Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Der Rollkoffer: Wie die Räder zu rattern begannen

Bei Bernard Sadows erstem Entwurf sind die Rollen an der Längsseite befestigt, der Koffer wird mit einer Schlaufe gezogen. Eine
Bei Bernard Sadows erstem Entwurf sind die Rollen an der Längsseite befestigt, der Koffer wird mit einer Schlaufe gezogen. Eine wacklige Konstruktion. Robert Plath setzte daher die Rollen an die kurze Seite und wählte statt einer Schlaufe einen Teleskopgriff. Inzwischen gibt es Modelle mit vier statt zwei Rollen, die man auch bequem neben sich her schieben kann.

Vor 50 Jahren erfindet der Amerikaner Bernard Sadow den Trolley. Doch anfangs will das Gefährt fast niemand durch die Gegend ziehen – echte Kerle schleppen ihr Gepäck.

Manchmal ist es schlicht Frust und Ärger, der die besten Ideen entstehen lässt. So geht es Bernard Sadow im Jahr 1970. Auf dem Rückflug vom Karibikurlaub müssen der Amerikaner und seine Frau in Puerto Rico umsteigen. Mit ihrem schweren Urlaubsgepäck quälen sie sich durch den Flughafen.

Gepäckträger sind nicht in Sicht, da sieht Sadow einen Mitarbeiter des Zolls, der eine schwere Maschine mithilfe eines Schlittens auf Rollen bewegt. Und Sadow hat eine Eingebung. „Das brauchen wir für die Koffer“, sagt er zu seiner Ehefrau.

Zu Hause macht er sich an die Arbeit, wobei ihm zugutekommt, dass er vom Fach ist als Manager des Koffer- und Mantelherstellers United States Luggage mit Sitz in New York City. Sadow konstruiert den Prototypen eines großen Reisekoffers auf vier kleinen Rädern an den Längsseiten und versieht ihn an der Vorderseite mit einer Schlaufe aus Leder zum Ziehen. Unter dem Namen „Rolling Luggage“, rollendes Gepäck, meldet er den Rollkoffer zum Patent an – das wird ihm 1972 unter der Nummer US 3653474 erteilt.

Doch das Ganze ist ein Flop. Vergeblich bietet Sadow sein Produkt den großen Kaufhäusern in New York an, wo die Einkäufer nur lachend abwinken. „Ein Koffer mit Rollen – verrückt!“ und „Einen Koffer wie einen Hund an der Leine hinter sich herziehen? Das macht doch kein Mensch“ kriegt Sadow da zu hören.

Die Konstruktion fällt um

Außerdem fällt der Rollkoffer wegen der wackligen Konstruktion leicht um, wenn er gezogen wird. Vor allem aber ist die Zeit in den 1970ern einfach nicht reif dafür. Wer Geld hat, leistet sich auf Flughäfen oder Bahnhöfen einen der Gepäckträger, die überall bereitstehen. Zudem gilt, dass ein richtiger Mann sein Gepäck auch selbst tragen kann und dazu das seiner weiblichen Begleitung.

Immerhin bequemt sich schließlich die Kaufhauskette Macy’s, ein paar Exemplare ins Sortiment zu nehmen. Halbherzig bewirbt Macy’s das Produkt als „the luggage that glides“, das Gepäck, das gleitet. Doch der Rollkoffer bleibt lange ein eher kurioses Nischenprodukt.

Sadow nimmt den Misserfolg sportlich und erklärt später der „New York Times“, der rollende Koffer sei „eine meiner besten Ideen“ gewesen. Allerdings ist er nicht der Einzige mit dieser Idee. Schon im 19. Jahrhundert sind verschiedene Modelle von rollenden Koffern überliefert.

Louis Vuitton: Vom Kofferpacker zum Luxuskoffer

Da ist gerade der normale Koffer, wie wir ihn kennen, erfunden worden, und zwar von einem gewissen Louis Vuitton. Er ist am Hof des französischen Kaisers Napoleon III. als Kofferpacker der Kaiserin Eugénie tätig, wo er Hüte, Kleider und modische Accessoires in schwere, umständlich zu handhabende Holzkisten verstauen muss.

Die Kisten sind gut für den Transport in der Kutsche geeignet, nicht aber für die Eisenbahn, die immer mehr in Mode kommt – auch beim Kaiser. Vuitton stellt für die Fahrten mit der Bahn die ersten Koffer und Taschen aus robustem Leder her.

1854 eröffnet der junge Unternehmer sein erstes Koffergeschäft in Paris und schon 1860 produziert seine Firma die Behältnisse in großer Stückzahl. Bis heute steht Vuitton für exklusives Gepäck.

In jenen Jahren erscheint auch das „Handbuch für Fußreisende“ als eine Art Blaupause für den modernen Rollkoffer. Man müsse, so das Handbuch, einfach „ein paar leichte Räder mit einer leichten Achse befestigen“ und einen speziellen Reisestock zum Ziehen in die Achse stecken.

Die Truhe des Handlungsreisenden

Ende des Jahrhunderts kommen truhenartige Koffer mit Rollen auf; die bei Handelsvertretern sehr beliebt sind. Doch diese frühen Rollkoffer können sich nicht durchsetzen, weil die damaligen Böden in den Bahnhöfen und die Straßen zu holprig oder verschlammt sind.

