Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Geiselnahme: Wenn der Täter zum Freund wird

Das Norrmalmstorg-Drama im August 1973 ging glimpflich aus: Nach sechs Tagen leitete die Stockholmer Polizei Reizgas in den Tres
Das Norrmalmstorg-Drama im August 1973 ging glimpflich aus: Nach sechs Tagen leitete die Stockholmer Polizei Reizgas in den Tresorraum, in dem Geiseln und Geiselnehmer eingesperrt waren. Mit Erfolg – Clark Olofsson und Janne Olsson gaben auf und wurden festgenommen.

Ein spektakulärer Bankraub gab dem Stockholm-Syndrom seinen Namen. Der Fall zeigt: Gut und Böse sind nicht immer klar zu trennen.

Es ist ein warmer Sommermorgen im Zentrum von Stockholm. Kurz vor 10 Uhr geht ein junger Mann auf die Filiale der Sveriges Kreditbank am Norrmalmstorg-Platz zu. Er trägt Sonnenbrille, eine dunkle Perücke, am Kragen seiner Jacke blitzt ein Stück Metall hervor. Als er die Bank betritt, zückt er ein Maschinengewehr, feuert eine Salve in die Decke und brüllt: „Die Party hat begonnen. Runter auf den Boden!“ Der Mann ist Jan-Erik „Janne“ Olsson, Häftling auf Freigang. Er will drei Dinge: drei Millionen Kronen, einen Fluchtwagen und die Freilassung des berüchtigtsten Kriminellen Schwedens.

In der Lobby befinden sich etwa 30 Menschen. Wer nah genug am Ausgang steht, flieht. Alle anderen befolgen Olssons Befehle. Einen Mitarbeiter der Bank weist er an, drei Frauen an Händen und Füßen zu fesseln. Einer der ersten Polizisten vor Ort beobachtet das Chaos durchs Fenster und beschließt, einzugreifen. Olsson schießt, trifft jedoch nicht. Einen zweiten Polizisten erwischt er jedoch an der Hand – Rückzug.

Verstärkung eilt herbei. Scharfschützen positionieren sich auf dem gegenüberliegenden Dach. Schaulustige, Fotografen und Reporter strömen auf den Norrmalmstorg. Zum ersten Mal in der schwedischen Geschichte kann man ein Verbrechen von zu Hause live mitverfolgen.

Eine der drei gefesselten Frauen ist die 23-jährige Kristin Enmark. Als Olsson zu schießen beginnt, wirft sie sich zu Boden und glaubt noch an einen einfachen Bankraub, der in ein paar Minuten vorbei sein wird. Sie ahnt nicht, dass sie die nächsten 131 Stunden in der Gewalt zweier Krimineller verbringen wird.

Gut aussehend und gefährlich

Janne Olssons ehemaliger Zellennachbar Clark Olofsson, verurteilt wegen Raubes, Drogendelikten und versuchten Mordes, ist zu diesem Zeitpunkt schon landesweit bekannt. Er ist ein charismatischer Antiheld, gut aussehend und gefährlich. Zur allgemeinen Verwunderung wird er tatsächlich aus dem Gefängnis zur Kreditbank gebracht – die erste einer Reihe fragwürdiger Entscheidungen der Stockholmer Polizei.

Das Drama, das sich zwischen dem 23. und dem 28. August 1973 in der schwedischen Hauptstadt abspielt, wird in die Geschichte eingehen. Am Ende liegen sich Kristin Enmark und Janne Olsson, Geisel und Geiselnehmer, in den Armen. Olofsson ruft sie zum Abschied zu: „Clark, ich werde dich wiedersehen!“

Es ist die Geburtsstunde des Stockholm-Syndroms, das immer dann zur Sprache kommt, wenn Opfer von Geiselnahmen, Entführungen oder anderen Verbrechen eine Bindung zu den Tätern aufbauen. Namensgeber des Stockholm-Syndroms ist Nils Bejerot, Psychiater und Berater der Polizei während des Norrmalmstorg-Falls.

Doch trotz des medizinischen Klangs – eine offizielle psychische Störung ist das Stockholm-Syndrom nicht. Keines der weltweit anerkannten Diagnosehandbücher führt es auf. In den vergangenen Jahren wurden daher Zweifel laut: War Enmarks Schulterschluss mit den Verbrechern überhaupt irrational?

Kein Syndrom

Immerhin hatten Olsson, Olofsson und die Geiseln ein gemeinsames Ziel, nämlich heil aus der Sache herauszukommen. Und sie hatten einen gemeinsamen Feind, die Polizei, die die Lage durch schlecht durchdachte Schachzüge immer wieder beinahe zum Eskalieren brachte.

Zudem war Berater Bejerot befangen. Er hatte nie persönlich mit ihnen gesprochen und an den misslungenen Manövern der Staatsmacht mitgewirkt, für die Enmark und die anderen Geiseln die Regierung scharf kritisierten. War ihr Verhalten also wirklich krankhaft, wie Bejerot mit dem Wort „Syndrom“ unterstellte?

