Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Nach der Ahrflut: Eine Patisserie für die tote Tochter

Den Eltern Inka und Ralph Orth tut es gut, den Weg zu gehen, den Johanna gehen wollte. Und Marcel Reinhardt (rechts) freut sich
Den Eltern Inka und Ralph Orth tut es gut, den Weg zu gehen, den Johanna gehen wollte. Und Marcel Reinhardt (rechts) freut sich über die engagierten Investoren.

Johanna Orth träumte von einer eigenen Patisserie. Doch die Konditormeisterin starb mit nur 22 Jahren bei der Flut im Ahrtal. Ihre Eltern machen ihren Traum nun wahr.

Knuspriges Blätterteiggebäck, filigrane Törtchen, handgeschminkte Pralinen und bunte Macarons liegen präzise aufgereiht in den Theken bereit. Wer die „Patisserie Johanna“ in der Hamburger Speicherstadt betritt, der sieht nicht nur die essbaren Kunstwerke. Auffällig sind die großformatigen Fotos einer hübschen jungen Frau. Lange; braune Haare, dunkle Augen, zarte Gestalt. „Wahrscheinlich würde Johanna den Laden zu groß finden. Sie hatte sich eher eine kleine Patisserie vorgestellt“, sagt Mutter Inka Orth. Das schmucke Café mit gläserner Produktion ist das Vermächtnis von Johanna Orth, die im Alter von 22 Jahren bei der Jahrhundertflut im Ahrtal ums Leben kam.

Der Juli 2021

Rückblick. Mitte Juli 2021 bringt das Tiefdruckgebiet Bernd riesige Regenmengen. Es fallen 80 bis 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Kleine, bisher harmlose Flüsse wie die Ahr werden zu grausamen, menschenfressenden Monstern. Die Naturkatastrophe trifft die Menschen in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen aus dem Nichts. Zu den 135 Opfern im Ahrtal, deren Leben völlig unerwartet ausgelöscht wird, gehört eine 22 Jahre junge Frau, die viele Ziele und Ideen hatte. Das Leben der Familie Orth teilt sich seither in eine Zeit vor dem 14. Juli 2021 und eine Zeit danach. Sie nennen es „das alte und das neue Leben“.

Wie kann man solch eine Tragödie aushalten? Wie verkraftet man den Verlust eines Kindes? Die Eltern versuchen, die Umstände von Johannas Tod zu rekonstruieren. An dem verhängnisvollen Tag im Sommer vor vier Jahren ist das Ehepaar gerade nach Mallorca in den Urlaub gefahren, ohne die erwachsenen Kinder. Sohn Max ist bei sich zu Hause in Bonn. Tochter Johanna, die ihren Meister als Konditorin gemacht hatte, büffelt in Bad Neuenahr für die Prüfungen ihres BWL-Studiums. In der Nacht ruft sie um kurz vor halb eins bei ihrem Vater auf dem Handy an. Völlig aufgelöst erzählt sie, dass sie die Tür ihrer Wohnung nicht öffnen kann: „Papa, hier ist überall Wasser, überall!“ Dann bricht die Verbindung ab. Die Orths erreichen ihre Tochter nicht mehr und nehmen außer sich vor Sorge den ersten erreichbaren Flieger nach Köln-Bonn. Die Katastrophe hinterlässt im Ahrtal Verwüstung, Schmerzen, Trauer und Narben. Verzweifelt suchen die Eltern nach ihrer verschwundenen Tochter. Es dauert drei unendlich lange Tage, bis Johanna in einer Tiefgarage gefunden wird. Ertrunken.

„Du willst nur sterben“

In einem Radiointerview sagt Inka Orth: „Das Leben bricht in dem Augenblick zusammen und eigentlich willst du nur selbst sterben.“ Ihr Mann ergänzt: „Es reißt einem das Herz heraus.“ Johanna hat sich von kleinauf für feines Gebäck und Pralinen interessiert. Schon mit 13 Jahren buk sie die schönsten Kuchen. Nach dem Abitur absolvierte sie in Trier eine Ausbildung als Konditorin, legte ihre Meisterprüfung ab und studierte dann in Koblenz Betriebswirtschaft. Sie wollte eine kleine Patisserie eröffnen, es gab sogar schon einen Businessplan. Patisserie Marlies sollte der Laden heißen – zu Ehren der Oma, einer begnadeten Backkünstlerin. „Wenn wir als vierköpfige Familie meine Schwiegermutter besucht haben, hatte sie grundsätzlich drei Kuchen gebacken“, erzählt Inka Orth. „Diese Begabung hat Johanna geerbt“, sagt Ehemann Ralph.

Die Orths finden, die Toten dürfen nicht vergessen werden. „Wir sind an die Öffentlichkeit gegangen, damit man die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht“, sagt Inka Orth. Im Gegensatz zu vielen anderen Opferangehörigen sind sie den Umgang mit der Presse gewohnt. Ralph Orth betreibt eine Seniorenresidenz, Inka Orth ist im Verein „Bunter Kreis Rheinland“ aktiv und engagiert sich für frühgeborene und kranke Kinder.

Es fehlen zu viele Antworten

Sie stellen Fragen. Um mit der Tragödie abschließen zu können, fehlen einfach zu viele Antworten. Warum wurde nicht ausreichend vor der Flut gewarnt? Warum hat man nicht evakuiert? Könnte Johanna noch leben? In die Trauer mischt sich Wut. Wie setzt man die Welt wieder zusammen, wenn sie plötzlich zerbricht? Inka Orths Rezept gegen die Trauer: Sie will verstehen, wofür ihre Tochter gebrannt hat. „Also habe ich an einer Patisserieschule 15 Kurse belegt“, erzählt die heute 60-Jährige. In den Seminaren ging es um Pralinenherstellung, Eisproduktion oder die Technik des Zuckerziehens. Im Kurs „Gelier- und Bindemittel“ in Neu-Ulm saß sie neben einem jungen Schwaben: Marcel Reinhardt aus Allmersbach im Tal im Rems-Murr-Kreis. Sie kamen ins Gespräch und trafen sich wenige Wochen später.

