1. FC Kaiserslautern Liebeserklärung: Wieso die Betze-Fans die besten sind
Ein Februartag 2019. Kalter Regen knallt auf löchrigen Asphalt. Nebel hängt über der Barbarossastadt fest. Kein Leuchtstreifen am Horizont. Der Parkplatz Schweinsdell: nahezu leer. Nur am Rand, da stehen sie – Männer, Frauen und Kinder in Rot-Weiß-Rot. Sie tragen die Trikots ihrer Helden: Grill, Kraus, auch Jonjic. Schals mit grimmigen Teufeln drauf umwickeln ihre Hälse. Die eine trinkt Bier aus der Dose, der andere Schorle aus dem Becher. Alle warten auf den Bus. Auf den Höhepunkt des Wochenendes. Dritte Liga, Kaiserslautern ist dabei. Zu Gast in der Pfalz: ein etablierter Drittligist aus dem Osten.
Dort an der Einfahrt zur Stadt, die so zahlreiche Geschichten über den steten Wandel der Wirtschaft in der Westpfalz erzählen kann, trotzen Dutzende Fans Regen und Tristesse. Sie alle wollen hoch auf den Betze. Sie sind von der Westkurv’, ihr wisst schon. Sie leben für ihren Verein. Sie stehen am Samstag im Stadion und rufen laut: „Hinein!“ Und zwar jeden zweiten Samstag. Oder Sonntag. Sie wissen, dass es keinen Durchmarsch in die Zweite Liga geben wird. Aber sie sind da. Sie leben für ihren Verein. Und wenn „Leben für ihren Verein“ für die FCK-Fans bedeutet, ihr Team auch an diesem grauen Februartag nach vorne schreien zu müssen, dann ist das eben so. Kommen schon auch wieder bessere Zeiten.
In der FCK-Familie fühlt sich vieles leichter an
Der Bus biegt ein, die Bremsen quietschen. Fritz-Walter-Wetter ist vielleicht für Rote Teufel ein Segen, für Maschinen aber eher eine Tortur. Der Tross verteilt sich, der Umgang ist höflich. Kinder und Alte dürfen sitzen. Auf Plastikschalen, die noch aus Europapokal-Zeiten stammen könnten. Sitzende stimmen in den Chor der Stehenden ein: „Was wär de Betze, wa mer net wär’n, die Stütze des Vereins. Mal ging's bergauf und mal ging's bergab, im Laufe uns'rer Zeit. Das war und bleibt uns einerlei, dem Betze sind wir treu!“
Statt bergauf und bergab geht’s für den Bus erst einmal flach vorbei an kaputten Fassaden und an Fahnen schwenkenden Fans. Die Reisenden singen an gegen den Regen, gegen die Dritte Liga, gegen den Niedergang. Sie wissen, wie es um ihren Verein steht. Aber Aufgabe ist für sie keine Option. Dieser Klub bedeutet ihnen die Welt. Er lässt Herausforderungen des Alltäglichen vergessen, schafft ein Gefühl von Identifikation. In der FCK-Familie fühlt sich vieles leichter an. Die Gemeinschaft richtet auf, was die Woche mitunter niedergerissen hat. Adieu, Tristesse!
Am Fuße des Berges geht’s raus aus dem ächzenden Gefährt. Gemeinsam machen sie sich auf den steilen Weg rauf. Dritte Liga verlangt allen viel ab. Aber sie sind bereit, die Männer, Frauen und Kinder in Rot-Weiß-Rot. Jetzt zählt nur eins: drei Punkte. Für den FCK. Für die Treuen.
Am Ende steht ein Unentschieden der trostlosen Sorte.
