Politik
Gar nicht faul: Wieso der Kompromiss uns rettet
Der Kompromiss hat es derzeit nicht leicht. „Der Politiker, der einen eingeht, gilt als schwach und nicht durchsetzungsfähig“, schreibt Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni in seinem Buch „Fremdes Land Amerika“. In den Vereinigten Staaten, gerade unter Donald Trumps Republikanern, sei das Wort Kompromiss mittlerweile zu einem Schimpfwort verkommen.
Dabei ist die Suche nach einer Verständigung der Beginn aller Kommunikation. Es ist die Erkenntnis, dass die eigene Sicht nicht Maß aller Dinge und die Perspektive des Anderen legitim ist.
Der in Freiburg lehrende Philosoph Andreas Urs Sommer zählt den Kompromiss zu den größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte zählt. Am Ende gehe es darum, die Perspektive des Anderen nicht nur wahr, sondern auch ernst zu nehmen. Dies sei der entscheidende zivilisatorische Schritt. Denn nachhaltige Paar- und Gesellschaftssysteme seien auf Abwägung und Verständigung gegründet.
Das Trauma von München
Trotzdem ist der Kompromiss kein Allheilmittel. Er ist ein schmaler Grat in einem enorm komplexen Interessengeflecht, und er kennt Grenzen. Grenzen, die vielleicht nie so grell beleuchtet wurden, wie bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden britischen Politikern Neville Chamberlain und Winston Churchill in den Jahren 1933 bis 1940 angesichts der Gefahr durch den deutschen Diktator Adolf Hitler. Premier Chamberlain wollte einen Krieg um fast jeden Preis verhindern. Seine Antwort auf Hitler war eine Beschwichtigungspolitik, die dem Tyrannen verheerende Handlungsräume eröffnete. Churchill suchte dagegen die kompromisslose Konfrontation. Legendär sein Satz, „Man kann mit einem Tiger nicht vernünftig reden, mit dem Kopf in seinem Maul“.
Und genau hier findet sich die wohl klarste Grenze für jeden Kompromiss. Denn er setzt Selbstbewusstsein, Vernunft und Mäßigung, die Akzeptanz der Perspektive des Anderen und den Willen zur Verständigung voraus. Voraussetzungen, die alles andere als selbstverständlich sind.
Wie die Luft zum Atmen
Wer die eigenen Interessen absolut setzt, zerstört jeden Interessensausgleich und damit jeden Gemeinsinn. Übersetzt auf die Beziehung zwischen zwei Menschen heißt das, dass einer seine Interessen in Gänze hinten anzustellen habe. Und ganz egal, wie stark dieses Hintanstellen auch scheinbar akzeptiert zu werden scheint, es geht auf die Dauer ein wachsendes Konfliktpotenzial damit einher.
Der Kompromiss ist vergleichbar mit der Luft zum Atmen. Ohne Kompromisse erstickt das Gemeinsame. Übrig bleiben Isolation, Abhängigkeit und Hass.
Die Kompromissbereitschaft erscheint aus diesem Blickwinkel nicht als Zeichen innerer Schwäche, sondern als Ausdruck von Verantwortung. Aber eben nur bis exakt an die Tyrannen- oder Fanatiker-Grenze. Die schwierige Frage, so der Berliner Politologe Herfried Münkler, sei, ab wann man es mit einem Tyrannen zu tun habe und ab wann ein Tyrann ein Tyrann sei.
Schwieriger Balanceakt
Grob kann die Grenze bei der Meinungsfreiheit gezogen werden. Wenn dem Gegenüber das Recht auf eine eigene Meinung abgesprochen werde, beginnt sich die Wirkung der Kompromissbereitschaft ins Gegenteil zu verkehren. Es wird nicht mehr gemeinsam ein neues Feld betreten, sondern der Eine räumt für den Anderen das Feld. Die Kompromissbereitschaft befeuert dann die Eskalationsspirale.
Aber diesen Punkt zu bestimmen, an dem sich die Kompromissbereitschaft gegen den Kompromissbereiten wendet, ist schwer. Der US-Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin, der türkische Präsident Recep Erdogan, der indonesische Präsident Prabowo Subianto, jeder stellt den Sinn von Kompromissbereitschaft auf seine Weise in Frage. Ab wann wird das Entgegenkommen beim Gegenüber als Schwäche ausgelegt? Ab wann ist das „Grenzen setzen“ und das „klar dagegen Angehen“ angezeigt? Beides birgt Risiken. Die entscheidende Frage lautet für den Politologen Albrecht von Lucke, „wie lange kann man auf den Gegner zugehen ohne das eigene Gesicht zu verlieren“.
Blüms Basta-Schelte
Am Ende aber ist der Kompromiss das einzige Instrument für gelingende Gemeinschaft. Egal ob auf Paar- oder EU- und UN-Ebene – ohne die Bereitschaft Zugeständnisse zu machen und die verschiedenen Interessen zu berücksichtigen, hätte das friedliche Miteinander keine Chance. Blöd nur, dass der Kompromiss in unserer profil- und Ich-fixierten Zeit unter die Räder gerät. Das Phänomen der Ellbogengesellschaft in der das eigene Ich stets in den Mittelpunkt gerückt wird, zeigt zunehmend Wirkung.
Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm erklärte dazu einst, dass die Basta-Typen für ihn „die eigentlichen Schlappschwänze“ seien. „Die Kompromissfähigen sind die Mutigen.“ Für den 2020 verstorbenen CDU-Sozialpolitiker sind sie es, die eine prosperierende und anständige Gesellschaft ermöglichen. Eine Gesellschaft, in der Menschen mit den verschiedensten Interessen und Bedürfnissen möglichst frei und selbstbestimmt leben können. So frei, wie es in Europa, in der gesamten Weltgeschichte zuvor noch nie möglich war.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.