Wellness-Industrie
Ein Hightech -Löffel für gesunde Ernährung
Ai Sato grinst ein bisschen beschämt, als sie erklärt, wie sie vor einigen Jahren auf die Idee kam, die nun ihr Berufsleben bestimmt. „Ich war schon immer ein Science-Fiction-Fan“, sagt die studierte Biochemikerin. „Und Gesundheit ist mir beim Essen ein genauso großes Anliegen wie der Genuss.“ Da außerdem Ramen eines ihrer Lieblingsgerichte ist: Was läge da näher, als einen Hightech-Löffel zu erfinden, der die traditionelle japanische Nudelsuppe etwas weniger ungesund macht?
Genau so ein Ding steckt Ai Sato nun aus seinen zwei Einzelteilen in weißem Plastik zusammen. Einen lauten Klicklaut macht es, als Griff und Kelle eingerastet sind, ehe die Produktentwicklerin erklärt: „Ich weiß auch, dass die leckersten Ramensuppen eigentlich viel zu salzig sind. Deshalb gibt es jetzt diese Scifi-artige Hilfe.“ Der Löffel, den Ai Sato nun für die Nutzung präpariert hat, soll nämlich bei Ramen – und potenziell viele anderen salzigen Gerichte – indirekt den Salzgehalt drosseln. Wie bitte?
Geschmacksverstärker für fade Gerichte
Es dürfte eine Weltneuheit sein, was hier in Nakano, im westlichen Zentrum Tokios, in unmittelbarer Nähe zu lauter Schnellrestaurants für scharfe Nudeln, Steak oder Curryreis, in einem Büroturm entstanden ist. Für den Lebensmittelkonzern Kirin hat Sato einen Löffel entworfen, der mit Stromwellen den Geschmack eines ansonsten faden Gerichts aufpeppt. Um ein Drittel werde die Note des in einem Gericht enthaltenen Salzes verstärkt – womit man beim Kochen mit einem Drittel weniger auskommt.
Bei Kirin, einem Unternehmen, das man in Japan vor allem für sein Bier kennt, soll der Hightech-Löffel den Weg in ein neues Geschäftssegment ebnen: Entwicklungen, die das Leben gesünder machen, ohne dass Verbraucherinnen sonderlich viel dafür tun müssten. Und damit liegt Kirin jedenfalls im ostasiatischen Land voll im Trend: Produkte, die Menschen schwierige Entscheidungen abnehmen und in ihrem Alltag damit das Auftreten von Beschwerden verringern sollen, drängen gerade überall auf den Markt.
Japans Gesellschaft altert schnell
Dass dies gerade hier geschieht, ist kein Wunder. Nirgends auf der Welt ist die alternde Bevölkerung – angetrieben durch niedrige Geburtenraten, eine hohe Lebenserwartung und eine eher geringe Immigration – derart fortgeschritten wie in Japan, wo schon knapp 30 Prozent zumindest 65 Jahre alt sind. Bis 2070 dürfte dieser Anteil auf 40 Prozent steigen. Und indem alte Menschen besonders auf ihre Gesundheit achten müssen, dies auch häufig tun, ist ein Trend in Gang: Ganz Japan ist zusehends gesundheitsbewusst.
Laut der Marketingagentur Pulse Marketing belief sich die Wertschöpfung um Produkte und Dienstleistungen im Bereich Wellness – auch wenn die Abgrenzung von Gesundheitstechnologie und anderen verwandten nicht trivial ist – im Jahr 2022 rund 240 Milliarden US-Dollar. Das entspricht ungefähr der Hälfte der gesamten jährlichen Wertschöpfung Österreichs. Japans Branche war die viertgrößte der Welt – und eine, in der viele Wachstumspotenziale erkannt werden, auch aus demografischen Gründen.
Das ist vor einigen Monaten auch auf der Elektronikmesse Ceatec in Tokio nicht zu übersehen. Zwischen Innovationen rund um Autos und Halbleiter drängen sich an vielen Ständen jene, die irgendwie mit Gesundheit zu tun haben. Der Stand des Konzerns Sharp etwa –den man in Europa noch für Fernseher und Taschenrechner kennt – ist von „Healthtech“ und Ähnlichem geprägt. „Den Bereich wollen wir auf jeden Fall pushen“, nickt Taiyo Sekiguchi, ein Herr in weißroter Uniform, zwischen lauter Neuheiten.
Smarter Spiegel gibt Tipps für gesunde Haut
Da hängt zum Beispiel ein smarter Spiegel, der seinem Betrachter zwar nicht gleich sagt, wer der Schönste im Land ist, wohl aber, wie gesund er aussieht. Anhand von Falten, Hautbeschaffenheit und weiteren sichtbaren Eigenschaften soll dieser smarte Spiegel Tipps geben, um die Gesundheit zu verbessern. Ein ähnlicher Gedanke steckt hinter einer smarten Waage. Sie soll erkennen, welches Produkt gerade gewogen wird und dann die Nährwerte erklären. So werden Nutzer darüber aufgeklärt, was sie essen.
Apropos Aufklärung: Der Toilettenhersteller Toto launchte kürzlich ein Klo samt App, mit dem User ihren Stuhl scannen können – woraufhin sie erfahren, ob die Ausscheidungen gesund aussehen oder nicht, und worauf sie achten könnten. Im Entwicklungszentrum im Süden von Tokio erforschen Toto-Mitarbeitende auch gezielt diverse altersrelevante Besonderheiten für das Design von Badezimmern. Entwickler arbeiten an Prototypen, indem sie durch an den Körper angebrachte Gewichte selbst das Altsein simulieren.
