Beweger
Der Chinese, der nicht nur Hitler trotzte
Es ist die einzige Geschichte, die Feng Shan Ho seiner Tochter je über seine Zeit zwischen 1938 und 1940 als Generalkonsul in Wien erzählt: Sie handelt davon, wie er jüdische Freunde vor einem Gestapo-Mann mit gezogener Waffe rettet.
Tochter Manli Ho schreibt diese kurze Episode in den Nachruf ihres Vaters, als er 1997 mit 96 Jahren in seiner US-amerikanischen Wahlheimat San Francisco stirbt – und bringt damit einen Stein in Rollen: Überlebende, die er gerettet hat, melden sich nun zu Wort. Etwa Eric Goldstaub, der noch ein Teenager war, als Ho für seine Familie Visa ausstellte und ihnen so die Flucht aus Österreich ermöglichte.
1938 war das. Das Jahr verändert für die 200.000 Juden, die damals in Österreich leben, alles. Nach dem „Anschluss“ ans Deutsche Reich sind sie den Schikanen der Nazis ausgeliefert und werden massiv unter Druck gesetzt, um sie aus ihrer Heimat zu vertreiben. Doch um Österreich zu verlassen, braucht man nicht nur Geld, sondern auch ein Visum. Das ist allerdings seit der Konferenz von Evian noch schwerer zu bekommen.
Vertreter aus 32 Staaten nehmen an dem Treffen am 6. Juli 1938 teil, Initiator ist US-Präsident Franklin Delano Roosevelt. Die meisten Regierungsvertreter drücken zwar ihr Mitgefühl für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich aus, weigern sich jedoch, mehr Menschen aufzunehmen, da sie glauben, bereits genug Flüchtlinge in ihr Land gelassen zu haben.
Entsetzt über die SA
In einem solchen weltpolitischen Klima, dass den jüdischen Flüchtlingen nicht gerade wohlwollend gegenübersteht, sieht sich der chinesische Diplomat Feng Shan Ho zum Handeln gezwungen. Er ist entsetzt über die Demütigungen, die Juden in Österreich über sich ergehen lassen müssen: SA-Männer zwingen jüdische Männer und Frauen beispielsweise, auf den Knien rutschend die Gehwege Wiens mit Zahnbürsten zu putzen.
Die Nazis kennen und verabscheuen gelernt hat Ho bereits in München, wo er von 1929 bis 1932 an der Ludwig-Maximilians-Universität studiert und seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften macht. Und so zögert er nicht lange, seiner jüdischen Bekannten Lilith-Sylvia Doron seine Hilfe anzubieten, als er sie im März 1938 zufällig in Wien trifft.
Doron hat gerade beobachtet, wie die Nazis durch die Stadt marschieren, angefeuert von einer fanatisierten Menschenmenge. Sie hat Angst und will schleunigst nach Hause. Ho bietet ihr an, sie zu begleiten, und erklärt, dass die Nazis es nicht wagen würden, ihn als Mann mit Diplomatenstatus körperlich anzugehen.
Seine Rechnung geht zum Glück auf. Später gelingt es ihm sogar, Dorons Bruder Karl aus dem Konzentrationslager Dachau freizubekommen. Dank der Visa, die er den beiden ausstellt, können die Geschwister 1939 nach Palästina entkommen.
Das Visum durchs Autofenster
Bei dem Ausstellen der Visa geht Generalkonsul Ho clever vor: Er stellt die Dokumente für Schanghai aus, eine damals von den Japanern besetzte Stadt. Eine Einreisekontrolle gibt es praktisch nicht; die Visa werden lediglich von den deutschen und österreichischen Behörden verlangt, die die Ausreise genehmigen müssen. Von Schanghai aus können die Flüchtlinge dann weiterreisen, etwa in die USA oder nach Palästina.
