Reise
Blind Booking: Was das Reisen ins Ungewisse zum Trend macht
Die junge Frau auf Tiktok flippt aus. „I love it, I love it.“ Soeben hat sie erfahren, dass ihre nächste Reise nach Neapel geht. Gut, bei Neapel kann man schon mal aus dem Häuschen sein. Aber die Freude gilt in diesem Fall nicht nur dem Ferienziel. Was so für Jubelstürme sorgt, ist der Überraschungseffekt. Es handelt sich nämlich um einen Blind-Booking-Trip. Man bucht und weiß nur ungefähr, was auf einen zukommt. Der ganze Nervenkitzel wird derzeit auf Tiktok in unzähligen Videos zelebriert. Wir erklären, wie es funktioniert.
Was ist Blind-Booking?
Der Reisende bucht online und setzt die Referenzen: Abflug- oder Abfahrtsort, Reisedauer und Reisezeitraum. Zur Wahl steht in der Regel auch, ob es ein Pauschalurlaub werden soll, Flugferien oder eine Reise mit dem Zug. Auf diese Weise kann man das Ergebnis zumindest in eine bestimmte Richtung lenken. Teils ist es auch möglich, aus verschiedenen Kategorien zu wählen: Strandferien, Citytrip, Aktivurlaub. Als Faustregel gilt: je mehr Optionen man auswählt, desto teurer wird die Sache.
Wer bietet Blind-Booking an?
Für Fluggesellschaften sind die Reisen eine gute Möglichkeit, weniger gebuchte Ziele kurzfristig auszulasten. Im deutschsprachigen Raum setzt vor allem Eurowings auf dieses Pferd. Wie bei Austrian Airlines startet der Überraschungsei-Trip dort ab 89 Euro. Lufthansa wirbt mit „Surprise“-Flügen ab 99 Euro. Als Abflughafen lassen sich dabei München oder Frankfurt/Main auswählen, zur Wahl stehen danach neun Reisethemen wie Kunst und Kultur, Shoppen ohne Ende oder Party und Nightlife. Es gibt aber auch Reiseveranstalter wie Travel Secret aus Zürich, die Backpacker-Überraschungs-Reisen ab 215 Euro und Platinum-Citytrip für den etwa dreifachen Preis im Angebot haben. Inklusive sind Direktflug, Handgepäck und zwei Hotelnächte. Von Alicante bis Zagreb gibt es rund 60 Ziele. Die bekanntesten Plattformen in Europa: das spanische Waynabox und Blookery aus Deutschland. Wer bei Blookery ab München oder Wien in „Südlichere Regionen“ will, hat die Wahl zwischen 38 Städten und „guten“ und „gehobeneren Unterkünften“. Man kann auch noch sein Budget für die Reise festlegen. In diesem Fall startet die Reisekasse ab 600 Euro für zwei Personen. Nach ein bis zwei Stunden erhält man ein Angebot per Mail.
Was kostet der Trip wirklich?
Man weiß ja, dass Airlines kreativ sind, was die Preisgestaltung betrifft. Das 99-Euro-Lockangebot der Lufthansa gilt nur, wenn man keine Destination ausschließt. Wer zum Beispiel keinen Bock auf Posen oder Pisa hat, zahlt in unserem Test gleich mal 40 Prozent mehr. Übrig bleiben in der Kategorie „Einfach sehenswert“ dann noch neun Städte. Das Konzept hinter den Preisen ist undurchsichtig: mal kostet das Wegklicken einer Destination fünf Euro, mal 20 Euro. Sitzplatzreservierungen und aufgegebene Koffer sind extra zu bezahlen, Umbuchungen und Stornierungen sind nicht möglich. Auch beim Schweizer Anbieter Travel Secret steigt der Preis mit fast jedem Klick. Zum Beispiel beim Hotel: Wer eine vier statt zwei Sterne Unterkunft möchte, zahlt 160 Euro mehr. Standardmäßig lassen sich fünf Ziele ausschließen. Wer 15 Destinationen abwählen will, ist noch mal 55 Euro los.
Wo lauern Kostenfallen?
Zielflughafen und Unterkunft liegen unter Umständen weit auseinander. Entsprechende Taxi- oder Transferkosten können das Reisebudget ordentlich belasten. Auch die Art der Verpflegung im Hotel muss man berücksichtigen. Ist Halbpension inkludiert? Oder nur Frühstück? Oder gar nichts?
Gibt es Spartipps?
Es gibt einen Trick, der bedingt funktioniert. Wer die Zielauswahl komplett dem Zufall überlässt, spart Geld. Wenn es aber, wie oben beschrieben, partout nicht Pisa oder Posen sein sollen, dann lohnt sich ein Blick auf den Flugplan des Abflughafens. Bestimmte Städte werden nicht jeden Tag angeflogen. Wer seine Buchung entsprechend legt, kann das Ziel folglich auch ohne Zusatzkosten eingrenzen.
Für wen lohnt es sich?
Familien mit Kindern, die in den Sommerferien an den Strand möchten, sind nicht das Zielpublikum für die Überraschungsreisen. Für Blind-Booking muss man flexibel und abenteuerlustig sein, dann lassen sich Schnäppchen machen. Wer aber am Ende alles aufrechnet, verdirbt sich unter Umständen die Ferienlaune, wenn der Überraschungstrip teurer ausfällt, als bei einer „normalen“ Buchung im Reisebüro oder online. Es gibt aber auch Menschen, die auf den Nervenkitzel stehen, das Ziel nicht zu kennen. Im Zweifelsfall kann man damit auf Tiktok einiges an Aufmerksamkeit generieren.
Warum der Hype?
Das muss man sich tatsächlich fragen, schließlich ist die Grundidee nichts Neues. Bereits in den 1990er-Jahren gab es bei der australischen Fluggesellschaft Qantas ein Konzept namens „Mystery Flights“. Daraufhin erfreuten sich personalisierte Überraschungsreisen vor allem in den USA großer Beliebtheit. Auch an europäischen Flughäfen gab es damals bereits Schalter für derartige Trips.
Wann erfährt man das ziel?
Die Airlines teilen die Destination in der Regel direkt nach der Buchung mit. Die Pauschal-Anbieter agieren ein wenig anders: Nach der Eingrenzung erhält der Gast ein Angebot inklusive Preis und Leistungen. Sobald man aber die Kreditkarte gezückt hat, wird das Ziel angezeigt. Mittlerweile gibt es auch Oldschool-Varianten, bei der die Destination per Überraschungsbrief vom Postboten überbracht wird. Wer auf maximale Spannung steht, kann einen Countdown aktivieren. Dann erfährt man erst wenige Tage vor dem Start der Reise, wohin es geht. So kann man ein spannendes Tiktok-Video aufnehmen…
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.