Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Mitten durch die Stadt

Einst eine Hochbahntrasse, heute ein beliebter Park: die High Line in Manhattan. Ehe sich eine Nachbarschaftsinitiative der 2,6
Einst eine Hochbahntrasse, heute ein beliebter Park: die High Line in Manhattan. Ehe sich eine Nachbarschaftsinitiative der 2,6 Kilometer langen Strecke annahm, war die Gegend von Kriminalität, Drogen und dem Straßenstrich geprägt.

Schön gestaltete Straßen, Wege und Haltestellen helfen bei der Verkehrswende. Das zeigen Projekte in Wien, New York oder Wuppertal.

Lange Zeit wurde die Unterführung des Brooklyn-Queens Expressway in New York von den Besuchern der umliegenden Bars als öffentliches Klo missbraucht. Das änderte sich, als Designer Stefan Sagmeister die schmuddeligen Tunnelwände mit dem Schriftzug „Yes“ in ein Kunstwerk verwandelte. Die Neugestaltung veränderte die Atmosphäre, verpasste dem Ort ein komplett neues Image. Mittlerweile lassen sich Hochzeitspaare vor dem Schriftzug fotografieren. Die Tage der Wildpinkler sind vorbei.

„Schönheit kann uns verwandeln. Sie kann verändern, wie wir uns fühlen und wie wir uns benehmen“, erklären Sagmeister und die Designerin Jessica Walsh in ihrem Buch „Beauty“. Aus ihrer Sicht gilt das sowohl für Gegenstände des Alltags als auch für die Stadt- und Verkehrsplanung.

Wenn über Mobilität geforscht und geredet wird, fällt der Begriff Schönheit zwar selten. Dennoch beobachten Wissenschaftler genau, wie Fuß- oder Radwege, Warteräume oder auch Stadtmöbel auf die Menschen wirken. Welche Bedürfnisse wir haben, rückt zunehmend in den Mittelpunkt, wenn es darum geht, aktive Mobilität – also das zu Zufußgehen oder das Radfahren – zu fördern.

Aber was macht eine schöne Umgebung überhaupt aus? Laut Helge Hillnhütter, Stadtplaner und Professor an der Norwegischen Universität für Naturwissenschaften und Technik, empfinden Menschen einen Stadtraum als angenehm, wenn der Mix stimmt aus Grünanlagen, Schaufenstern, schönen Fassaden, anderen Menschen und Sicherheit. Außerdem hat er festgestellt, dass Fußgänger am meisten auf das reagieren, was sich in ihrem Radius in fünf bis sechs Metern Entfernung befindet.

Das Gehen wird vernachlässigt

Seine Forschungsergebnisse kennt jeder aus der eigenen Erfahrung: Wer an großflächigen Fassaden entlangläuft, empfindet den Weg schnell als langweilig und der Weg erscheint länger, sagt Hillnhütter. Wenn es obendrein noch dunkel oder laut sei und übel rieche, steigere das die negativen Empfindungen. Das führe dazu, dass man beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr zu Fuße gehe, sofern sich ins Auto setzt.

Lange Zeit wurde das Gehen von der Verkehrsforschung vernachlässigt. Hillnhütters Studien zeigen: Das ist ein Fehler. „Wir gehen überall und ständig zu Fuß“, sagt der Wissenschaftler. Selbst Autofahrer sind vom Parkplatz zu einem Geschäft in einem Einkaufszentrum drei bis sechs Minuten zu Fuß unterwegs.

Deutlich länger sind die Wege, die Nutzer von Bussen, S- und U-Bahnen zurücklegen. Hillnhütter hat alle Wege-, Warte- und Umsteigezeiten addiert und festgestellt: „Die Reisezeit, die wir als Fußgänger beim Gehen, Warten und Umsteigen im öffentlichen Raum verbringen, ist fast genauso lang wie die Zeit als Passagier im Verkehrsmittel.“

Für Städte und öffentliche Verkehrsbetriebe ist das eine wichtige Information. „Meistens wissen wir überhaupt nicht, was während des Teils der Reise passiert, der zu Fuß zurückgelegt wird“, sagt Hillnhütter. Dabei ist die Qualität dieser Wege und auch, wo man wartet, ausschlaggebend für die Attraktivität des Beförderungsmittels.

