Rheinpfalz am Sonntag RHEINPFALZ Plus Artikel Berlin: Die Rheinpfalzallee – ein grüner Irrtum mit Geschichte

970 Meter Berlin-Idylle: Die Rheinpfalzallee in Karlshorst – grün, ruhig, fast kleinstädtisch.
970 Meter Berlin-Idylle: Die Rheinpfalzallee in Karlshorst – grün, ruhig, fast kleinstädtisch.

Wer unsere Zeitung in Berlin sucht, landet leicht in Karlshorst. Dort gibt es eine Rheinpfalzallee – mit Villen, Künstlern und DDR-Vergangenheit.

Und so schafft man regionale Identität in der Fremde, kleiner Selbstversuch: Geben Sie mal „Rheinpfalz Berlin“ in Google Maps ein – und schauen Sie, wohin Sie geschickt werden. Nicht zur Redaktion unserer Zeitung in der Französischen Straße in Berlin-Mitte. Nein: Google lotst Sie schnurstracks nach Karlshorst, in den Berliner Osten – zur Rheinpfalzallee. Und wer der digitalen Spur folgt, wird überrascht: Statt Pressetrubel gibt es hier alte Bäume, Vogelgezwitscher und ein Gefühl, das eher an Kleinstadt als an Millionenmetropole erinnert.

Karlshorst, Bezirk Lichtenberg, das sogenannte rheinische Viertel: Straßen wie die Neuwiedstraße, Koblenzer Straße oder eben die Rheinpfalzallee erinnern an westdeutsche Regionen – benannt einst unter den Nationalsozialisten, in einer Phase der ideologischen Neuordnung Berlins. Die Rheinpfalzallee entstand 1938 aus der Dewetallee. Zwischen 1976 und 1990 trug sie – ganz sozialistisch – den Namen Siegfried-Widera-Straße, benannt nach einem Arbeiterwiderstandskämpfer.

Heute heißt sie wieder wie die Region und ihre Zeitung – und sie ist ein Ort, an dem die Widersprüche der deutschen Geschichte aufeinandertreffen: DDR-Militärgeschichte, Kunstszene, Neubaupläne und das beruhigende Rascheln der Lindenbäume. Exakt 970 Meter lang, führt die Rheinpfalzallee vom Trubel der Treskowallee hinein in eine überraschend stille, fast kleinstädtisch anmutende Welt. Man läuft vorbei an gepflegten Vorgärten, alten Laternen und blühenden Rhododendren – und vergisst dabei schnell, dass Berlin nur ein paar Straßen weiter wieder laut, schnell und groß ist.

Das ehemalige Künstlerhaus war einst Schule, später Bühne – für Kunst, Lesungen und Krimis.
Das ehemalige Künstlerhaus war einst Schule, später Bühne – für Kunst, Lesungen und Krimis.

An der Hausnummer 20 steht ein auffälliger Klinkerbau mit Schulglocke am Dach – früher einmal eine Oberschule, später ein Künstlerhaus. Hier trafen sich nach der Wende Maler, Musiker, Kunsthandwerker. An den Wochenenden wurde gelesen, gelacht, performt. Und gedreht: In den 2000er-Jahren war das Haus eine beliebte Kulisse für Krimis. Mit seinen langen Fluren, knarzenden Dielen und leicht morbidem DDR-Charme war es wie geschaffen für Ermittlungen mit Berlin-Flair. Es heißt, dass dort mindestens eine Folge von SOKO Wismar spielte – allerdings mit Karlshorst als „fiktiver Außenstelle der Bundespolizei“. Auch Berliner Indie-Filmer sollen das Gebäude als Drehort genutzt haben. Ob Tatort, Polizeiruf 110 oder „Berliner Schule“ – die Rheinpfalzallee war manchmal Bühne für jene Geschichten, bei denen die Hauptstadt nicht nur Glanz zeigt, sondern auch Schatten.

Weiter die Straße hinunter, bei Hausnummer 83, wird es ernst: Das Gelände diente einst der Stadtkommandantur der Nationalen Volksarmee, später dem Grenzkommando Mitte der DDR-Grenztruppen. Noch heute weht hier der Hauch vergangener Systeme. Heute sitzt in Nr. 82 das Zollkriminalamt, daneben das „bbw- Bildungszentrum“, das Jugendlichen und Erwachsenen neue Wege in die Zukunft zeigen will.

Still bleibt es auch im Gespräch

Und die Kontraste gehen weiter: Auf einem Gelände an der Rheinpfalzallee entsteht demnächst eine neue 3-zügige Grundschule für 432 Kinder, geplant von der städtischen Baugesellschaft Howoge. Auch eine modulare Flüchtlingsunterkunft wurde in den letzten Jahren gebaut – nicht ganz ohne Diskussionen, aber mit dem Bemühen um gemeinsamen Dialog. Was bleibt, ist eine Allee, die wie ein stilles Archiv funktioniert: Die Geschichte liegt hier nicht in Museen, sondern zwischen Gärten, Laternen, Hausnummern. Und wer von der Pfalz aus hierherkommt – aus echtem oder digitalem Versehen – wird sich wundern, wie sehr dieser Ort an Zuhause erinnert: ruhig, freundlich, grün. Ein grüner Irrtum sozusagen: Keine Zeitung weit und breit – aber dafür jede Menge Geschichten.

Von der sprichwörtlichen pfälzisch/rheinpfälzischen Freundlichkeit ist in der Rheinpfalzallee allerdings wenig zu spüren. Ich habe Passanten angesprochen – junge Leute mit Kopfhörern, Rentner mit Hund, eine Mutter mit Kind. Freundlich gefragt, ob ihnen bewusst sei, dass ihre Straße den Namen einer westdeutschen Region trägt. Ob sie wüssten, dass es dort sogar eine Zeitung gibt, die so heißt. Die Reaktionen? Schulterzucken, Stirnrunzeln, ein knappes „Noch nie gehört“. Gespräche kamen keine zustande.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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