Beziehungen RHEINPFALZ Plus Artikel Liebe ist: Hormone, Generfolg, Sex gegen Essen

Nur drei Prozent aller Säugetierarten leben monogam. Auch bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, paart si
Nur drei Prozent aller Säugetierarten leben monogam. Auch bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, paart sich jede mit jedem. Irgendetwas muss also beim Menschen passiert sein in den vergangenen sechs Millionen Jahren.

Biologisch gesehen, hat das menschliche Konzept der Liebe nichts romantisches. Sie muss nur zum Erfolg führen. Und das ist die Fortpflanzung.

An der Wirklichkeit scheitert das Ideal der romantischen Liebe nur allzu oft. Bei nicht wenigen Paaren verblassen die Gefühle oder gehen ganz verloren; viele trennen sich und bei einigen steht am Ende der blanke Hass. Aus biologischer Perspektive erscheint sie gar als Trick der Natur, der die Menschen zur Fortpflanzung treibt.

Als Pionierin der evolutionsbiologischen Erforschung der Liebe gilt die US-Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University in New Jersey. Bereits in den 1990er Jahren stellte sie die These auf: Die Liebe hält nicht ewig, sondern nur so lange, wie es für die Aufzucht eines Kindes notwendig ist. Die Anthropologin hatte die Scheidungsdaten von verschiedenen Nationen analysiert und festgestellt, dass die meisten sich nach einer Ehedauer von rund vier Jahren trennten.

Noch etwas fiel der Anthropologin auf: Es waren vor allem junge Frauen und Männer, überwiegend zwischen 20 und 30 Jahren, die sich scheiden ließen. Sie waren also im besten Alter, um Nachwuchs aufzuziehen.

Warum überhaupt zwei Geschlechter

Vier Jahre aber seien etwa die Zeit, die ein Kind brauche, um aus dem Gröbsten heraus zu sein und in der eine Mutter – zumindest in der Welt der Urmenschen – auf die Mithilfe eines Mannes angewiesen sei, stellte Fisher fest. Deshalb, so ihre These, bestehe eine biologisch vorhandene Tendenz, sich nach vier Jahren neu zu orientieren: Es könnte ja noch ein Besserer kommen.

Eine Art biologisches Verfallsdatum der Liebe anzunehmen war damals ein radikaler Ansatz. Seither haben zahllose Wissenschaftler das Phänomen untersucht.

Lange haben sich Biologen gefragt, warum es überhaupt zwei Geschlechter gibt. Denn es ist nicht so, dass Lebewesen unbedingt Sex haben müssen, um sich zu vermehren: Bakterien teilen sich, Pflanzen bilden Ableger und viele höhere Tiere können sich per Jungfernzeugung, also ohne Geschlechtspartner, vermehren – etwa Blattläuse und andere Insekten, manche Krebse, Fische oder Eidechsen.

99 Prozent der Mehrzeller haben Sex

Doch 99 Prozent aller Arten, ohne die Einzeller, wählen die sexuelle Fortpflanzung. Bei der Bildung von Eizellen und Spermien werden die Genbestände der Partner halbiert und dann bei der Befruchtung neu kombiniert gemischt. Das hat den Vorteil, dass die Nachkommen sich von den Eltern unterscheiden und fördert die Fähigkeit, sich an eine andere Umwelt und neue Bedingungen anzupassen.

Vor allem Krankheitserreger scheinen dabei die entscheidende Rolle zu spielen. Denn da die Immunsysteme der Nachkommen sich dank der sexuellen Fortpflanzung ständig verändern, werden sie besser mit krankmachenden Bakterien und Viren fertig. Und das gibt den Kindern größere Überlebenschancen.

Den ersten Sex gab es wahrscheinlich schon vor rund 1,5 Milliarden Jahren. Doch die liebevolle Bindung zwischen Partnern ist eine viel spätere Erfindung der Natur. Sie hat ihre Wurzeln auch gar nicht in der Zuneigung zwischen Frau und Mann, sondern in der Mutterliebe.

