Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Deutscher will die Fidschi-Inseln zur WM führen

Auswandererparadies: Fidschi besteht aus mehr als 300 Inseln, 110 davon sind belebt. Sie alle besucht Timo Jankoswki, um talenti
Auswandererparadies: Fidschi besteht aus mehr als 300 Inseln, 110 davon sind belebt. Sie alle besucht Timo Jankoswki, um talentierte Fußballspieler zu finden.

Der Schwabe und Ex-DFB-Trainer Timo Jankowski soll den Fußballzwerg Fidschi zur WM 2026 bringen. Mit der U20 hat er das bereits geschafft. Über einen Enthusiasten, der 100 Inseln nach Spielern abklappert, fürs Barfußkicken plädiert und Rouladen vermisst. Von Nico-Marius Schmitz

Das Bild bei dem Videogespräch ruckelt noch ein bisschen, aber dann ist Timo Jankowski gut zu sehen. „Im Moment ist Zyklon-Saison. Die letzten Wochen hat es viel geregnet, es gibt viel zu tun“, sagt er. Jankowski arbeitet als Technischer Direktor für den Fußballverband auf Fidschi – und will den Inselstaat zu einer Weltmeisterschaft führen. Ein Schwabe, der zwölf Jahre im professionellen Fußball gearbeitet hat und das Projekt in der Südsee: Lebenstraum oder Lebensaufgabe?

Bei Jankowski, 37, liegt die Leidenschaft in der Familie. Vater Peter war selbst Torwart und Fußball-Enthusiast. Auch Timo verbrachte von klein auf den Tag auf dem Bolzplatz, kickte in der U17. Nach dem Abitur zog es Jankowski nach Australien, zum Fußballspielen und Entdecken. Er kam in Kontakt mit Wynton Rufer, Bundesliga-Legende mit 174 Spielen für Werder Bremen. Rufer leitete in Auckland eine Fußballschule. „Ich bin zufällig in die Trainersparte reingerutscht. Es hat mir auf Anhieb Spaß gemacht“, erzählt Jankowski.

Ein Virus stoppt den Fußballer

Doch bei einer Reise durch Neuseeland fing er sich ein Tropen-Virus ein: „In Vanuatu hat es mich komplett erwischt.“ Ein Jahr lang ausgeknockt – das war es mit der aktiven Karriere als Fußballer. Jankowski studierte nach dem Neuseeland-Abenteuer Betriebswirtschaft und wusste anschließend, was er nicht machen möchte in seinem Leben. Schon im Alter von 24 begann er deshalb mit seinem Trainerschein, arbeitete erst beim Südbadischen Fußballverband und dann beim Deutschen Fußball- Bund (DFB) als Stützpunkttrainer. Die letzten zehn Jahre verbrachte Jankowski in unterschiedlichen Funktionen bei den Grasshoppers Zürich: Jugendtrainer, Co-Trainer der Senioren, Ausbildungschef. Dann wurde der Verein von chinesischen Investoren übernommen. „Ich dachte mir, das ist der richtige Zeitpunkt, um etwas Neues anzufangen.“

Vielleicht war es auch der Fußball auf dem Niveau, von dem Jankowski eine Auszeit brauchte. Die ganzen Interessengruppen um Eltern und Spielerberater, die oft einen negativen Druck ins Spiel bringen. „In den vergangenen zwölf Jahren habe ich im professionellen Fußball viele Trainer erlebt, deren familiäre Situation unter diesem Druck extrem gelitten hat.“ Das sollte ihm, Vater von drei kleinen Töchtern, nicht passieren.

Erst Madagaskar, dann Fidschi

Die Idee: ein neues Projekt mit der Familie. Ursprünglich sollte es nach Madagaskar gehen. 25 Millionen Einwohner, keine richtige Fußballinfrastruktur und trotzdem schon im Viertelfinale des Afrika-Cups. „Wenn man auf die Fußballweltkarte schaut, ist das vermutlich eines der letzten spannenden Projekte“, sagt Jankowski. Mehr als ein Jahr hatte er sich mit dem Vorhaben schon beschäftigt. Dann kam Corona und die Situation in Madagaskar verschlechterte sich noch mal deutlich. „Hunderttausende sind vom Hungertod bedroht, es gab Unruhen. Diesen Schritt wollten wir mit der Familie nicht wagen“, erklärt Jankowski den Rückzug.