„Nein, ich würde nicht von einem Syndrom sprechen, eher von einer Stockholm-Reaktion“, sagt Reinhard Haller. Der Psychiater und Sachverständige hat etliche Beteiligte an Kriminalfällen vor Gericht begutachtet.

Solche Reaktionen seien sehr selten, meint Haller. Und ihre Erforschung gestalte sich schwierig. Experimente verbieten sich aus ethischen Gründen. Wohl niemand würde auf die Idee kommen, Menschen im Dienst der Wissenschaft zu entführen, um zu sehen, was das mit ihrer Seele macht.

Eine der wenigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Stockholm-Syndrom stammt von Forschern der University College London Medical School, die Fallberichte auswerteten. Dabei identifizierten sie vier Merkmale: Das Opfer erlebt eine direkte Bedrohung. Es wird von der Außenwelt isoliert und gefangen gehalten. Es unternimmt keinen Versuch zu fliehen. Und im Nachhinein zeigt es Mitgefühl mit dem Täter oder der Täterin.

Vor allem junge Menschen sind loyal

Dem Team fiel auf, dass es oft junge Menschen waren, die sich ihren Entführern gegenüber loyal verhielten. Es kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich dabei nicht um ein psychiatrisches Syndrom handelt, das bei den Betroffenen über den erlebten Schrecken hinaus Leid verursacht.

Auch wenn Studien zum Stockholm-Syndrom rar sind, gibt es durchaus Anhaltspunkte dafür, welche seelischen Mechanismen bei Fällen wie der Geiselnahme vom Norrmalmstorg am Werk sind.

Ein Team der Ohio State University trug 2021 den Wissensstand zum „Trauma Bonding“ zusammen, der Entstehung einer Bindung des Opfers an Täter oder Täterin – etwa in Gewaltbeziehungen, bei Prostitution oder Menschenhandel.

Die Autoren nennen als entscheidende Faktoren ein Machtungleichgewicht und einen unvorhersehbaren Wechsel zwischen Belohnung und Bestrafung. Für freundliche Worte und Gesten empfinde das Opfer Dankbarkeit, für Gewaltausbrüche des Täters fühle es sich selbst schuldig. Oft übernähme das Opfer dessen Sichtweise und sähe aus Liebe von der Strafverfolgung ab.

In einem 2023 im „European Journal of Psychotraumatology“ erschienenen Überblicksartikel führen US-Forscher das Stockholm-Phänomen auf einen Mechanismus zurück, der besser mit der modernen Traumaforschung vereinbar ist: „appeasement“, Beschwichtigung. Gemeint ist damit unterwürfiges Verhalten gegenüber einem Aggressor. Dieses Verhalten kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn ein klares Machtgefälle herrscht – wie etwa zwischen Kleinkindern und Erwachsenen. Oder zwischen einer zierlichen Mittzwanzigerin und einem bewaffneten Schwerverbrecher.

Die Natur übernimmt die Regie

Ein Tag wie der 23. August 1973 ist eine psychische Ausnahmesituation. Niemand kann voraussagen, wie er oder sie handeln würde, denn im Angesicht größter Gefahr übernimmt die Natur die Regie. Fallen in unmittelbarer Nähe Schüsse, mobilisiert der Körper Kräfte, entweder für die Flucht oder für den Kampf. Kommt etwa eine bedrohliche Gestalt näher, den Finger schon am Abzug, halten die meisten Menschen still und wehren sich einfach nicht mehr.

Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine Art Reflex, der in der Regel die Überlebenschancen erhöht. „Man kann das manchmal bei Folteropfern beobachten“, erklärt die Traumaforscherin Maggie Schauer von der Universität Konstanz. „Ist ein bestimmter Punkt erreicht, lässt die Anspannung nach.“

Schon zu Zeiten der Hexenverfolgung kannte man dieses Phänomen. Angeklagte Frauen, die gequält wurden, hörten auf zu schreien und zu strampeln und gerieten stattdessen in einen Zustand der Verzückung, genannt „Hexenschlaf“. Was die Folterer als weiteren Hinweis auf einen Pakt mit dem Teufel deuteten, war in Wahrheit die biologische Antwort auf maximale Lebensgefahr.

„Verständnis für den Angreifer hilft bei der Bewältigung von Todesangst“, meint Reinhard Haller. Wenn es mir gelingt, im Täter kein übermächtiges Monster zu sehen, sondern einen Menschen, der auch eine liebenswerte Seite hat, kann ich es leichter ertragen, ihm hilflos ausgeliefert zu sein, so ein Erklärungsansatz für die seltsame Zuneigung.

Die sanfte Seite des Täters

Hinzu kommt: Wer entführt wurde, befindet sich in einer maximal verletzlichen Lage, allein, frierend, hungernd und voller Panik, was als Nächstes passieren wird. „In dieser absoluten Abhängigkeit kann es zu kleinen Momenten kommen, da ist die Person, die mich gefangen hält, nett zu mir“, erklärt Schauer.

