Rheinland-Pfalz
Warum die Rülzheimer Kirche ein elektronisches Geläut erhält
RÜLZHEIM. Es ist ein Pilotvorhaben in der Südpfalz: Aus finanziellen Gründen bekommt die protestantische Kirche in Rülzheim eine elektronische Glockenanlage. Denn für einen Turm mit Glocken fehlt das Geld. Die Idee mit den Lautsprechern auf dem Dach kommt in der Gemeinde gut an. In Rheinland-Pfalz findet man digitale Geläute sonst nur in Friedhofskapellen.
Pfarrer Jan Meckler kann es kaum noch abwarten. Er freut sich so richtig auf das elektronische Glockensystem, das die protestantische Christuskirche in Rülzheim im neuen Jahr bekommen soll. 2020 möchte er nicht nur die Weihnachtszeit, sondern auch den Jahreswechsel mit Glockenklang begrüßen. Die 1968 erbaute Kirche hat keinen Turm, weil damals das Geld dafür nicht reichte. In der Kirchengemeinde wurde zwar immer mal wieder ein Anlauf genommen, um doch noch den geplanten und genehmigten Glockenturm zu verwirklichen. Doch letztlich klappte es einfach nicht mit dem Bauvorhaben. Meckler, der erst seit einem Jahr Pfarrer in Rülzheim ist, findet das nicht schlimm. Die Idee aus dem Presbyterium, ein elektronisches Geläut anzuschaffen, fand schnell Anklang in der Gemeinde. „Zu unserer schlichten und modernen Kirche passt eine elektronische Glockenanlage“, meint Meckler. „Schließlich haben wir auch eine elektrische Orgel.“ Jetzt wird Rülzheim wohl die erste Kirchengemeinde in Rheinland-Pfalz, die statt Glocken im Turm drei Lautsprecher auf dem Dach montieren lässt. Im Januar will sich das Presbyterium zusammensetzen, um einen entsprechenden Beschluss zu fassen.
Keiner beschwert sich wegen Lautstärke
Ein Testlauf ist im Dorf gut angekommen. Den Pfarrer hat es überrascht, wie positiv der Vorschlag von den Bürgern aufgenommen wurde. Auch die direkten Nachbarn seien angetan. „Sie kamen aus dem Haus, als wir das Ganze ausprobiert haben. Da dachte ich schon, oh Gott, jetzt beschweren sie sich vielleicht wegen der Lautstärke.“ Aber genau das sei nicht der Fall gewesen: „Sie haben uns tatsächlich gratuliert. Gesagt, wie schön es sei und wie sehr sie den Glockenklang vermisst hätten.“
Pfarrer Meckler und seine Frau Anke haben in Rülzheim bereits Fuß gefasst. „Wir fühlen uns hier so wohl“, sagt er. „Die Leute sind echt nett.“ Bis zum im Sommer geplanten Heimatfest 4.0 soll das elektronische Geläut auf dem Dach installiert werden. Jan Meckler ist schon jetzt vom Klang seiner imaginären Glocken begeistert. Digital abgespielt werde ein echtes Geläut: „Da hört man definitiv keinen Unterschied. Am Ende klingen die Glocken sogar aus.“
Geheim, welche Glocken tatsächlich läuten
Laut Meckler ist es das Betriebsgeheimnis des Herstellers aus Stuttgart, welches reale Glockengeläut für die Tonaufnahmen verwendet wurde. Die protestantische Kirchengemeinde hat sich eine bescheidenere Variante mit drei Glocken ausgesucht. „Sonst würde es vermutlich bis Landau schallen“, sagt der 37-Jährige und lächelt. Mit Montage soll das Ganze unter 10.000 Euro kosten. Weit weniger, als für einen Turm samt Glocken hätte investiert werden müssen. „Wir sind uns im Presbyterium einig, dass wir unser Geld lieber in die Gemeindearbeit stecken“, so Meckler. „Und zwar in Projekte, die uns wichtiger sind.“ Geläutet werden soll in Rülzheim nur vor den Gottesdiensten. Praktischerweise ist dies mit Hilfe einer Funkfernbedienung möglich. Benutzt werden kann sie vom Pfarrer oder von der Kirchendienerin, die beide noch in Reichweite wohnen.
Elektronik soll Echtes nicht verdrängen
Das moderne Dach der Christuskirche fällt nach innen ab, so dass die Druckkammerlautsprecher von unten überhaupt nicht zu sehen sein werden. Ausgerichtet werden sie in drei verschiedene Richtungen. Den Auftrag soll die 1906 gegründete Stuttgarter Firma Strässer erhalten, die sich auf das Beschallen von Kirchenräumen spezialisiert hat. Wie ihr Projektleiter Thorsten Melchior Böhm auf Anfrage erläutert, arbeitet das Unternehmen mit Verstärkern und verschiedenen Modulen, die sehr einfach eingestellt werden können.
„Unser elektronisches System soll keinesfalls vorhandene Glockenanlagen ersetzen“, betont Böhm. „Schöne alte Kirchturmglocken müssen unbedingt erhalten bleiben.“ In Deutschland werde das elektronische Geläut meist nur übergangsweise eingesetzt, wenn eine Turmsanierung anstehe. „Dann müssen die Gottesdienstbesucher während dieser Zeit nicht auf den gewohnten Glockenklang verzichten“, sagt Böhm.
Kein zehnstimmiges Geläut für kleine Dorfkirche
Seiner Auskunft nach haben viele Friedhofskapellen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg längst elektronische Glockenanlagen. Als Beispiele nennt er Worms und Mannheim. Auf dem Balkan werde bei einsturzgefährdeten Kirchtürmen ebenfalls häufiger zu dieser Lösung gegriffen, da sie billiger als eine Sanierung sei. Beim Klang müsse der Kunde abwägen, was zur Kirche passe. „Für eine kleine Dorfkirche wird man kaum das zehnstimmige Geläut der Kathedrale Notre-Dame auswählen.“ Laut Böhm sind die meisten Auftraggeber mit den fünf aufgenommenen Glocken, die zur Auswahl stehen, zufrieden. Nur ein einziges Mal habe ein Kunde selbst einen Tontechniker beauftragt, um ein anderes Geläut aufzunehmen. „Das ist aber auch sehr gut geworden.“