„Als ich ihre Geschichte gehört habe, war das ein totaler Schock. Ich kannte die Flut im Ahrtal nur aus dem Fernsehen“, sagt Marcel Reinhardt. Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch. Und Inka Orth erkennt: Das ist der Profi, den es für die Verwirklichung von Johannas Traum braucht. Sie nehmen sich Zeit, sich besser kennenzulernen. Auch Marcels Eltern treffen die Orths, und alle sind sich bald einig: Zusammen gehen wir das Projekt an. Marcel Reinhardt hat bei der Bäckerei Trefz in Weissach im Tal gelernt, arbeitete nach der Ausbildung bei der Konditorei Lämmle in Rudersberg und ging dann als Patissier ins Hyatt Hotel im Düsseldorfer Medienhafen. Der gebürtige Waiblinger ist nicht der Mann für die großen Brotlaibe. „Ich wollte immer schon gerne filigran arbeiten.“ Deshalb bildet er sich in Neu-Ulm weiter.

Ab nach Hamburg!

Marcel und Johanna hätten sich sicher gut verstanden, fast gleiches Alter, ähnliche Philosophie. Beide wollen von klein auf Backen, beide träumen von einem eigenen Laden mit moderner, luxuriöser Confiserie. Höchste Qualität, nicht zu süß. Genau das gibt es jetzt in der Patisserie Johanna. Nicht in der Stuttgarter Gegend, wo Marcel aufwuchs, nicht in der Heimat der Orths in Bad Neuenahr-Ahrweiler, sondern in Hamburg.

Warum dort? „Hamburg ist Ralphs und meine Lieblingsstadt“, sagt Inka Orth. Ein pulsierender Ort, weit weg vom Ahrtal, wo man noch immer über viele Baustellen und noch mehr traurige Erinnerungen stolpert. „Hamburg ist eine Weltstadt und der richtige Ort für unsere hochwertigen Produkte“, sagt Marcel Reinhardt und erzählt, dass er sehr gerne an der Elbe wohnt. In der Speicherstadt fanden sie passenderweise einen ehemaligen Kakaospeicher und richteten dort einen sehr schicken Laden ein. „Da ist viel Fügung dabei“, sagt Inka Orth. Den Eltern tut es gut, den Weg zu gehen, den Johanna gehen wollte. Und Marcel Reinhardt freut sich über die engagierten Investoren.

Bronzestatue im Laden

Die Geschichte von Johanna berührt ihn sehr. „Ihre Familie und Freunde haben mir so viel erzählt, dass es mir so vorkommt, als hätte ich sie wirklich gekannt“, sagt der 25-Jährige. Und Johanna ist sehr präsent, durch die Fotos und durch eine lebensgroße Bronzestatue im Laden. Die Orths haben einen zweiten Abguss bei sich im Garten im Ahrtal. Marcels und Johannas Meisterbriefe hängen nebeneinander an der Wand.

Die ,,Signature-Praline Kirsche Nougat“ ist Johanna gewidmet. Das Rezept war ihr Gesellenstück. Ansonsten liegt die Produktentwicklung in Marcel Reinhardts Verantwortung. Er ist der Betriebsleiter. Als die „Patisserie Johanna“ sich kürzlich beim Kulinarikfestival „Europas Beste“ präsentierte, stand sein Name auf dem Plakat. Nur selten sind er und die Orths verschiedener Meinung. „Als ich ein Törtchen mit Marshmallows kreiert habe, mochte Inka das nicht. Aber ich sagte: Das bleibt jetzt so.“

Seine Geschäftspartner packen in der Patisserie selbst mit an. Inka Orth hält die Fäden in der Organisation zusammen. Ralph Orth, der gelernte Betriebswirt, kümmert sich um die finanziellen Dinge des Unternehmens, den IT-Bereich und die vielen Kundenanfragen. „Außerdem bin ich eine Art Hausmeister“, sagt der 61-Jährige. An diesem Morgen sind die Kassen ausgefallen. Er muss sie alle neu starten.

Das Ehepaar pendelt nun zwischen Hamburg und dem Ahrtal hin und her. Zwei Tage die Woche sind sie in der alten Heimat. Um nach der Seniorenresidenz zu sehen, in die ihr Sohn Max eingestiegen ist. Und um Johanna zu besuchen.

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Das schmucke Café mit gläserner Produktion ist der Erinnerung an Johanna Orth gewidmet, die im Alter von 22 Jahren bei der Flut
Das schmucke Café mit gläserner Produktion ist der Erinnerung an Johanna Orth gewidmet, die im Alter von 22 Jahren bei der Flut im Ahrtal ums Leben kam.
Die „Signature Praline Kirsche Nougat“ (rechts unten) war Johanna Orths Gesellenstück.
Die »Signature Praline Kirsche Nougat« (rechts unten) war Johanna Orths Gesellenstück.
Neben verschiedenen handgeschminkten Pralinen gibt es im nagelneuen Laden in der Hamburger Speicherstadt nun auch bunte Macarons
Neben verschiedenen handgeschminkten Pralinen gibt es im nagelneuen Laden in der Hamburger Speicherstadt nun auch bunte Macarons zu kaufen.
Das Café der Patisserie.
Das Café der Patisserie.
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