Die Nachricht über die chinesische Küstenstadt als ein sicherer Zufluchtsort verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter den jüdischen Bewohnern Wiens. Für viele ist Ho die letzte Hoffnung. Zum Beispiel für Eric Goldstaub. 1938 ist die chinesische Botschaft Endpunkt einer verzweifelten Odyssee, die den damals 17-Jährigen zu rund 50 verschiedenen Konsulaten geführt hat. An seine erste Begegnung mit Ho erinnert sich Goldstaub in seiner Biografie: „Was für eine angenehme Überraschung. Der Empfang durch Herrn Ho war freundlich, er lächelte mich an und teilte mir sogleich mit: Bringen Sie Ihre Pässe und wir werden die Visa ausstellen.“
Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verschlimmert sich die Lage weiter, wie der Bericht einer anderen Überlebenden, Gerda Gottfried Kraus, zeigt. In Wien dauert das Pogrom nicht nur eine Nacht, sondern mehrere Tage. 42 Synagogen und jüdische Bethäuser werden verwüstet und in Brand gesteckt. In der Folge werden Tausende Juden in Konzentrationslager deportiert.
In den Tagen nach dem Pogrom wartet Gerdas Mann erschöpft in einer langen Schlange verzweifelter Menschen vor dem chinesischen Konsulat in Wien. Als er Hos Limousine auf das Konsulatstor zufahren sieht, schiebt er seinen Visumsantrag in seiner Not durch das Autofenster. Auch für Familie Kraus ist der Generalkonsul die Rettung: Wenig später hält Gerdas Ehemann die ersehnten Visa in seinen Händen.
Eine Rüge in der Personalakte
Eine Geschichte, die zeigt, dass Feng Shan Ho sich auch im furchtbarsten Chaos seine Menschlichkeit bewahrt. Über seine Beweggründe schreibt Ho in seinen chinesischen Memoiren von 1990, die in der späteren englischen Übersetzung gekürzt sind und in der Passagen fehlen, die seine Rettungstaten beschreiben: „Angesichts der fatalen Lage der Juden forderte meine menschliche Natur nur eins – ein tiefstes Mitgefühl. Als Zeuge einer solchen Tragödie ist es unmöglich, teilnahmslos abseits zu stehen; das vollkommen Natürliche ist, alles zu tun, um den Menschen in dieser Situation zu helfen.“
Hos direkter Vorgesetzter, Chen Jie, der chinesische Botschafter in Berlin, sieht das anders: Er ist strikt dagegen, dass Ho überhaupt Visa an Juden ausstellt. Dem Botschafter sind gute diplomatische Beziehungen zu Hitler-Deutschland wichtiger. Als Chen Jie bemerkt, dass Ho ungewöhnlich viele Visa für Juden ausstellt, schickt er einen Mitarbeiter nach Wien. Im Gepäck: Bestechungsvorwürfe. Der Botschafter unterstellt Ho, er lasse sich für die Visa bezahlen und verkaufe sie an den Meistbietenden.
Belege dafür findet der Abgesandte des Botschafters in Wien jedoch nicht; er sieht, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Einen Negativeintrag in seine Personalakte kassiert Ho dennoch, doch das kümmert ihn nicht. Er lässt sich nicht einschüchtern, ignoriert die Anordnungen seiner Vorgesetzten und schreibt weiter Ausreisevisa – wohl wissend, dass er damit seine Karriere und seine eigene Sicherheit aufs Spiel setzt.
1940 wird Ho zurück nach China beordert. Wie viele Juden er bis dahin genau gerettet hat, ist schwer zu sagen. Orientiert man sich an den Seriennummern der ausgestellten Visa, müssten es, so der Nachrichtensender CNN, etwa 4000 sein. 1949, als die Kommunisten die Macht in China übernehmen, geht Ho nach Taiwan, wo er bis zu seiner Pensionierung 1973 verschiedene diplomatische Posten innehat. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in San Francisco.
Posthum geehrt
Posthum wird Feng Shan Ho dann doch noch geehrt: Seit April 2015 gibt es am Gebäude des ehemaligen chinesischen Konsulats in Wien eine Gedenktafel, die an ihn erinnert. Auch in Schanghai, wohin nach 1938 etwa 20.000 Juden geflohen sind, gedenkt man ihm seit 2008 mit einer Dauer-Ausstellung.
Yad Vashem, die internationale Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, hat Feng Shan Ho am 8. August 2000 in die Liste der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen – aufgrund seines „menschenfreundlichen Muts“, mit dem er sich den Anweisungen seiner Vorgesetzten mutig widersetzte.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.