Leben
Deutsch-deutsche Geschichte: Als der Adel in den Osten zurückkehrte
Dass das Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut wurde, ist ein Segen“, entfährt es Bernhard von Barsewisch, nachdem er, gekleidet in Trachtenjacke und mit Siegelring am Finger, mit preußischer Strenge durch „sein“ Museum auf Schloss Wolfshagen führt. Der Medizinprofessor, ein sachlicher Mann, hielt es wie die Mehrheit seines Stands für ein Unding, dass die Regierung der DDR das Stadtschloss, das sich damals in einem durchaus renovierungsfähigen Zustand befand, sprengte. „Eine barbarische Schandtat.“
Barsewisch, heute dem untitulierten Adel zugehörig, entstammt einem alten Adelsgeschlecht, das sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. In dem Stammbaum findet sich auch die Familie der Gans Edlen Herren zu Putlitz, ein edelfreies Geschlecht, das im 12. Jahrhundert in die Prignitz kam, eine Region im Nordwesten Brandenburgs. Wie fast alle Adligen im sowjetisch besetzten Sektor Deutschlands wurde der Onkel von Barsewisch, Hans Albrecht Gans Edler zu Putlitz, aus seinem Schloss Wolfshagen vertrieben.
Professor in München, Schlossherr im Osten
Barsewisch war lange Zeit in München als Professor in einer Augenklinik beschäftigt. Schon vor dem Mauerfall ahnte er, dass in Ostdeutschland „etwas am Dampfen“ ist. „Bei meinen Besuchen in der DDR sah ich, dass die Leute den Stillstand nicht mehr ertrugen und auch schon öffentlich Kritik äußerten.“ Nach dem Mauerfall war Barsewisch einer der ersten Adligen, die ihre alten Besitztümer wieder in Beschlag nahmen. Die Regelung zur Besitzübertragung in dieser Zeit sahen aber vor, dass Adlige ihre Besitztümer nicht einfach zurückbekamen, sie mussten sie zurückkaufen. Nur Adlige, die schon in der Nazi-Zeit enteignet worden waren, erhielten ihre Güter kostenfrei zurück.
Der Plan von Barsewisch war es, im ehemaligen Anwesen der Familie seiner Mutter in Groß Pankow, vier Kilometer von Schloss Wolfshagen entfernt, eine Augenklinik zu eröffnen. Gesagt, getan. Er kaufte das Gut zurück, baute die Klinik auf, die der heute 88 Jahre alte Schlossherr bis zu seiner Pensionierung leitete. Rührig kümmert sich von Barsewisch nun seit Jahren um das Schlossmuseum, das er selbst aufgebaut hat.
DDR: Die meisten Schlösser in schlechtem Zustand
Als Barsewisch das Schloss unter seine Fittiche nahm, war es wie die meisten Schlösser in der DDR in einem miserablen Zustand, außen mit grauem Putz verschandelt. Fast sämtliche Möbel fehlten, das Anwesen wurde in der DDR als Schule genutzt. Als Hommage an diese Zeit ließ Barsewisch im Keller ein Klassenzimmer, wie es im Osten einst Usus war, nachbauen. Für die Renovierung des Schlosses war die Summe von rund sechs Millionen D-Mark notwendig, die zum Großteil aus Fördermitteln stammen.
Dafür erstrahlt das Schloss heute in neuem Glanz. Heizkörper sind nicht sichtbar, erwärmt werden die Räume von Heizschlangen, die unter dem Putz liegen. Einige historische Kamine sind noch erhalten, die aber nicht mehr befeuert werden. Auch einige unter dem Putz liegende Wandgemälde konnten bei der Renovierung freigelegt werden. Bestückt ist das Museum mit einer Mischung aus Familienbesitz und Leihgaben adliger Familien. Den Hauptteil nimmt eine Porzellansammlung ein, daneben gibt es unzählige gemalte Ahnenporträts und Bücher.
Manche Einheimische kritisch gegenüber dem Adel
In einem Raum ist ein Schlafzimmer einer Bediensteten nachgestellt, ein anderer Raum ist ein riesiges Speisezimmer, das für eine fürstliche Tafel gedeckt ist. Essen kann man leider nicht im Schloss, das Schlosshotel mit Restaurant nebenan ist zurzeit geschlossen. „Wir sind auf der Suche nach einem neuen Pächter“, sagt Barsewisch, man habe aber schon einige vielversprechende Kandidaten in Aussicht. Dort könnten dann Gerichte aus dem Buch „Vom Kochen und Leben in märkischen Gutshäusern“ serviert werden, das Barsewisch herausgegeben hat.