Säugerkinder sind extrem abhängig

Vor vermutlich 200 Millionen Jahren entwickelte eine Tiergruppe ein Verhalten, das die Aufzucht der Nachkommen revolutionieren sollte. Die Weibchen brachten ihre Jungen lebend zur Welt. Sie versorgten den Nachwuchs mit einer Flüssigkeit, die den Brustdrüsen entstammte. Es war wohl anfangs nur ein dickflüssiges Sekret, das Immunstoffe enthielt und die Kleinen vor Infektionen und Parasiten schützte. Doch im Laufe der Zeit kamen energiereiche Substanzen, Eiweiße, Vitamine, Mineralstoffe und Hormone dazu.

So entstand eine extrem enge Bindung zwischen Müttern und Kindern. Um sie zu ernähren, sich um sie zu kümmern und zu beschützen, musste die Mutter ihre eigenen Babys erkennen können. Umgekehrt mussten die Kinder wissen, wer ihre Mutter war. Das erforderte neue Gehirnstrukturen und spezielle biochemische Mechanismen. Unter anderem kam ein Stoff ins Spiel, der noch heute als Bindungskitt gilt: das Hormon Oxytocin.

Das alles führte zu einer extremen Abhängigkeit. Denn wenn die Mutter ihre Kinder verließ, starben sie mit Sicherheit. Ganz anders ist dagegen der Aufwand für die Männchen. Der Akt der Zeugung ist schnell erledigt. Macht sich der Vater anschließend aus dem Staub, hat das kaum Auswirkungen. In der Regel werden die Nachkommen ohnehin allein von den Müttern versorgt.

Jeder paart sich mit jedem

Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass Monogamie auch heute nur bei rund drei Prozent aller Säugetiere vorkommt. Der viel größere Aufwand, den die Weibchen mit den Kindern haben, stellt einen Konflikt zwischen den Geschlechtern dar, der sich stark auf die Beziehungen zwischen beiden auswirkt. Das ist auch beim Menschen nicht anders – und kann viele der Probleme erklären, die Frauen und Männer miteinander haben.

Noch bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, kümmern sich die Männchen kaum um die Kinder. Es entwickeln sich keine dauerhaften Paarbindungen. Stattdessen leben bei ihnen beide Geschlechter so, dass im Prinzip sich jede mit jedem paart. Das bedeutet: Nach der Trennung von der Affenlinie vor sechs bis sieben Millionen Jahren muss sich bei unseren Vorfahren etwas verändert haben.

Es begann vermutlich in einer Zeit, als eine weltweite Klimaabkühlung die Regenwälder Afrikas schrumpfen ließ und sich immer mehr Savannen ausbreiteten. Damals begannen einige Affen auf zwei Beinen zu laufen und aufrecht von einer Baumgruppe zur nächsten zu wechseln.

Zuneigung ist Kopfchemie

Allerdings war die offene Savanne wegen der Raubtiere sehr viel gefährlicher als der dichte Dschungel, insbesondere für junge Mütter, die hilflose Kleinkinder mit sich herumschleppten. Weibchen jedoch, denen es gelang, einen Mann exklusiv an sich zu binden, ihn dazu zu bringen, sie zu beschützen und zu versorgen, hatten größere Überlebenschancen. Irgendwann, vielleicht schon vor fünf Millionen Jahren, muss die monogame Bindung zwischen Frau und Mann entstanden sein – ein Band der Liebe, das durch die Chemie der gegenseitigen Zuneigung geknüpft und gefestigt wird. Davon ist jedenfalls Helen Fisher überzeugt.

Biologisch betrachtet bedeutet das: Ein Mann half seiner Gefährtin und erhielt als Gegenleistung deren Treue, konnte sich also sicher sein, dass die gemeinsamen Kinder von ihm waren – und er damit seine eigenen Gene förderte. Umgekehrt versuchte die Frau, möglichst viel Schutz und Fürsorge zu bekommen, und band den Mann sexuell an sich. Im Grunde, sagt der in den USA lebende Affenforscher Frans de Waal, ging es um den Tausch „Sex gegen Essen“.

All das ist allerdings nicht überlegtes Kalkül, sondern ganz überwiegend eine Reihe unbewusster Entscheidungen. Um die Liebe zu etablieren, nutzt die Natur biochemische Stoffe, die auch das Band zwischen Müttern und ihren Babys knüpfen: Etwa das Oxytocin oder ein weiteres Hormon namens Vasopressin. Diese Stoffe wirken auch im Gehirn von Männern.