Bahnsteige sind kein Vergnügen

Warten an Haltestellen und auf Bahnsteigen ist in Deutschland oft kein Vergnügen. Peter Eckart und Kai Vöckler, Professoren an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, erforschen seit Jahren, wie das Design von Bahnhofshallen, Bahnsteigen, Zu- und Ausgängen das Verhalten beeinflusst. „Räume haben neben ihrer praktischen Dimension auch eine psychische Dimension mit symbolischen und ästhetischen Aspekten“, sagt Eckart. Heißt: Die Menschen sollen sich am Bahnhof nicht nur intuitiv zurechtfinden, sondern sich auch willkommen fühlen.

Für Eckart ist das ein wichtiger Aspekt. „Wenn ich als Kunde die U-Bahn oder S-Bahn nutze, möchte ich mit meinen unterschiedlichen Bedürfnissen wahrgenommen und wertgeschätzt werden.“ Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Warteräume oder Zu- und Ausgänge von Bahnhöfen sind vor allem praktisch. Das spiegeln die Sitzmöbel aus Gittergeflecht wider. „Das Gittergeflecht soll Obdachlose davon abhalten, sich dort auszuruhen, und ist zudem leicht zu reinigen“, erklärt Eckart. Einladend wirken die Sitzgelegenheiten allerdings kaum.

Mittlerweile hat bei der Deutschen Bahn ein Umdenken begonnen. Mit ihrem Projekt „Zukunftsbahnhof“ will das Unternehmen Fahrgästen und Besuchern die Zeit am Bahnhof angenehm gestalten. Vöckler und Eckart haben daher vorgeschlagen, an einer S-Bahnhaltestelle in Offenbach Sitzmöbel aus Holz zu installieren. „Der Pflegeaufwand ist zwar höher, aber bereits das hochwertige Material drückt die Wertschätzung gegenüber dem Kunden aus“, so Eckart.

Eine seiner Studien ergab, dass Menschen gerne auf Holzmöbeln sitzen und sich wohlfühlen. Infolgedessen erscheint ihnen die Wartezeit kürzer. „Was wiederum die Kundenzufriedenheit steigert“, betont Vöckler. Um mehr Menschen zum Bahnfahren zu motivieren, ist es also entscheidend, auch solche Aspekte zu berücksichtigen.

Die Turmuhr beruhigt

Ein Beispiel, wie man im öffentlichen Nahverkehr das Schöne mit dem Praktischen verknüpfen kann, ist die Turmuhr, die man an fast allen englischen Bahnhöfen findet. Der Wiedererkennungswert sei immens, erklärt Eckart. Jeder in England wisse: Beim Clock Tower ist der Bahnhof.

Ein Forschungsprojekt hat laut Eckart gezeigt, dass die große Uhr beruhigend wirkt, selbst auf die 18- bis 25-Jährigen. Zudem haben die Reisenden stets die Uhrzeit im Blick. Diesen Aspekt haben die beiden Wissenschaftler auf eine Station am Offenbacher Marktplatz übertragen. Wer dort ankommt, sieht auf digitalen Infowürfeln sämtliche Abfahrten von Bus- und S-Bahn nebst Richtungsanzeigen. Fahrgäste „wissen sofort, ob sie den Zug noch erreichen oder laufen müssen“, erklärt Eckart.

Wie erleben Menschen den dicht bebauten Stadtraum, was gefällt ihnen, wo fällt ihr Blick hin? Helge Hillnhütters Studien haben gezeigt, dass uns vor allem Fußgängerzonen anregen mit ihrem regen Treiben und dem Mix aus Geschäften, Cafés und kulturellem Angebot. Wer dort unterwegs ist, schätzt Entfernungen deutlich kürzer ein. Wie wir Distanzen empfinden, variiert laut Hillnhütter durch solche Einflüsse um bis zu 30 Prozent.

Für den Schönheitsforscher Helmut Leder, Professor für Psychologie an der Universität Wien, und die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher steht jedoch fest: Schönheit und ästhetische Wertigkeit im öffentlichen Raum sind keine nette Nebensächlichkeit. „Mit ihnen funktioniert der Straßenverkehr besser“, bekräftigt Oberzaucher.