Gesundheit als Boom-Thema
„Gesundheit ist eines der wichtigsten Themen überhaupt“, erklärte im vergangenen Jahr auch Megumi Nakai, als sie über den „Health Pavillon“ auf der Weltausstellung Expo in Osaka stapfte. Die Expo-Offizielle gab eine Tour: Da prognostizierte etwa eine KI-basierte Kamera aufgrund von Haaren, Zähnen, Haut und Augen, wie man beim aktuellen Lebensstil in Zukunft aussehen werde – gefolgt von Produktempfehlungen, um den Alterungsprozess zu bremsen.
Ein paar Meter weiter präsentierte ein Konsortium um die Universität Osaka einen 3D-Drucker, der Rindfleisch herstellt. Durch die Entnahme von Stammzellen bei echtem Rindfleisch ist es Forschenden über die letzten Jahre gelungen, nahezu identisches Fleisch künstlich herzustellen. „In den 2030er-Jahren soll der Drucker ein kommerzielles Heimgerät sein“, so Nakai mit hörbarem Stolz. „Dann kann man zum Beispiel auch einstellen, wie hoch der Fettgehalt im Fleisch sein soll.“
Die Nutzung ersetzt keinen Arzt
Aber handelt es sich bei all diesen Produkten um wirklich bahnbrechende Neuerungen oder öfter mal nur um PR-Gags? Zur Stuhlanalyse von Toto schreibt etwa das Magazin Tokyo Weekender, das die Entwicklung ausprobiert hat: „Die App generiert monatliche Grafiken, um Veränderungen zu visualisieren und arbeitet wiederkehrende Trends heraus. Darauf basierend gibt sie Empfehlungen, wie zum Beispiel einen erhöhten Verzehr von Gemüse.“ Eine medizinische App, betont Toto, sei es aber nicht.
Dieser Hinweis ist ohnehin viel bei Produkten in Japan zu finden, die sich an gestiegene Nachfrage rund um Gesundheit richten: Der Gebrauch ersetze keinen Arzt. Darin steckt auch Erwartungsmanagement – was wiederum zu positiveren Kritiken führt. So ist über den Löffel von Kirin bisher vor allem Begeisterung zu hören. Die japanische Version des Wirtschaftsmagazin Forbes attestiert zum Beispiel: „Kirin revolutioniert natriumarme Ernährung mit einem elektrischen Löffel.“ Anderswo ist die Begeisterung ähnlich.
Ein Blick in Europas Zukunft
Es sind Produkte und Trends, die über die kommenden Jahre auch verstärkt nach Europa schwappen dürften. Denn selbst wenn einige davon ihr Versprechen womöglich nicht einlösen, wird die Suche nach Lösungen der wachsenden Probleme in alternden Gesellschaften zunehmen. Die demografischen Entwicklungen zeigen: Japan ist den Ländern Europas um zehn bis 20 Jahre voraus. Ein Blick nach Japan könnte ein Blick in die demografische – und damit ökonomische – Zukunft Europas sein.
Dabei ist Japans Lebenserwartung von je 87 und 84 Jahren für Männer und Frauen zwar längst eine der höchsten weltweit. Aber Experten sind sich sicher, dass sie noch höher sein könnte. Ein Vergleich der US-Universität Harvard zeigt etwa, dass man in Japan auffallend viel Salz aufnimmt – vor allem durch Würzen und Einlegen von Speisen. Bildungsoffensiven sollen die Aufnahme reduzieren – teils mit Erfolg. Höher als der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Wert liegt der Konsum aber weiterhin.
Ein Stromkreis für mehr Geschmack
Hier setzt der Hightechlöffel an, der 2024 erstmals in Japan auf den Markt kam. In einem holzvertäfelten Konferenzzimmer, dessen Regale mit Bierdosen und vermeintlich gesundem Joghurt dekoriert sind, krempelt Ai Sato ihr dunkelblaues Sakko hoch, simuliert eine Essbewegung: „Hat die Nutzerin den Löffel in der Hand und im Mund, entsteht so über Haut und Mund ein geschlossener Stromkreis.“ Je zwei Sensoren, einer am Griff und einer auf der Kelle, sorgen für die elektrische Verbindung.
Ein Effekt ist tatsächlich spürbar. Als Sato aus einer Thermoskanne etwas Ramenbrühe gereicht hat, schmeckt diese salziger und herzhafter mithilfe der Kirin-Technologie. Aber ein Erfolgsschlager ist sie bisher nicht. Von der ersten Version setzten sich bis Dezember 2024 gut 2600 Stück ab. „Unsere Marktforschung ergab, dass der Löffel noch etwas zu groß war“, so Sato. „Außerdem ist er wohl auch zu hochpreisig gewesen.“ 19.800 Yen, rund 108 Euro, sind vielen Kunden wohl schlicht zu viel Geld für einen Löffel.
Auch am Ersatz von Schärfe wird gearbeitet
Aber Sato will dranbleiben. Ende vergangenen Jahres hat Kirin eine neue Version des Löffels herausgebracht, der samt Akku kleiner, also ähnlich groß wie herkömmliches Besteck ist. Auch gibt es nun eine Schüssel mit gleichen Fähigkeiten, aus der sich fade Ramensuppe mit Geschmack schlürfen lässt. Ob es gelingt, den Preis weiter zu senken, vermag Ai Sato nicht abzusehen. Aber: „Wir forschen schon dazu, auch die Schärfe eines Gerichts zu ersetzen.“ Zur Zukunftsmusik gehöre gar die Simulation von Alkohol.
Sollte der Löffel irgendwann so preiswert werden, dass er kein Luxusprodukt mehr ist, könnte er als Geschmacksverstärker prinzipiell auch andere Bereiche einer stark an Gesundheit orientierten Ernährungsökonomie befruchten. Und die ist dieser Tage generell ziemlich fruchtbar.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
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