Wie sich von Barsewisch nach seinem Umzug von München in einem ostdeutschen Dorf fühlt? „In Groß Pankow wurde ich sehr gut aufgenommen, dort erinnerten sich ältere Bewohner noch gut an den Baron.“ Anders sei es in Wolfshagen, dort stünden die Neusiedler, die nach dem Krieg in dem Dorf ansässig wurden, dem Adel kritisch gegenüber.
Die Apfelgräfin aus dem Westen
Szenenwechsel. Im Dörfchen Lichtenhain in der Uckermark, umgeben von prächtiger Natur, hat Gräfin Daisy von Arnim ihre Heimstatt nach dem Mauerfall gefunden. Arnim ist der Name eines märkischen Adelsgeschlechts, das auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Daisy von Arnim wird auch die Apfelgräfin genannt, denn sie baute in dieser entlegenen Gegend einen landwirtschaftlichen Betrieb auf, der sich ganz dem Apfel widmet. „Bitte nur die schönen fotografieren“, weist sie die Fotografin an. Auf dem Blech in der Backstube liegen ihre „Arnimtaler“, selbst gemachte Kekse, die sie im Hofladen verkauft.
Vor der Wende arbeitete von Arnim als Buchhändlerin in einer Buchhandlung in Göttingen. Als die Mauer fiel, war es für sie und ihren Mann selbstverständlich, zu ihren angestammten Besitztümern in der Uckermark zurückzukehren. Im „Apfelcafé“ hängen Fotos vom familieneigenen Gutshaus an der Wand, wie es Anfang der 1990er-Jahre aussah: grau, der Putz bröckelte wie überall in der DDR. Heute erstrahlt das Gutshaus in hellem Gelb, die Blumenkästen auf den Fensterbänken sind mit Schleifchen geschmückt. Man merkt, dass von Arnim einen Sinn für das Dekorative hat.
Erster Betrieb funktionierte nicht
Der Weg bis dahin war aber nicht leicht: Die Gräfin eröffnete zunächst einen Buchsbaum-Vertrieb. Das ging schief, noch heute sind überall im riesigen Garten des Gutshauses Buchsbaumhecken zu erkennen. Ende der 90er kauften die von Arnims das Gutshaus und die Nebengebäude zurück. Von Arnim und ihr Mann wollten zudem Land kaufen, dieses bestellen. Doch sie hatten die Rechnung nicht mit den alten Uckermärkern gemacht, die nicht gerade angetan waren, dass Adelige hier ihre Besitztümer wiedererrichten wollten.
Doch die von Arnims blieben stur. Anfang der 2000er-Jahre kam dann die Idee für den Apfel-Betrieb. Vom Gutshaus führt eine alte Apfelallee rund vier Kilometer direkt bis zum Schloss Boitzenburg. Diese Apfelbäume waren im Herbst voll mit Äpfeln, die alle herunterfielen und verfaulten. „Jammerschade“, dachte sich die Gräfin, „daraus müsste sich doch etwas machen lassen.“
Ferienwohnungen gut gefüllt
Mit ihrem Sinn fürs Geschäft erwarb sie eine mobile Mosterei, mit der sie in die Dörfer ringsum fuhr, um den Leuten die Möglichkeit zu bieten, ihren eigenen Apfelsaft herzustellen. Es dauerte nicht lange, den Hofladen aufzubauen. Dort gibt es mittlerweile Dutzende Köstlichkeiten rund um den Apfel, von Apfel-Schokoringen, Apfelchips, Apfel-Chutney, Apfelessig, Apfel-Birnenkraut bis zur Apfel-Zimt-Marmelade.
Die Busgruppen, die bis zur Corona-Zeit auf das Gut Lichtenhain fuhren und sich dann verköstigen ließen, kommen heute allerdings nicht mehr. Das können die von Arnims mit ihren wenigen Aushilfskräften nicht mehr stemmen. Dafür sind im Sommer die Ferienwohnungen im Gutshaus, die die von Arnims geschaffen haben, gut gefüllt. Die Apfelgräfin will ihre alte neue Heimat nicht mehr missen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.