Ein Freund machte ihn schließlich darauf aufmerksam, dass Fidschi, Rang 163 der Fifa-Weltrangliste, einen Technischen Direktor sucht. Es folgten Gespräche mit dem Nationaltrainer, dem 75-jährigen Dänen Flemming Serritslev, 1992 beim EM-Triumph Co-Trainer. Die Chemie zwischen beiden passte sofort. Auch der Familienrat gab grünes Licht für das Abenteuer Südsee.

Spieler aus den entlegensten Dörfern geholt

Beim Start seiner Aufgabe lag die Qualifikation für die U20- und U17-WM noch ein Jahr entfernt. Jankowski erkundigte sich beim Verband nach dem Spielerpool, aus dem er schöpfen könne – und erntete Schweigen. Es gab einen Schulwettbewerb, das war alles. Organisierter Nachwuchsfußball: Fehlanzeige. Also machte er sich auf den Weg, klapperte die „ganzen Inseln ab“ und fand auch „in den abgelegensten Dörfern Spieler“. Das rohe Talent sei überall vorhanden; „die Grundbegabung, die Koordination sind bei einem Kind von den Fidschi-Inseln im Vergleich zu einem deutschen Kind viel fortgeschrittener“, sagt Jankowski. Was fehlt, ist die Struktur. „Aber man darf es auch nicht überstrukturieren. Was dann passiert, sieht man aktuell ganz gut im deutschsprachigen Raum.“

Jankowski ist keiner, der im Anzug in VIP-Räumen herumlungert. Er sei viel unterwegs, dadurch lerne er die Dörfer und die Dorfchefs gut kennen. Zeigt ein Spieler besonderes Talent, wird der schwäbische Auswanderer sofort informiert. Fidschi erstreckt sich auf 300 Inseln, die rund 924.000 Einwohner verteilen sich auf 110 bewohnbare Inseln. Rugby ist hier Volkssport. „Die füllen einfach eine Plastikflasche halb mit Wasser und nehmen die als Rugby“, erzählt Jankowski. „Wenn du da anhältst und wirfst denen einen Ball raus, spielt die Hälfte nach zwei Tagen Fußball.“

Leben in Wellblechhütten

Der Erfolg gibt ihm recht: Die U20 der Fidschi ist im Sommer beim WM-Turnier in Indonesien dabei. Unter ihnen: Fataul. Ihn hat er auf der Nordinsel Vanua Levu entdeckt. „Die Eltern sind ein bisschen krank, er schuftet den ganzen Tag auf der Farm. Aber Fataul gehört zum WM-Kader .“ Von diesen Geschichten gibt es viele in der Südsee.

Bei Fidschi denken viele an traumhafte Inseln, weiße Strände, Sonnenschein. Aber das ist nur für die Touristen, sagt Jankowski. Er erzählt von Spielern, die mit zehn Familienmitgliedern in Wellblechhütten leben, zum Teil auf dem Boden schlafen. „Sie wissen nicht, wann es das nächste Mal etwas zu essen gibt. Diesen Jungs ist es noch höher anzurechnen, dass sie sich für die U20-WM qualifiziert haben.“ Und der Schwabe mit dem besonderen Fußball-Gen denkt noch weiter. Ab 2026 bekommt Ozeanien anderthalb Startplätze für die Fußball-WM – einen fixen und einen Play-off-Platz. „Und wenn es ein Rückspiel gibt und Neuseeland muss auf Fidschi oder den Salomon-Inseln spielen, dann ist alles offen“, sagt er. „Hier gelten eigene Gesetze.“

