Reise
Eswatini: Unterwegs in Afrikas kleinem Königreich
Was für ein Spektakel! Kaum hat sich der Vorhang der Nacht über das Ludzidzini Royal Village gesenkt, am siebten und letzten Abend des Schilfrohrtanzes, kommt der Höhepunkt des Umhlanga-Rituals: Seine Majestät Mswati III. tritt auf, mit goldener Kampfaxt und um die Hüfte gewickelten Leopardenfellen, den freien Oberkörper geschmückt mit Diamanten, Perlen und bunten Bommeln. Im Laufschritt trifft er auf Volk.
Dort herrscht Ekstase pur: Jedes Mal, wenn der König sich verbeugt, gehen Gruppen an Mädchen und jungen Frauen kreischend in die Knie. Eine endlose Parade mit Tanz und Gesang Die Zeitung „Eswatini Observer“ jubelt über 100.000 Teilnehmerinnen. Das klingt zwar nach Hofberichterstattung, doch Fakt ist: Es sind so viele, dass man sie kaum zählen kann. Tagelang campen sie in Zelten, um der Königinmutter zu huldigen. Sie gilt als spirituelle Führerin des Landes. Sie wird gewürdigt mit dem Schneiden von Schilfrohr, das traditionell als Windschutz für die Residenz verwendet wird. Es folgt eine scheinbar endlose Parade mit Tanz und Gesang.
Dass die „maidens“ dabei barbusig auftreten, macht sie in den Augen der Einheimischen nicht zu Objekten der Begierde: Schließlich wird die Keuschheit der Mädchen zelebriert. Teilnehmerinnen müssen kinderlos und unverheiratet sein, so will es die Tradition. Offiziell treffen sich also nur Jungfrauen, auch wenn das bei den Älteren eher ein Mythos sein dürfte. Fragt man nach, wie dieses Spektakel zur Lebensrealität des 21. Jahrhunderts passt, sagen alle: „Wir sind einfach stolz auf unsere Kultur!“
Sawubona! Willkommen in Eswatini, einem 1,2 Millionen-Einwohner-Staat, kaum größer als Thüringen, umschlungen von Südafrika und Mosambik. Eswatini ist das letzte Land des Kontinents, in dem ein absolutistischer „Sonnenkönig“ regiert, der die Macht über Gerichte, Militär, Parlament und Regierung vereint. König Mswati III. hat bei der jüngsten Umhlanga-Zeremonie seine 16. offizielle Frau vorgestellt. Polygamie wird akzeptiert: Der bis 1982 regierende König Sobhuza II. brachte es auf geschätzt 70 Frauen, mehr als 500 Kinder und unzählige Enkel. Deswegen tragen beim Umhlanga-Ritual auch ganze Regimenter die roten Vogelfedern des Glanzhaubenturakos im Haar: So schmücken dürfen sich nämlich nur die Damen der Königsfamilie.
Kritik am Herrscher nur hinter vorgehaltener Hand
Kritik am opulenten Lebensstil der Royals – Paläste, Personal und teure Gadgets, ein Airbus A340 als Privatjet, der Fuhrpark mit BMW, Mercedes-Maybach und Rolls-Royce – hört man, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand. Wer sich für Reformen und Menschenrechte einsetzt, bekommt nämlich schnell Probleme. Trotz Armut und Arbeitslosigkeit bleiben viele Swazis dem Königshaus bislang noch verbunden.
Das erlebt nicht nur, wer das Spektakel des Schilfrohrtanzes bestaunt. Im Mantenga Cultural Village stehen wie einst im 19. Jahrhundert noch Hütten in Bienenkorbform: Eine zum Bier brauen, eine zum Kochen, eine zum Schlafen – wohlgemerkt pro Gattin. Wie der Alltag mit mehreren Frauen heute organisiert wird, erfährt man als Gast des Shewula Camps. Lindiwe Sifundza ist die Tochter des Chiefs. Sie erklärt das Dorfleben und organisiert einen Termin beim Heiler. Der wirft die Knochen und erklärt, dass die Ahnen ihre schützende Hand über unsere Reise halten. Also los: Wo wartet das Abenteuer?
Abwechslungsreiche Landschaft
Die Landschaft des einst als Swasiland bekannten britischen Protektorats ist erstaunlich abwechslungsreich. Im Tiefland gibt es Zuckerrohrplantagen, dann folgt ein Meer an Hügeln, schließlich das Hochland mit einer Bergwelt, die einlädt zu entspannten Spaziergängen und mehrtägigen Wanderungen. Unterwegs gibt es an vielen Ecken Shops, in denen echte Künstler arbeiten. Es lohnt sich also, im Gepäck Platz für Souvenirs zu lassen, ob es nun Kerzen in Tierform sind oder Skulpturen aus Altglas, ob Schals aus Mohairwolle oder Körbe aus Raffiafaser.
Das kleine Land bietet auch einen echten Superlativ: Der Sibebe Rock gilt als zweitgrößter Monolith weltweit, getoppt nur von Australiens Uluru (doch der darf nicht mehr erklettert werden). 300 Höhenmeter Fels gilt es zu bezwingen, drei Routen stehen zur Auswahl. Die sind „hart, richtig hart, verdammt hart“, grinst Darron Raw vom Anbieter Swazi Trails, der aber bislang alle zum Ziel gebracht hat. Oben angekommen, gibt es das passende Gipfelbier: Der lokale Gerstensaft heißt nämlich auch Sibebe.
Unterwegs mit Sammeltaxi oder Mietwagen
Die niedrige Kriminalitätsrate und die Gastfreundschaft der Swazis machen es möglich, mit lokalen Sammeltaxen durchs Land zu reisen. Bequemer ist es im Mietwagen: Damit geht es ohne Zeitverlust in die Safari-Gebiete. Die können sich zwar nicht mit Südafrikas riesigem Kruger-Park messen. Doch auch in Eswatini leben im Busch die „Big Five“, wobei es für eine Leoparden-Sichtung Glück braucht. Einer anderen bedrohten Art kommt man dagegen garantiert ganz nah. Nashörnern. Fürs Rhino Tracking ist der kleine Staat ein ideales Ziel.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.