Auto, Rad, zu Fuß: Begegnung auf Augenhöhe

Ein klassisches Beispiel ist für sie die Mariahilfer Straße in Wien. In der im Jahr 2015 neu geschaffenen Begegnungszone wurde die Fahrbahn mit großen Blumenkübeln und weitläufigen Sitzecken so verjüngt, dass die Autos dort mit maximal 30 Kilometern pro Stunde oder langsamer unterwegs sind. „Dort funktioniert das Tempolimit über die Gestaltung, man braucht keine Schilder“, sagt sie. Die niedrige Geschwindigkeit führe dazu, dass sich die Verkehrsteilnehmer eher auf Augenhöhe begegnen, hat die Forscherin beobachtet. Dieser Respekt setzt sich in der Fußgängerzone fort. Dort sind in den Sommermonaten viele Radfahrer unterwegs. Dennoch funktioniert das Miteinander mit den Fußgängern.

„Diese Begegnung auf Augenhöhe stärkt das individuelle Sicherheitsempfinden, aber erhöht auch die Sicherheit im Allgemeinen“, versichert Oberzaucher. Das sei gut für die Verkehrswende. Denn so entschieden Menschen intuitiv, sich eher aktiv zu bewegen, als ins Auto zu steigen.

Eines der bekanntesten Beispiele, wie die Umgestaltung eines Raums das Umfeld zum Positiven verändern kann, ist die High Line in New York. Die 2,6 Kilometer lange stillgelegte Hochbahntrasse sollte eigentlich abgerissen werden. Seit ihrer letzten Fahrt Ende der 1980er Jahre verkam die Strecke immer mehr und mit ihr die Gegend entlang der Bahnlinie. Abfallberge, Kriminalität, Drogen und der Straßenstrich prägten die umliegenden Viertel. Dann gründete sich eine Nachbarschaftsinitiative mit dem Ziel, die Trasse zu begrünen.

Heute ist die High Line eine Oase am Rand Manhattans. Zwischen den Grünflächen finden Veranstaltungen statt und es werden Kunstobjekte ausgestellt. Mit der High Line veränderte sich die Umgebung. Die drei Distrikte, die sie quert, sind zu Szenevierteln geworden mit Galerien, Cafés und renovierten Straßenzügen.

Von der Bahnstrecke zur Flaniermeile

Dass diese Erfolgsgeschichte auch anderswo funktioniert ist, zeigt die Nordbahntrasse in Wuppertal. Die Bewohner der Stadt haben die lange vergessene und zugewucherte Bahnlinie in den vergangenen 17 Jahren in eine 23 Kilometer lange Flaniermeile umgebaut.

Heute verbindet der Freizeitweg fünf Bezirke miteinander und bringt Wuppertal einen immensen Imagewandel: von der Pleitestadt zum Radlerparadies. Seit ihrer Eröffnung haben sich entlang der Trasse Restaurants, Geschäfte und Freizeiteinrichtungen angesiedelt. Wer im Norden der Stadt lebt und arbeitet, der nutzt die Strecke zum Pendeln mit dem Fahrrad.

Die High Line und die Nordbahntrasse haben das Leben in den angrenzenden Vierteln verändert. Die Anwohner haben einen neuen Freiraum in unmittelbarer Nähe, lassen also eher das Auto stehen. Menschen jeden Alters sind zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs und erleben gleich mehrere schöne Momente: die grüne Umgebung, die Ruhe durch die fehlenden Autos, den Blick aus der Vogelperspektive auf die umliegenden Stadtteile und immer wieder auch Kunstobjekte entlang der Route.

Wenn die Bewegungsumgebung so attraktiv gestaltet sei, sorge das nicht nur dafür, dass wir uns gern darin bewegen, sind sich Leder und Oberzaucher einig, sondern genauso, „dass wir uns dort auch lieber aufhalten. Das bedeutet, wir entschleunigen“. Durch eine schöne, ästhetische Gestaltung des öffentlichen Raums könne man also das Wohlbefinden der Menschen in der Stadt enorm steigern, betont Schönheitsforscher Leder. „Wenn wir es nicht tun, verschenken wir das eigentliche Potenzial unserer engen Städte.“

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

x