Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion: Spiel mit dem Feuer

Stimmungsvoll, aber verboten: Bengalos im Stadion.
Stimmungsvoll, aber verboten: Bengalos im Stadion.

Der Hamburger SV will ein Pilotprojekt für legale Pyrotechnik im Stadion. Warum nicht? Der bisherige Weg des Verbietens ist gescheitert.

Manchmal entsteht der Eindruck, als würde der Stadionsprecher in einer deutschen Fußballarena sein Sätzchen nur sagen, um es zu sagen. Weil er weiß, dass es ohnehin nichts bringt. „Liebe Fans, bitte unterlasst das Abbrennen von Pyrotechnik“, schallt es aus den Lautsprechern, immer und immer wieder. Der Appell verhallt. Zeit, dass er der Vergangenheit angehört – um den ritualisierten Regelbruch zu entkriminalisieren.

Einen Anlauf dazu unternimmt nun der Hamburger SV. Der Zweitligist schlägt einem Bericht des „Hamburger Abendblatts“ zufolge ein Pilotprojekt zum kontrollierten Einsatz von Pyrotechnik vor. Nach den Vorstellungen des Klubs sollen Bengalos und Leuchtfackeln mit Sicherheitsabständen und unter Brandschutzauflagen erlaubt werden. Wissenschaftler sollen untersuchen, ob andere Stadionbesucher gefährdet sind, etwa weil sie Rauchgas einatmen. Es könnte eine Grundlage dafür sein, ob eine Pyro-Legalisierung vertretbar ist.

Natürlich kann Pyrotechnik gefährlich werden, die Flammen sind um die 1500 Tausend Grad heiß. Selbst bei sogenannter „kalter Pyro“, die immer wieder getestet wird, werden Hitzegrade zwischen 300 bis 500 Grad Celsius erreicht. Mit Hilfe solcher „legaler“ Bengalos haben Fans von Bröndby IF in der dänischen Superliga bereits im Dezember 2019 beeindruckende Choreographien gezeigt. Doch auch für sie war klar, dass diese Erfindung lediglich eine Ergänzung für normale Bengalos sein kann – und niemals ein Ersatz. Deshalb erscheinen die Gedanken, die die Vertreter des HSV nun äußern, sinnvoll – und in jedem Fall einen Versuch wert. „Unser Ziel ist es, neue Wege zu definieren, gleichzeitig eine hohe Sicherheit im Stadion zu gewährleisten und dabei unser höchstes Gut – die Fankultur – zu wahren“, sagt Cornelius Göbel vom HSV.

Offener und ehrlicher Dialog mit der Ultra-Szene

Alle Kontrollen, alle Verbote bringen nichts. Auch der Strafenkatalog des DFB schreckt nicht ab. In den Fankurven wird immer gezündelt werden. Die Verantwortlichen schlüpfen unter ihre Sturmhauben, zünden die Fackeln – und werden nicht identifiziert. Unter den Strafen leiden die anderen. Dass es durchaus seinen stimmungsvollen Charme hat, wenn eine Tribüne rot erleuchtet, ist für viele unbestritten. Es geht nicht darum, das Abschießen von Feuerwerksraketen in andere Blocks oder Randale jedweder Art zu verharmlosen. Das hat im Stadion nichts zu suchen! Pyro-Legalisierung bleibt ein Spiel mit dem Feuer.

Wäre eine Pyro-Erlaubnis das Eingeständnis, dass der Kampf gegen Gewalt im Stadion verloren ist? Nein. Es wäre das Akzeptieren, dass der bisherige Weg des Verbietens fehlgeschlagen ist. Ein Umdenken würde auch erstmals einen wirklichen offenen und ehrlichen Dialog mit der Ultra-Szene ermöglichen. Nicht nur der HSV strebt ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik an, auch Vertreter von Werder Bremen, dem FC St. Pauli oder vom VfB Stuttgart sind offen dafür. Selbst die Ampel-Koalition ist dem Vorhaben nicht gänzlich abgeneigt und ließe mit sich sprechen.

Doch es gibt einen Gegenspieler: den DFB. Bislang ahndet der Verband jeden Einsatz von Pyrotechnik mit Kollektivstrafen – und nimmt so jedes Jahr viel Geld ein. In der vergangenen Saison summierten sich die Strafen, die allein Eintracht Frankfurt an DFB und Uefa zahlte, auf 976.200 Euro. Geld, auf das die Verbände ungern verzichten dürften. Doch dann sei die Frage gestattet, ob es in der Pyro-Debatte wirklich zuvorderst um die Sicherheit geht.

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