Auch im 20. Jahrhundert machen sich andere neben Bernard Sadow Gedanken, wie das Koffertragen bequemer werden kann. Schon 1971 bewirbt das Versandhaus Quelle einen „Kofferroller“ als „idealen Gepäckträger“ für unterwegs. Der französische Hersteller Delsey rühmt sich, 1972 den ersten Hartschalenkoffer auf Rollen zu bieten. Er wird „Trolley“ genannt, was sich im Englischen bald als Synonym für sämtliche Koffer auf Rädern einbürgert.

Aber alle diese Produkte führen ein Schattendasein als Ladenhüter – bis 1987 Robert Plath, ein Pilot der US-Fluglinie Northwest Airlines, die Bühne betritt. Plath kann nicht nur den Großraumjet Boeing 747 steuern, sondern ist in seiner Freizeit auch ein versierter Hobby-Bastler. Er schaut sich das Sadow-Modell an und entdeckt die Schwachstellen.

Ein Pilot greift ein

Plath modifiziert die ursprüngliche Idee, indem er die vier Räder auf zwei an der Frontseite reduziert und den Koffer damit beim Ziehen stabilisiert. Noch wichtiger: Die Schlaufe ersetzt er durch einen höhenverstellbaren Teleskopgriff. Diese Weiterentwicklungen meldet Plath unter der Nummer US 4995487 zum Patent an.

Anfangs produziert Plath sein „Rollaboard“, wie er den Koffer nennt, nur für Freunde und Kollegen in seiner heimischen Garage. Er animiert die Flugbegleiter seiner Airline, sich so einen Koffer zuzulegen. Plath wittert das große Geschäft.

Jedem, der einen neuen Kunden wirbt, zahlt er eine Prämie von fünf Dollar. Auf einmal erwärmt sich das breite Publikum für den Koffer. Der Pilot kündigt 1991 bei der Fluglinie, kauft eine große Produktionsstätte und gründet mit „Travelpro“ eine eigene Firma, die es bis heute gibt, mit einer breiten Palette an Koffern und Taschen.

Frauen reisen auch geschäftlich

Die ersten Rollkoffer sind für 129 Dollar zu haben, schon im ersten Jahr macht Travelpro 1,5 Millionen Dollar Umsatz. In den Folgejahren wird Plath zum Multimillionär. Das Umfeld ist für den Rollkoffer günstiger geworden, nun wird er nicht mehr belächelt. Immer mehr Menschen können sich einen Flug auch in die exotischsten Gegenden leisten und freuen sich über praktisches Reisegepäck.

Außerdem ändert sich das archaische Rollenverständnis, was Frauen betrifft. Der starke Mann als Kofferschlepper ist überholt, zudem reisen immer mehr Frauen allein, vor allem beruflich. Und auf den Bahnhöfen verschwinden nach und nach die berufsmäßigen Gepäckträger.

Für die Kofferbranche, die zuvor unter einer Absatzflaute litt, kommt der Rollkoffer zur rechten Zeit. Das gute Stück erobert Hotellobbys, Flughäfen und Bahnhöfe, die Fluggesellschaften passen die Gänge und Gepäckfächer ihrer Jets der Form der Rollkoffer an. Bald gibt es den Trolley in vielen Farben, Formen und Größen, in der Billigversion bei den Discountern oder in den Boutiquen mit ihren teuren Designerkollektionen.

Das Tack-tack der Rädchen

Der Boom ist bis heute ungebrochen. Der „Spiegel“ schreibt dazu: „Robert Plath, so viel steht fest, hat das Kofferrad nicht neu erfunden. Die Welt verbessert hat er aber dennoch.“

Das typische Abrollen oder Rattern der Koffer hört man mittlerweile überall. Die „Rheinische Post“ notiert: „Egal, ob Reisender, Fernpendler oder Handelsvertreter – alle sind mit dem Trolley unterwegs. Das Tack-Tack der Räderchen ist zum Sound des 21. Jahrhunderts geworden, gehört wie Möwengeschrei an der See zur Geräuschkulisse jeder Stadt.“

Die Entwicklung steht nicht still. Wer heute smart auf Reisen gehen will, legt sich einen „intelligenten“ Elektrokoffer auf Rädern zu. Angetrieben wird er von kleinen Elektromotoren, er folgt seinem Besitzer selbstständig auf Schritt und Tritt. Seine Sensoren erfassen Hindernisse, die der Koffer umfährt. Ein Armband-Sensor signalisiert dem Reisenden stets seine Position, entfernt sich der Koffer mehr als drei Meter von ihm, gibt es Vibrations-Alarm.

Der vollautomatische Koffer

Der Koffer ist so abgemessen, dass er im Flugzeug als Handgepäck mitgenommen werden kann. Als Energiequelle verfügt der Trolley über eine Power Bank, die alle Airlines akzeptieren.

Bleibt das Mysterium, weshalb eine eigentlich so schlichte Erfindung, deren Zutaten wie Gepäck und Rad seit Jahrtausenden existieren, so lange brauchte, um sich durchzusetzen.

Robert J. Shiller, US-amerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2013, hat auch keine schlüssige Erklärung. Er hat die Erfindung des Rollkoffers in eines seiner Bücher aufgenommen – als Beispiel dafür, dass sich das Potenzial einer guten Idee erst viel später eröffnet. Shiller meint dazu in einem Vortrag an der Yale University, wo er einen Lehrstuhl hat: „Ich finde es lustig, dass Erfindungen, die einfach und naheliegend sind, irgendwie lange Zeit brauchen.“

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