Meinung
Der Hyperkrieg droht: Welche Waffen Berlin für die Zukunft bestellen muss
Zu den erschreckenden Wahrheiten des Kriegs in der Ukraine gehört, wie archaisch er ist. Die Schützengräben von Bachmut erinnern an die von Verdun vor etwas mehr als einem Jahrhundert. Auf der anderen Seite sehen wir in Russlands Angriffskrieg und der Verteidigung der Ukraine tatsächlich den endgültigen Aufbruch der Militärtechnik in die digitale Ära. Starlink, das Satellitensystem von US-Milliardär Elon Musk, ist einer der wichtigsten Faktoren für die Reaktionsfähigkeit ukrainischer Einheiten. Die Analyse von Social Media Videos zur militärischen Aufklärung und der Einsatz von Drohnen, die zu Zehntausenden über den Schlachtfeldern schwirren und sogar bis nach Moskau gelangt sind – sie verändern den Krieg.
Was heißt das für die Bundeswehr? Welche Waffen sollte sie beschaffen, um die Kriege der Zukunft gewinnen zu können, besser noch: derartige Abschreckung aufzubauen, dass es gar nicht erst zum Krieg kommt?
Scholz’ Zeitenwende bleibt zu vage
Im Februar 2022, bei der Münchner Sicherheitskonferenz und im Bundestag, hat Bundeskanzler Olaf Scholz diesen Satz gesagt: „Wir brauchen Flugzeuge, die fliegen, Schiffe, die in See stechen, und Soldatinnen und Soldaten, die für ihre Einsätze optimal ausgerüstet sind.“ Das ist, mit Verlaub, alles richtig, aber sehr unkonkret. Die „Zeitenwende“, die Scholz konstatierte, muss mit Beschaffungsplänen einhergehen, die aus einer „bedingt abwehrbereiten“ eine schlagkräftige Truppe machen. Und die Perspektive, die dabei einzunehmen ist, sollte den Blick auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte lenken. General a. D. Klaus Naumann, Generalinspekteur der Bundeswehr in den 90er Jahren, nennt die Vorbereitung Deutschlands „unzulänglich“ – durch Künstliche Intelligenz (KI), Bionik, Automation, Robotik und Nanotechnologien könnten Gegner „neue, bislang kaum geahnte Möglichkeiten der Lähmung und Zerstörung in die Hände bekommen“. Wie versiert Russland in der Ukraine die Mobilfunknetze manipuliert oder auch Drohnen fluguntauglich macht, sollte Warnung genug sein, nicht nur auf Panzer und Kampfjets zu setzen.
Nico Lange, früher Chef des Leitungsstabs der Bundeswehr und heute an der Bundeswehr-Uni in München, sieht eine „große Gefahr, dass wir jetzt militärische Fähigkeiten erwerben, die wir (...) bereits vor zehn Jahren gebraucht hätten“. Lange fragt in der Zeitschrift „Internationale Politik“ zudem: „Was ist mit den Fähigkeiten, die wir in drei, fünf oder zehn Jahren unbedingt brauchen werden?“
KI als Beschleuniger
Es geht dabei vor allem um den Faktor Geschwindigkeit. Je weiter die neuen Technologien voranschreiten, umso schneller kann eine Streitmacht auf dem Schlachtfeld agieren. Viele Strategen hatten vor Russlands Attacke gegen die Ukraine befürchtet, dass die technologische Überlegenheit schon so weit sei, dass Moskau das Nachbarland binnen Tagen schlagen würde. Aber was noch nicht ist, könnte angesichts der Fortschritte im KI-Bereich im nächsten Jahrzehnt Realität werden. „Der Krieg der Zukunft wird ein Hyperkrieg sein“, prophezeien die Militärexperten Julian Lindley-French, John R. Allen und Frederick Ben Hodges in ihrem Buch „Future War“. Mit Hyperkrieg meinen sie: „ein Krieg, in dem Strategie, Technologie und Zerstörung eine solche Geschwindigkeit annehmen, dass die Folgen noch schlimmer sein werden als im Zweiten Weltkrieg“.
Die Herausforderung könnte also kaum größer sein. Dass sie immense Summen verschlingen dürfte, ist klar. Dies zu stemmen, ist für die Bundesrepublik allein unmöglich. Sie bleibt auf den Verbund mit den Nato-Partnern, gerade in der EU, angewiesen. Noch ist sie auch abhängig von den USA, deren Verbleib in Europa aber alles andere als sicher ist. Der strategische Wettbewerb Amerikas ist mittelfristig mit China, nicht mehr mit Russland.
Es mus nicht gleich eine F-35 sein
Umso wichtiger, dass die Investitionen in die Zukunft vorausschauend und zügig geschehen. Bisher sieht es nur bedingt danach aus. Immerhin: Das israelische Luftabwehrsystem Arrow 3 wird für vier Milliarden Euro beschafft. Auch sind F-35-Kampfjets oder schwere Transporthubschraubern CH-47 auf dem Einkaufszettel. Schutzausstattung für Soldaten ist in Auftrag gegeben worden. Aber die Umsetzung solcher Projekte dauert Jahre und Rüstungsmanager fordern zurecht, dass sich auch das Beschaffungswesen der Bundeswehr endlich schlagkräftiger aufstellen muss.
Fakt ist: Das Zeitenwende-Sondervermögen von 100 Millionen Euro (das die Inflation empfindlich angeknabbert hat) reicht nicht. Eine Debatte, den Wehretat, der nun bei 50 Milliarden Euro im Jahr liegt, dauerhaft weiter zu vergrößern, hat zurecht begonnen. Die gute Nachricht: Der Ukrainekrieg zeigt, dass es nicht immer gleich eine F-35 sein muss. Drohnen sind billiger und offensichtlich Teil des Kriegs der Zukunft. In der Ukraine entwickelt sich daher gerade eine Start-up-Industrie, die es in Europa nicht gibt. Die Türkei, auch der Iran und Israel sind da schon weiter. „Unsere Innovationszyklen, Entwicklungs- und Testzeiträume müssen radikal schneller werden“, konstatiert Frank Sauer von der Bundeswehr-Uni München. Will sagen: Die Zeitenwende auszurufen, reicht nicht. Die militärpolitische Herausforderung ist historisch, und Berlin muss sie den Wählern erklären – jetzt!
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt.