Sein Autor tritt in Fernsehshows auf, ist nun ein Medienstar. In Washington sucht man den Rat des Intellektuellen. Und als Richard Nixon 1969 ins Weiße Haus einzieht, macht er Kissinger zu seinem Nationalen Sicherheitsberater. Von seinen Vorgängern hat Nixon diesen verfahrenen Krieg in Vietnam geerbt und braucht einen Ausweg, um seine Soldaten aus den Reisfeldern Südostasiens nach Hause zu holen. Kissinger entwirft eine kaltblütige Doppelstrategie: Mit massiven Bombardements auf Nordvietnam und Angriffen auf die Nachschubwege auch im neutralen Kambodscha zwingt er den Gegner an den Verhandlungstisch. Nach dreijährigen geheimen Gesprächen in Paris kommt ein Frieden zustande, der zwar den Bürgerkrieg im Land selbst nicht beendet, aber den US-Truppen den „ehrenvollen“ Abzug ermöglichen soll. Dafür erhält Kissinger 1973 den Friedensnobelpreis – gemeinsam mit seinem nordvietnamesischen Widerpart Le Duc Tho.
Geheimdiplomatie, ein Instrument aus dem diplomatischen Baukasten des 19. Jahrhunderts, wird zu einem Markenzeichen Kissingers, der ab September 1973 auch Außenminister ist. Geheim ist seine Reise nach Peking ins weltpolitisch isolierte China, mit der er Nixons sensationellen Besuch vorbereitet und die weltpolitischen Optionen der USA erweitert. Geheim sind die Gespräche in Moskau, die zu ersten Rüstungskontrollabkommen mit der Sowjetunion führen und der Entspannung einen Schub verleihen. Im Nahen Osten endet mit Kissingers Pendeldiplomatie die Serie der Kriege zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn Ägypten und Syrien.
Seine Erfolge schützen Kissinger nicht vor massiver Kritik. Der Hauptvorwurf seiner Gegner: Kissingers Politik beruhe auf einer Missachtung von Moral und Menschenrechten. Stanley Hoffmann, ein früherer Kollege an der Harvard-Universität, nennt Kissinger ein Machtmonster; Rücksichtslosigkeit sei die Grundlage seiner politischen Strategie. Der bekannte investigative Journalist Seymour Hersh polterte: „Wenn der Rest von uns nicht einschlafen kann, zählen wir Schafe, und dieser Kerl muss bis zum Ende seiner Tage verbrannte und verstümmelte kambodschanische und vietnamesische Babys zählen.“ Besonders die undurchsichtige Rolle der USA beim Putsch in Chile gegen den gewählten linken Präsidenten Salvador Allende wird Kissinger angekreidet. Amerikas Außenminister gratulierte Militärherrscher Pinochet mit den Worten, er habe dem Westen einen großen Dienst erwiesen, weil unter Allende Chile den Weg Kubas gegangen wäre.
In seinem 2014 erschienenen Buch „Weltordnung“ argumentiert er, dass Beziehungen zwischen Staaten der „pragmatischen Anpassung an die Realität“ und nicht einer „einzigartigen moralischen Einsicht“ unterworfen sein sollten. Nur eine stabile Ordnung, glaubt er, könne den „anarchischen Charakter der Welt bändigen“.
Nach dem Sieg von Jimmy Carter bei der Präsidentenwahl 1976 verlässt Kissinger die politische Bühne. Von der Weltbühne steigt er jedoch nicht herab. Er gründet eine Politikberatungsfirma, hält für hohe Honorare Vorträge und schreibt Zeitungsartikel und Bücher – noch mit 99 ein viel beachtetes Werk über Staatskunst. Der Mann, der von den Zeitgenossen verehrt oder gehasst wurde, ist mit sich selbst im Reinen. Zwar plagen ihn die Bürden des Alters, er ist auf einem Auge blind und hört schlecht, doch freudig erzählt er Besuchern von seinen Plaudereien mit Mao Zedong und warum es legitim war, in Kambodscha Feuer vom Himmel regnen zu lassen. Ruhestand ist für einen Weltenretter in der Geschichte nicht vorgesehen.
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