NS-Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Demokratiebildung im ehemaligen KZ: „Lasst mich raus“

Die KZ-Gedenkstätte in Osthofen, ein frühes Konzentrationslager des Nationalsozialismus – und der Ort, in dem der Roman „Das sie
Die KZ-Gedenkstätte in Osthofen, ein frühes Konzentrationslager des Nationalsozialismus – und der Ort, in dem der Roman »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers spielt.

Wie kann man Grundschülern Werte wie Toleranz und Menschlichkeit vermitteln? Und: Kann der NS-Staat ein Thema für neun- oder zehnjährige Buben und Mädchen sein? Zwei Fragen, die angehende Lehrkräfte beim „Tag der Demokratiebildung“ zu klären versucht haben. Unter anderem in der KZ-Gedenkstätte Osthofen.

Er stellt ausgezeichnete Fragen, der Bub, der zusammen mit den anderen Siebtklässlern aus dem Rheinhessischen auf dem Appellplatz in der KZ-Gedenkstätte Osthofen bei Worms steht. „Haben die Häftlinge auch versucht, die Wärter zu töten?“, fragt der Bub, und jetzt erklärt die Führerin, dass die Wachen im Konzentrationslager bewaffnet waren. Womit das Wissensbedürfnis des Jungen allerdings noch nicht gestillt ist. „Konnte man sagen: Okay, ihr habt das Spiel gewonnen, ich bin jetzt Nazi, lasst mich raus?“, fragt der Junge.

Hervorragende Fragen des Buben, der Migrationshintergrund hat, was hier deshalb erwähnt wird, weil es vielleicht zur Ausformung der Fragen beiträgt: Die erste stellt das Schicksalhafte, Unausweichliche des Nationalsozialismus in Frage, das „Es-kam-wie’s-kommen-Musste“, das dann doch manchmal als Unterton unter den deutschen Diskussionen zum Thema liegt. Und die zweite berührt erstaunlich oder eben nicht erstaunlich vorurteilsfrei das schwierige Feld von Anpassung, Wegducken und Mitläufertum, das im Diskurs manchmal deutlich zu schlicht diskutiert wird. War außerordentlich interessant, dem Buben zuzuhören. Wieder was gelernt. Da ist man ja gerade in guter Gesellschaft.

Pflicht für angehende Lehrer

Tag der Erinnerungskultur und Demokratiebildung Ende März – und damit auch Pflichtveranstaltung für angehende Lehrkräfte im Land, beispielsweise für die knapp 100 künftigen Grundschullehrer am Studienseminar Rohrbach in der Südpfalz. Weshalb momentan, an diesem sonnigen Vorfrühlingstag, etwa zwei Dutzend Grundschulpädagogen in Ausbildung die KZ-Gedenkstätte Osthofen besuchen, ein frühes Konzentrationslager, in dem vor allem Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter einsaßen: 1933 vom „Volksstaat Hessen“ gegründet, in den Hallen einer ehemaligen Papier-Fabrik, 1934 schon wieder aufgelöst. Nicht aus Gründen der Humanität, sondern weil die Nationalsozialisten früh anfangen, die Lager zentralistischer zu führen.

Die jungen Lehrer konnten zum Tag der Demokratiebildung aus verschiedenen Modulen auswählen, alternativ beispielsweise dem Vortrag von Zeitzeugen beiwohnen. Insgesamt geht es hier um ein weites und schwieriges Feld, Indra Grünenwald vom Seminar Rohrbach fasst es bündig zusammen: „Historisches Lernen verknüpft mit Wertevermittlung.“

Erinnerungsarbeit schon in der Grundschule? Die Meinungen gehen auseinander.
Erinnerungsarbeit schon in der Grundschule? Die Meinungen gehen auseinander.

Es sind im Prinzip zwei Richtungen, in die die Veranstaltungen des Tages abstrahlen sollen: Auf der einen Seite steht die Schulung in Demokratiebildung, und die ist schon im rheinland-pfälzischen Schulgesetz als zentrale Aufgabe definiert, die sich allen Lehrkräften stellt. Und auf der anderen Seite die Frage, ob man die Geschichte des Nationalsozialismus schon Grundschülern nahebringen kann und muss, schwierige Frage, zweifellos.

Martina Ruppert-Kelly, die Leiterin des pädagogischen Diensts in der Osthofener Gedenkstätte, wird sie später bei einem kurzen Vortrag aus ihrer Perspektive aufreißen: In Osthofen müht man sich um die Vermittlung des Themas auch für junge Schüler, beispielsweise mit Bilderbüchern und Mitmach-Boxen. Andererseits kennt Ruppert-Kelly „viele Kollegen von anderen Gedenkstätten, die das auch ablehnen“, Angebote für Grundschulkinder nämlich.

Ist das Thema zu komplex?

Um die pädagogischen Positionen zum Thema kurz zusammenzufassen: Es gibt eine Meinungstendenz, die das Thema Nationalsozialismus in der Grundschule für kaum vermittelbar hält. Zu komplex das Thema und damit im Grundschulunterricht tendenziell unbotmäßig vereinfachend, und daneben unter Umständen zu belastend für sehr junge Menschen. Durchaus moralische Frage, die da mit reinspielt, eine von Generationengerechtigkeit, wenn man so will: Darf ich Kinder schon in so jungen Jahren mit den Abgründen der deutschen Geschichte belasten – einer Geschichte, der sich auch viel ältere Menschen freiwillig oft nicht stellen?