Die Sucht der Verliebtheit

Vor der dauerhaften Bindung – der Liebe – steht allerdings eine Phase, die viele als eine Art Rausch erleben: die Verliebtheit. Sie ist ein komplexer biochemischer Mechanismus, bei dem der Belohnungs- und Glücksgefühl-Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle spielt, die beiden Bindungshormone mitwirken sowie weitere Substanzen, die unser Gehirn ausschüttet und es verändern. Die Folge: eine regelrechte Sucht nach dem Partner. Entsprechend schmerzhaft kann Liebeskummer sein. Er ähnelt im Prinzip einem Drogen-Entzug.

Das Suchtpotenzial der Verliebtheit hat einen biologischen Sinn: Es hilft, eine Entscheidung zu fällen und sich auf einen Partner oder Partnerin festzulegen, statt ewig weiterzusuchen. Allerdings bleibt ein Hintertürchen offen, denn die Intensität der Verliebtheit nimmt mit der Zeit ab – was am Ende die Möglichkeit gibt, sich neu zu orientieren.

Der Zauber der Verliebtheit hilft jungen Menschen außerdem, die emotionale Bindung an Mutter und Vater zu überwinden und am Ende eine eigene Familie zu gründen.

Beim Sichfinden gehen Frauen und Männer durchaus unterschiedlich vor und haben verschiedene Ansprüche. Frauen überlassen den Männern gerne die Initiative, sind wählerischer und nicht so schnell zum Sex bereit. Werden sie auf der Straße von einem wildfremden Mann angesprochen, sind sie – zumindest den Ergebnissen von Experimenten zufolge – niemals bereit, spontan mit ihm ins Bett zu gehen. Ganz im Gegensatz zu Männern.

Die Frauen haben die Wahl

Biologisch ist das so zu erklären: Weil die Frauen im Fall einer Schwangerschaft das Kind austragen, versorgen und aufziehen müssen, kann ein Beischlaf für sie weitreichende Folgen haben – für einen Mann, der anschließend verschwindet, nicht. Daran ändern auch die modernen Sozialsysteme und die Verhütungsmittel nichts.

Das bedeutet aber auch: Die Frauen haben die Wahl. Sie werden von konkurrierenden Männern umworben, denn die sind auf eine Frau angewiesen, um ihre Gene weiterzuvererben.

Da Frauen die Wahl haben, erwarten sie von einem Mann, dass er ihnen etwas bietet. Frauen wünschten sich einen mindestens ebenbürtigen Partner, einen, zu dem sie aufschauen können; sie suchten die männliche Elite, möglichst intelligent, stark, souverän und dicht am Alphatier, schreibt die Biologin Meike Stoverock in ihrem Buch „Female choice“.

Männer wollen leichtes Spiel

Männer dagegen legen bei Partnerinnen weniger Wert auf Intelligenz, Verdienst und Selbstständigkeit. Womöglich, weil sie dann leichteres Spiel haben. Vor allem werden sie von Schönheit und jugendlichem Aussehen angezogen. Evolutionsbiologen interpretieren das so: Eine junge Frau, die eine erotische Ausstrahlung hat, signalisiert einem Mann, dass sie fruchtbar ist und damit seine Gene verbreiten kann.

All das klingt nach einem nüchternen Kalkül. Aber es sind Verhaltenstendenzen, die den Menschen normalerweise nicht bewusst sind. Die evolutionsbiologischen Hintergründe und die romantische, von den Menschen verklärte Liebe sind nur die unterschiedlichen Seiten ein- und derselben Medaille. Und letztlich hat die Erfindung der Liebe den Menschen sowohl von der biologischen als auch der kulturellen Seite her zu etwas ganz Besonderes gemacht.

Denn sich gemeinsam um die Kinder zu kümmern und sie zu erziehen, hat die Chance eröffnet, dem Nachwuchs die eigenen Lebenserfahrungen und kulturelle wie ethische Werte zu vermitteln. Die sexuelle Bindung zwischen Paaren und das Einbeziehen von Verwandten haben die Kooperation, das soziale Leben, die Kultur und das Wissen beim Homo sapiens ganz allgemein beflügelt.

So gesehen lässt sich die menschliche Liebe als Meisterleistung der Evolution interpretieren. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir Menschen als tierische Spezies diesen Planeten dominieren.

Leserhinweis

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr mit der RHEINPFALZ-App. Mehr dazu hier.

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