Leitartikel RHEINPFALZ Plus Artikel Krankenhausreform: Ein Notfall

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Karl Lauterbachs Pläne werden das Gesundheitswesen kaum besser und nicht billiger machen. Es braucht Rezepte gegen die Wohlstandspandemien. Sonst implodiert das System.

Als Karl Lauterbach noch Wissenschaftler war, wusste er besser als jeder andere, wie man das deutsche Gesundheitssystem rettet. Damals war er auch noch in der CDU. Jetzt, als zuständiger SPD-Minister, steuert er auf eine Reform zu, die wenig bringen wird. Das liegt in der Natur der Sache.

So geht man endlich die leidigen Fallpauschalen in den Krankenhäusern an. Sie haben nie funktioniert, weil sie keine fallbezogenen Pauschalen sind, wie von ihren Erfindern gedacht: Eigentlich sollten sie so ausgestaltet sein, dass man während der Behandlung nachsteuert, wenn der eine Patient mehr braucht und der andere weniger.

Doch im deutschen System ist das verkümmert zu einer Art Planwirtschaft der Krankenkassen, die den sparsamen Einsatz von Eingriffen bestraft – und damit Ärztinnen und Ärzte, die beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Wenn Kliniken zu wenig Geld ausgeben, sinkt die künftige Vergütung für vergleichbare Fälle. Also wird bei der Abrechnung immer das Maximum herausgezogen.

Dass sich daran etwas ändert durch Lauterbachs angedachte Umstellung auf mehr Spezialisierung in den einzelnen Häusern, das Schließen von kleineren Kliniken und ein Besuchermanagement, das den Ansturm der Bagatellfälle in der Notaufnahme kanalisiert, ist nicht zu erwarten.

Mehr Geld gibt es nicht

Denn mehr Finanzmittel kann der Minister nicht ins Gesundheitswesen pumpen. Und die Schließungen vollziehen letztlich nur nach, dass elf Prozent der Häuser ohnehin vor dem wirtschaftlichen Kollaps stehen, weil sie in der Coronakrise ausgeblutet sind. Also werden die wenigen Spareffekte verpuffen in einem System, das weiter mit chronischen Mangelerscheinungen zu kämpfen hat und in dem der medizinische Fortschritt ja weiterhin bezahlt werden muss.

Ohne mehr Geld wird auch die Behandlungsqualität nicht in der Breite angehoben. Im Gegenteil: Deutschland leidet schon jetzt an einem akuten Ärztemangel, der sich vor allem in den mittleren und kleinen Krankenhäusern bemerkbar macht und der die Versorgungsstandards erheblich nach unten drückt.

Der Ärzteschwund führt dazu, dass Bewerber aus Staaten mit zweifelhafter medizinischer Schulung bei den Prüfungen großzügig durchgewinkt werden – während es in Deutschland zu wenige Medizinstudienplätze gibt. Weshalb motivierte Abiturienten weiter lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder auf Kosten der Eltern im Ausland studieren. Um dann mit Kusshand in den deutschen Kliniken genommen zu werden, denn sie sind gut ausgebildet, beherrschen die Sprache und kommen mit der Kultur zurecht.

Jeder Tag und jede Nacht die Hölle

Doch lange hält es hierzulande keiner im Krankenhaus aus. Angesichts fehlender erfahrener medizinischer Kräfte und der Personalnot in der Pflege ist jeder Tag und jede Nacht die Hölle. Daran haben genauso die Bundesländer schuld: Nur Bayern finanziert seine Kliniken einigermaßen, der Rest spart sie kaputt, stellt der Bundesrechnungshof fest. So wurden von 2002 bis 2017 rund 100.000 Pflegekräfte abgebaut, um die Kosten der stationären Versorgung bei unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts halten zu können.

Die kosmetischen Korrekturen, die Karl Lauterbach jetzt als Reform anpreist, ignorieren außerdem, dass Deutschland ab 2030 auf eine massive Überalterung zuläuft. Die geburtenstärksten Rentnerjahrgänge werden wegen ihrer stetig sinkenden Mobilität in den nächsten 20 bis 40 Jahren eher eine wohnortnahe Versorgung benötigen mit ihren vergleichsweise lange beherrschbaren Beeinträchtigungen. Und letztlich eine gut ausgebaute Geriatrie und Sterbebegleitung.

Wer aber soll das leisten, wenn kleinere Krankenhäuser in der Fläche schließen und die Arztpraxen kaum noch Nachfolger finden? Niedergelassene Allgemein- und Fachmediziner, die sich der überbordenden Bürokratie, den eingefrorenen Honoraren und der ständigen Regressdrohungen der Krankenkassen stellen, sind immer schwerer zu rekrutieren.

Familie statt Selbstausbeutung

Das hat auch damit zu tun, dass die junge Generation eine andere Sicht auf die Dinge hat. Familie, Freizeit und geregelte Arbeitszeiten sind den Ärztinnen und Ärzten inzwischen wichtiger als Selbstausbeutung, weshalb viele nur noch Praxisangestellte sein möchten. Ein wichtiger Grund dafür, dass medizinische Versorgungszentren wie Pilze aus dem Boden schießen. Mit Geldmacherei hat das also nicht immer etwas zu tun, sondern mit blankem Versorgungsnotstand in einzelnen Regionen wegen unbesetzter Kassensitze.

Karl Lauterbachs Reform blendet aus, dass die stationären Aufenthalte mit 3,2 Prozent Zuwachs gar nicht der größte Kostentreiber im Gesundheitssystem sind, sondern die Arzneimittelausgaben mit 5,5 Prozent. Insgesamt braucht man für zehn Prozent der am schwersten getroffenen Patienten über die Hälfte der Mittel auf.

Das Gros der Gesundheitskosten wird künftig auf den übermäßigen Konsum in der Gesellschaft zurückzuführen sein, auf Wohlstandspandemien, nicht auf unverschuldete Schicksalsschläge. Behandelt werden müssen Übergewicht, Herzkreislaufprobleme, Diabetes und die daraus resultierenden Folgeerscheinungen, damit mehr Menschen länger mit ihren Krankheiten leben können.

Das Sorglos-System stirbt

Warum forciert man vor diesem Hintergrund nicht massiv Vorbeugung, Aufklärung, Anreize? Und setzt über höhere Abgaben etwa für ungesunde Getränke, Lebens- und Genussmittel die Hersteller und Verbraucher unter Druck, bewusster zu leben und aktiv alt zu werden – um im Gegenzug gesundes Essen steuerlich zu subventionieren und zu verbilligen? Andere Länder tun das.

Statt das Bewusstsein dafür, was der eigene Lebensstil im Körper anrichtet, jetzt mit intelligenten Konzepten aufzubauen, lässt man es die Menschen auf die harte Tour lernen, wenn das Sorglos-System mit Versichertenkärtchen finanziell implodiert und die Kassenleistungen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Einigermaßen gut zu altern, ist dann keine Frage von teuren Operationen oder Medikamenten mehr – sie wird es nicht mehr auf Rezept geben.

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr mit der RHEINPFALZ-App. Mehr dazu hier

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