Das Spiel als Belohnung für die Fans
Berlin im späten Mai 2024. Die Sonne strahlt. Sie wärmt den Asphalt. Ein Hauch Erste Liga weht durch die Stadt. Der Breitscheidplatz: in Betze-Hand. Sie hüpfen und singen laut, die Männer, Frauen und Kinder in Rot-Weiß-Rot. Sie tragen die Trikots ihrer Helden: Krahl, Raschl, auch Elvedi. Schals mit grimmigen Teufeln drauf umwickeln ihre Hälse. Die eine trinkt Schorle aus der Dose, der andere Bier aus dem Becher. Alle warten auf das Palzlied. Auf den Höhepunkt des Jahres. DFB-Pokalfinale, Kaiserslautern ist dabei. Als Zweitligist zwar, aber als gehörig stolzer. Dort in der Hauptstadt, die so zahlreiche Geschichten über die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs erzählen kann, liegen sich Fans freudetrunken in den Armen. Sie alle wollen feiern: sich selbst, ihre Mannschaft und das Leben. Sie sind von der Westkurv’, ihr wisst schon. Sie leben für ihren Verein. Sie stehen am Samstag im Stadion und rufen laut: „Hinein!“
Das Spiel: Belohnung für alle Fans, die nie aufgegeben haben, die sich von Chefs und Söldnern nicht haben in Gänze vergrätzen lassen. Die heute Handelnden kennen die Bedeutung des Anhangs – und würdigen Liebe und Hingabe mit Präsenz. Verein und Fans gemeinsam gegen alle: Lange war’s nicht mehr so harmonisch.
Wie sehr die Männer, Frauen und Kinder in Rot-Weiß-Rot ihren Verein lieben, das erfährt Deutschland an diesem Wochenende eindrucksvoll. Vor dem Anpfiff bieten die Anhänger eine Choreo, von der auch neutrale Beobachter sagen werden, es sei eine der besten aller Zeiten gewesen. Wie viel Zeit, Geld und Leidenschaft in diesen Moment geflossen sein muss: Jean Zimmer weiß es wie viele seiner Kollegen zu schätzen. Tausende Fans helfen ihren Helden dabei, gegen den Meister standzuhalten. Anhänger und Mannschaft sind ein Team. Die einen zerreißen sich auf dem Feld für die da oben, grätschen, werfen sich in Bälle. Die anderen schreien auf der Tribüne für die da unten, schwenken Fahnen und bibbern.
Am Ende steht das Ergebnis der Partie auf dem Papier.
Blasphemie gehört hier zum Markenkern
Kaiserslautern im März 2025. Auf Gleis eins fährt ein: die S1 aus Schifferstadt. Der Zug und die Insassen – in Rot-Weiß-Rot. Wer heut’ nicht hüpft, der ist kein Lautrer. Heut’ hüpfen alle. Die Stimmung rangiert zwischen Trotz und Euphorie. Der eine trinkt Bier aus der Dose, die andere Schorle aus dem Becher. Die Sonne knallt auf behütete Köpfe. „Wir sind die Jungs aus der Barbarossastadt“, singen Jungs wie Mädels aus Kaiserslautern und anderen Regionen. Sie tragen die Trikots ihrer Helden: Ritter, Yokota, auch Sirch. Auf dem Platz vor dem Bahnhof riecht es nach Frikadelle, Sonnencreme und drei Punkten. Trommler trommeln den Takt vor. Gemeinsam geht es hoch auf den Berg. In der Westkurve rufen sie mal nach dem Teufel, mal nach Gott. Sie rollen ein Transparent aus, von dem aus Luzifer höchstpersönlich grüßt. Blasphemie gehört hier irgendwie zum Markenkern.
Kaiserslautern sorgt an diesem Tag bundesweit für Schlagzeilen. Nicht wie heute so oft mit Wahlerfolgen für Blaue, sondern mit bedingungsloser Liebe für Rote. Und viele Menschen in der Republik erinnern sich: So lang’s in Deutschland Fußball gibt, gibt es auch den FCK. Auf dem Platz mögen die Roten Teufel zweitklassig sein, auf den Rängen spielen sie aber Champions League. Mindestens.
Am Ende steht ein 3:1-Heimsieg.
Mit dem FCK im Herzen
Ein beliebiger Tag 2025. Der FCK feiert Geburtstag. Mit Ehemaligen und Aktuellen. Mit Schorle und Bier. Mit Wichtigen und ganz besonders Wichtigen. Mit neuen Anhängern und Traditionsteufeln. Mit großen Zielen und viel größerer Zuversicht. Zweite Liga, Kaiserslautern ist dabei. Noch. Nächster Halt: Bundesliga.
In seinem Jubiläumsjahr kann der FCK ligaunabhängig stolz sein. Auf die, die immer da waren. Auf die, die die Trikots ihrer Helden tragen. Auf die, die in die Fankurve pilgern. Bei Regen und bei Sonne. In Berlin und in Lautern. Im DFB-Pokalfinale und in der Dritten Liga. Mit dem Teufel im Bunde. Mit dem FCK im Herzen.