So lockert Clark Olofsson die Fesseln der Geiseln. „Stell dir vor, so lernt man sich kennen“, scherzt er, während er die Knoten an Kristin Enmarks Handgelenken öffnet. Als sie einen Albtraum hat, hält er ihre Hand. Alles werde gut. Mit dem Bürotelefon der Bank dürfen die drei Frauen ihre Familien anrufen – eine kleine Geste der Verbrecher, die großen Eindruck hinterlässt. Enmark dankt es ihnen, indem sie hilft, die Videos aus den Überwachungskameras zu verbrennen.

Auch Olsson zeigt schließlich seine sanfte Seite. Die Polizei verschließt die Tür des kleinen Tresorraums von außen. Geiseln und Geiselnehmer sind eingesperrt. Weil die Kammer abkühlt, legt Janne Olsson einer der Geiseln seinen Pullover um. Als sie weint, wischt er ihr eine Träne von der Wange. Als das Essen knapp wird, teilt er eine Birne mit ihr. Man unterhält sich – über das Leben, den Alltag im Gefängnis. Im Tresorraum entsteht echtes Gemeinschaftsgefühl.

Doch manche wollen nicht daran glauben, dass eine Geisel Gefühle für den Geiselnehmer entwickeln kann. Sie erkennen im Stockholm-Syndrom, das vorzugsweise weiblichen Opfern attestiert wird, etwas Frauenfeindliches.

Verliebt in den Entführer

Die schwedische Genderforscherin Cecilia Åse etwa sieht darin einen überheblich-patriarchalen Stempel, der 1973 vor allem dazu diente, das Versagen der Behörden zu vertuschen. Ist das Stockholm-Syndrom womöglich ein diagnostischer Nachfahre der „Hysterie“, mit der Frauen, die störten, bis ins 20. Jahrhundert für geisteskrank erklärt wurden?

„Dass sich ein Opfer in seinen Entführer verliebt, ist nicht auszuschließen“, entgegnet Reinhard Haller. „Der starke Mann, der sich dem Recht nicht unterordnet, kann enorm erotisierend wirken.“ So habe etwa der österreichische Serienmörder Jack Unterweger eine Fan-Welle ausgelöst.

Maggie Schauer sieht das ähnlich: „Verbrecherische Charaktere können auf Frauen tatsächlich anziehend wirken.“ Sie sprächen auch ein altruistisches Motiv an: das Gefühl, ihn retten zu können.

Dafür gibt es Belege. 2014 verglichen Psychologen von der Universität Konstanz 96 Frauen, die eine Beziehung mit einem Strafgefangenen führten, mit 96 ähnlichen Frauen, die mit einem gesetzestreuen Bürger liiert waren. Ergebnis: Die Partnerinnen der Straftäter erreichten höhere Werte bei der romantischen Leidenschaft und der altruistischen Liebe, die sich durch die tiefe Sorge um das Wohl des anderen auszeichnet.

Auf dem Hotelzimmer

Dass augenscheinlich vor allem Frauen der Person verfallen, die sie gefangen hält, dürfte allerdings noch einen simpleren Grund haben: Die Täter sind nun mal meistens Männer.

Doch selten lässt sich das komplexe Geschehen eines großen Kriminalfalls mit einem einzigen psychologischen Phänomen erklären. Oft bleibt es ein Rätsel, was wirklich in den Köpfen der Beteiligten vor sich ging. „Viele Faktoren wirken zusammen“, sagt Reinhard Haller. „In einem weiteren berühmten Fall, dem der jungen Millionenerbin Patricia Hearst, die von einer linksradikalen Gruppierung entführt und dann selbst zur Bankräuberin wurde, spielte vermutlich auch die Rebellion gegen die Eltern und das Establishment eine Rolle.“

Das Norrmalmstorg-Drama jedenfalls geht glimpflicher aus, als viele erwarten. Am sechsten Tag leitet die Polizei Reizgas in den Tresorraum, um alle herauszutreiben – mit Erfolg. Olsson und Olofsson werden festgenommen, die Geiseln sind körperlich unversehrt. Kristin Enmark allerdings gilt in der Folge als verliebte Geisel, als dumme Gans.

Ein Bild, gegen das sich Enmark bis heute wehrt. Ihr Abschiedsversprechen hielt sie trotzdem. Clark Olofsson und sie sahen sich wieder. Am 23. Oktober 1974, während seines 24-stündigen Freigangs, trafen sie sich zum Mittagessen. Sie umarmten sich, tranken Whisky und redeten. Am Nachmittag checkten sie zusammen in einem kleinen Hotel ein. Viel Zeit blieb ihnen nicht, Olofsson musste schließlich pünktlich zurück hinter Gitter.

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Die Geiseln waren körperlich unversehrt.
Die Geiseln waren körperlich unversehrt.
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