Plädoyer fürs Barfußspielen

Auf den Fidschi-Inseln wird sehr physisch und mannorientiert gespielt. Außerdem sind ruhende Bälle eine Stärke, die U20 erzielte auf dem Weg zur WM fünf Tore nach Standards. „Wir haben so eine Wucht, da brauchst du gar keine großartige Variante.“ Ein weiterer Trumpf ist das Barfußspielen. Jankowski berichtet von Jean-Marc Guillou. Der ehemalige französische Nationalspieler, der in der Elfenbeinküste eine Fußballschule aufgebaut, inspirierte mit seinen Methoden sogar Arsenals Ikone Arsène Wenger. In Guillous Akademie spielen die Kinder bis zum 16. Lebensjahr nur barfuß und jonglieren jeden Tag eine Stunde. Die heutigen Superstars Salomon Kalou, Yaya Touré, Emmanuel Eboué, Gervinho stammen aus Guillous Ausbildungszentren. Jankowski empfiehlt den europäischen Akademien, ein bis zwei Mal pro Woche Barfußspielen fest einzuführen. Für ihn findet das Training auf dem Kontinent zu oft nach Schablone statt, es fehlen die verrückten, die unerwarteten Sachen. Wie sollen sich da kreative Spieler entwickeln?

Er spricht das Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool an. 60 bis 70 Prozent des Kaders seien aus Südamerika und Afrika. Dort spielen die Kicker „größtenteils auf der Straße, bis sie 15, 16 sind“. Und dann kommen die europäischen Akademien, die Hunderte Millionen Euro für die technisch versierten Talente hinblättern. „Lasst die Spieler doch mal barfuß beim Torschuss in den Boden reinhauen, da verbessert sich die Technik ganz schnell automatisch“, glaubt Timo Jankowski. Und nicht nur das. Eine Verletzung habe er in seiner Zeit auf den Fidschi-Inseln noch nicht mitbekommen. „Muskelbeschwerden kennen die gar nicht. Die Jungs klettern ständig Kokosnussbäume hoch, von denen braucht keiner ins Fitnessstudio.“

Familie fühlt sich pudelwohl

Nicht nur sportlich ist das Projekt Fidschi bislang ein voller Erfolg. Auch die Familie fühlt sich nach eineinhalb Jahren auf der Insel längst wohl – und hat die Entscheidung bislang nicht bereut. Tochter Cosima, 6, besucht eine Schule, Julie, 4, einen Schulkindergarten. „Cosima spricht bereits super englisch – ohne deutschen Akzent, den ich wohl nicht mehr ablegen kann. Unsere Töchter spielen nach der Schule jeden Tag mit den einheimischen Kindern, denn in der Fußballakademie, wo wir wohnen, ist immer was los“, berichtet Jankowski. Die Mädchen sollen auch Hindi und Fiji lernen. Nach der Schule gehen die beiden oft zum Taekwondo, Mama Sina kümmert sich in der Zeit um die zweijährige Elaine. Für den weiblichen Part der Familie geht es im Juni für vier Wochen in die Heimat. Freunde und Familie in Baden-Württemberg treffen. Jankowski bleibt auf Fidschi, WM-Qualifikationen im Futsal, Beachsoccer und bei den U19-Frauen stehen an. Zudem will er seine Pro-Lizenz beim Neuseeländischen Verband absolvieren. „Heimat ist für mich da, wo meine Familie ist“, sagt er. „Wobei eine deutsche Mahlzeit wie Rinderrouladen oder Königsberger Klopse auch mal wieder was Schönes wäre.

Timo Jankowski im Sand mit Jugendspielern und der legendären 7er-Rugby-Mannschaft Fijis, zweifacher Olympiasieger.
Timo Jankowski im Sand mit Jugendspielern und der legendären 7er-Rugby-Mannschaft Fijis, zweifacher Olympiasieger.
Kicken mit den Kids: Jankowski spielt Fußball und sagt, „die Jungs hier haben eine bessere Grundbegabung als deutsche Kinder“.
Kicken mit den Kids: Jankowski spielt Fußball und sagt, »die Jungs hier haben eine bessere Grundbegabung als deutsche Kinder«.
Familienglück: Timo Jankowski (rechts) mit Frau Sina (im Arm) und den drei Töchtern auf Fidchi.
Familienglück: Timo Jankowski (rechts) mit Frau Sina (im Arm) und den drei Töchtern auf Fidchi.
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