Gegenmeinung: Das Thema ist auch aus der Grundschule kaum herauszuhalten – weil die Kinder es selbst mitbringen, aus der Alltagskultur, Filmen, Büchern, Stolpersteinen, vielleicht sogar dem Gespräch mit älteren Angehörigen, die noch persönliche Eindrücke des Geschehens schildern können. Fragen, die auftauchen, müssen beantwortet werden – auf möglichst kindgerechte Art und Weise.

Wie sehr darf man vereinfachen?

Schwierige Klammer und schwierige Frage, die sich da auftun. Allerdings: Die angehenden Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer, die sich heute in Osthofen zum Außenseminar treffen, gehen damit durchaus sehr reflektiert um.

„Die didaktische Reduktion“, also die notwendige Vereinfachung im Unterricht für Grundschulkinder, „das ist eine enorme Herausforderung“, sagt Andreas Helf, Lehramtsanwärter im Referendariat. „Es ist schon eine Herausforderung, was denn so der erste Schritt dabei ist“, sagt sein Kollege Tim Stengert. Es sei der Nationalsozialismus ein „unfassbar schwieriges Thema, bei dem man sehr sensibel mit den Kindern umgehen muss“, sagt eine junge Frau, „man muss da mit sehr viel Fingerspitzengefühl auf die Schüler zugehen.“

Die angehende Lehrerin hat sich im Übrigen, war bei der Führung erkennbar, sehr gut auf den Besuch vorbereitet – und sieht, als politisch aktiver Mensch, im Erstarken rechter politischer Strömungen eine Gefahr für die Demokratie. Und trotzdem: „Ich persönlich würde es (das Thema Nationalsozialismus, d. Red.) erst in der vierten Klasse einführen“ – und zwar erst dann, da herrscht bei den Befragten Einigkeit, wenn die Kinder es selbst in den Unterricht einbringen.

Viele Schüler mit anderer Perspektive

Ist halt immer auch die Frage, wie sie’s einbringen – und da ist die Situation für Grundschulpädagogen sicher nicht einfacher geworden. Was gelegentlich einmal schlaglichtartig deutlich wird, wenn beispielsweise an der Gräfenauschule in Ludwigshafen, in der etwa 98 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, 40 Erstklässler eines Jahrgangs sitzen bleiben – was dann im Nachgang bundesweit erstaunte Schlagzeilen produziert.

Interessantes Schlaglicht, das auch aufs Thema Nationalsozialismus und dessen Vermittlung in der Schule abstrahlt: Dem Komplex „NS-Zeit“ nähern sich Kinder aus Afghanistan oder Syrien wohl grundsätzlich anders als deutsche, und das kann auch gar nicht anders sein. Und das kann dazu führen, dass der Bub mit Migrationshintergrund aus dem Rheinhessischen sehr gute Fragen stellt, gleichsam in der Außenansicht auf ein Thema. Es kann unter Umständen aber auch mit dazu führen, dass „du Jude!“ zum Standard-Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen wird, wie immer es dazu dann gekommen ist.

Gibt im Übrigen noch ein weiteres Problem in dem Zusammenhang, Andreas Helf weist darauf hin: Präsentiert man die Geschichte von Massenmord und Krieg beispielsweise syrischen Kindern, „dann triggert man die auch“, meint Helf, stimuliert also unter Umständen das Wiedererleben eigener, kaum aufgearbeiteter traumatischer Erlebnisse.

Sensibilisieren statt überstülpen

Komplexes Feld also, schon aufgrund der Zusammensetzung vieler Grundschulklassen. Allerdings: „Die Grundschule ist immer die Schule für alle Kinder“, und das nicht nur beim Thema Nationalsozialismus, sagt Kristina Spall, die Leiterin des Seminars Rohrbach. Beim als Schimpfwort gebrauchten „du Jude“, würde Spall dazu raten „nachzufragen, nachzuhaken, woher das kommt“ – um so „im Konkreten diesen Dingen nachzugehen“. Man dürfe „Sechs- bis Zehnjährigen nichts überstülpen – aber sie sensibilisieren“, meint Spall.

„Ich denke, wir haben auch die Verantwortung, die Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen“, sagt Spall, und da sei die Beschäftigung mit der NS-Zeit eben eine ganz zentrale Aufgabe. „Es ist unser aller Thema – nicht nur in der 7. und 8. Klasse.“ Ziel sei, über die Beschäftigung mit der NS-Zeit „ein Wertesystem zu vermitteln“, hat Indra Grünenwald schon in Osthofen gesagt, Toleranz, Mitgefühl, der respektvolle Umgang miteinander.

Die Kür wäre natürlich, die Perspektive der Kinder auch aus anderen Kulturen gleichsam als Außenansicht ernst zu nehmen – in den Fragen und Ungewissheiten, die im deutschen Diskurs manchmal zu kurz kommen. Den Bub aus dem Rheinhessischen hat seine Lehrerin am Ende allerdings ein wenig ausgebremst, war ein bis-chen überaktiv, der Bub. Hat allerdings gute Fragen gestellt. Sehr, sehr gute Fragen.

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