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Der Entwurf zu einem Straßenrennrad von Togashi Engineering.
Der Entwurf zu einem Straßenrennrad von Togashi Engineering.

Raffiniertes Design und Innovation sind neben dem Umweltgedanken die wesentlichen Gründe, weshalb dem Rad die Zukunft der Mobilität gehört. Von Tomo Pavlovic

Neue Fahrräder werden immer schöner, moderner und meist auch teurer. Denn Fahrräder sind begehrt wie selten zuvor in der Geschichte dieses Fortbewegungsmittels. Die große Nachfrage wird durch die Mobilitätswende vor allem in den Städten angefacht: Immer mehr jüngere, umweltbewusste Menschen verzichten aufs Auto und steigen aufs emissionsfreie Rad, oft ein Liebhaberstück.

Musste es einst funktionstüchtig von A nach B rollen, soll das Teil heute individuell und am besten handgefertigt sein, gern von einer kleinen Manufaktur. Das Fahrrad ist längst nicht mehr bloß ein Alltagsgegenstand, es ist im besten Falle ein perfekt gestaltetes Statussymbol – manchmal sogar eine Geldanlage mit Speichen, die man sich wie ein Gemälde an die Wohnzimmerwand hängt.

Sehen die Innenstädte deswegen anders oder gar cooler aus? Die Frage kann mit einem klaren Jein beantwortet werden. Ja, wenn man die schönen Fahrräder betrachtet, gleichgültig, ob es sich nun um elektrifizierte oder konventionelle Modelle handelt. Und Ja, wenn man sich in großen Städten wie Hamburg, München und natürlich Berlin umschaut, wo besonders das radelnde Jungvolk in bestimmten Vierteln auf Schnitt und Haltung achtet und den viel gepriesenen Londoner oder Kopenhagener Radmodestil kopiert.

 

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Studie: Höher Gebildete häufiger zu Rad

Nein hingegen, wenn man die trotz dieser urbanen Ausnahmen weiterhin grassierende Unlust vieler Radfahrer zum modischen Auftritt registriert. Meist können die Radlerinnen und Radler mit ihren teuren Designobjekten rein äußerlich betrachtet kaum Schritt, Pardon: Tritt halten. Das Fahrrad ist eben auch Verkehrs- und Transportmittel, ein Freizeit- und Sportgerät – und ganz oft eine Mischung aus alldem. Also mehr Normalität als Subkultur.

Dennoch hat sich in den letzten Jahren vieles sichtlich geändert. Das Fahrrad wurde zur Sozialprothese für ein urbanes, formal höher gebildetes Milieu. Das bestätigen sogar seriöse Studien. Der Soziologe Ansgar Hudde von der Universität Köln etwa publizierte 2022 zwei viel beachtete repräsentative Untersuchungen, wonach vor allem höher Gebildete häufiger das Fahrrad benutzten. Für Menschen mit niedrigerem Bildungsstatus sei ein Auto häufiger wichtig, um beruflichen Erfolg zu zeigen. Gebildetere liefen hingegen weniger Gefahr, als arm oder erfolglos wahrgenommen zu werden.

Körperkult und Umweltbewusstsein

Letzteres gilt auch für den Freund, dem man nicht ganz zufällig in einem Stuttgarter Radcafé begegnet. Der Anfang-50-Jährige ist perfekt ausgestattet, so als habe er gerade einen Abstecher von der Tour de France gemacht. Er arbeitet bei einem Software-Unternehmen und fährt mit seinem Gravelbike eines teuren Markenherstellers rund 15.000 Kilometer im Jahr. Oder die Freundin aus Berlin, eine PR-Spezialistin, die alle zwei, drei Tage nach Feierabend eine lange Tour auf ihrem Mountainbike zurücklegt, die sie mit einem Fitnesstracker aufzeichnet und auf Instagram samt Impressionen und Angaben zu Streckenlänge und -profil postet. Damit auch wirklich jeder und jede mitbekommt, welchen Stellenwert das eigene Körpergefühl besitzt.

War mal chic: Ein Pariser Tretkurbelrad von Eugene Meyer von 1869/70.
War mal chic: Ein Pariser Tretkurbelrad von Eugene Meyer von 1869/70.

Doch nicht nur der Körperkult und das Umweltbewusstsein machen das Fahrrad heute zum Fetisch einer linksliberalen urbanen Elite. Zum Erfolg dieses Lifestyle-Vehikels trug auch die technische sowie gestalterische Entwicklung des Fahrrads bei. Das Fahrrad fungiert ja nicht nur als Gebrauchsobjekt. Es ist vor allem Design- und Kultobjekt, bei dem Technik, Funktion und Ästhetik Hand in Hand gehen. Fahrraddesign ist eng verbunden mit der Geschichte technischer Innovationen, seien es die Antriebe, die Federungen, Bremsen, Schaltwerke oder andere Komponenten.

Räder müssen leicht, stabil und ästhetisch sein

Wer sich in den Radkosmos begibt, der sieht die Welt anders. Passionierte Rennradfahrer entwickeln für gewöhnlich ein eigenes Sensorium: für die Gerüche des Asphalts, für den Einfluss des Windes, für die Muskelschmerzen beim Klettern, für die freudigen Ängste bei einer rasanten Abfahrt. Immer spielen die Geometrie des Rahmens, die Belastbarkeit der Bremsen und das Gewicht des Materials eine maßgebliche Rolle.

Diese These vertreten auch die Ausstellungsmacher der absolut sehenswerten Schau „Das Fahrrad. Kultobjekt.Designobjekt“ in der Pinakothek der Moderne in München (noch bis zum 22. September 2024). 70 Räder sind ausgestellt, so auch das Laufrad aus dem Jahr 1817 eines gewissen Karl Drais, ein Bonanzarad und ein Exemplar eines Tessiner Start-ups, das aus dem 3-D-Drucker stammt und für dessen Rahmen recyceltes Polycarbonat verwendet wurde. Je länger man schaut, desto deutlicher erkennt man den Fortschritt beim verwendeten Material. Holz, Stahl, Aluminium, Magnesium, Titan, Carbon und Kunststoff kamen zum Einsatz.

Doch Leichtigkeit ist nicht alles, das Rad muss auch stabil sein, beständig. Und: ästhetisch. Zu den reizvollsten Objekten des Industriedesigns gehören zweifelsohne Rennräder, etwa von Togashi oder Cinelli, die auch in München zu bestaunen sind. Sie sind einfach zu schön, um mit ihnen zum nächsten Radcafé zu radeln.

 

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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