Kolumne: Ich sag’s mal so
Von Schnee und Hörnchen: Beim Heidi im Dörfli sieht Winter irgendwie besser aus
Ui, was ist denn das? Sieht aus wie Schnee, nur viel feiner und dünner. Mal genauer hingucken. Tatsächlich. Da liegt Schnee auf dem Bürgersteig, so richtig gefrorenes Wasser, zu Kristallen geformt. Viel ist es nicht, aber man soll ja sparen. Spart halt auch der Himmel. Am Schnee. Das ist nur folgerichtig. Aber was machen wir jetzt mit dem bisschen weißen Pulver hier? Reinlegen, Schnee-Engel machen? Wird hart, da liegt man ja direkt auf dem Asphalt. Ich hab’s: Ich forme ein winziges Schneebällchen und schmeiße es auf das Eichhörnchen, das den Vögeln immer die Kerne und Saaten aus dem Vogelhäuschen wegfrisst. Das wird eine rechte Gaudi, ja Herrschaftszeiten!
Das mit dem Schnee hier bei uns, ich weiß ja auch nicht, das passt irgendwie nicht. In Bayern, in den Alpen, überhaupt in den Bergen, ja, da ist das eine ganz andere Sache, da harmonieren Landschaft und Niederschlag aufs Vortrefflichste. Auf der Zugspitze macht sich Schnee sehr gut, wirkt apart und prachtvoll, auch auf Fotos. Auch das Schweizer Heidiland, eine Touristenregion bei Maienfeld, sieht bei Schnee noch zehnmal uriger aus, wenn unten im Dörfli dicke Schneehauben auf den knarzigen Dächern liegen. Von der original Heidi-Hütte oben auf der Alm ganz zu schweigen, die unter der weißen Masse zu versinken droht. Vor seinem geistigen Auge sieht man den Alm-Öhi Pfeife rauchen und das Bärli munter im Schnee umhertoben. Das Schwänli sieht man nicht, diese Geiß ist weiß. Das Heidi sieht man auch nicht, es schmaust drinnen Käsefondue.
Das alles sind wunderbare Szenerien, die sich nicht auf die Westpfalz übertragen lassen. Auch wenn’s hier mal drei Gramm Pulverschnee schneit – ein richtiges Winter-Wonderland wird’s irgendwie nie. Vielleicht mal für ein, zwei Tage. Dann schmilzt alles wieder dahin.
Wobei sie ja in den Alpen auch schon längere Zeit nachhelfen müssen mit Kanonen, die aus Wasser Schnee machen. Genauer gesagt wird das seit Mitte der 70er Jahre so gemacht. „It’s cool, man!“ könnte man kommentieren, wie einst der Schweizer Peter Steiner, der Anfang der 90er als Alm-Öhi für Schokolade warb. Und kühl ist er ja auch, der künstliche Schnee, oder besser künstlich hergestellte Schnee. Denn aus Plastik ist er ja nicht. Aber auch nicht flauschig wie Schneeflocken. Sondern hart und kantig und laut, was man so hört. Leise rieselt der Schnee, aber der Kunstschnee wohl nicht. Genau weiß ich es nicht, ich war noch nie in einem Skigebiet. Nein, nicht aus Umweltschutzgründen, ich kann nicht Ski fahren. Und ich will nicht Ski fahren.
Ich will lieber mit meinem Mini-Schneeball das Eichhörnchen abwerfen. Und dann reicht’s auch schon wieder mit Wintersport. Ich habe da mein eigenes Schneeballsystem. Und zu Schnee irgendwie kein Verhältnis. Wir sehen uns einfach zu selten. Ich bin ja keine Inuit. Die angeblich Dutzende bis Hunderte Wörter für verschiedene Schneearten kennen. Weil sie so viel mit Schnee zu tun haben. Ja, klar, logisch. Leider falsch, sagt Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch. Die Inuit hätten eine vergleichbare Anzahl an Wörtern für Schnee wie Deutsche. Nur dass sie aus Elementen, die bei uns ein ganzer oder zumindest ein halber Satz wären wie „Guck mal, da pappt dreckiger Schnee an der Windschutzscheibe“ ein Wort bilden, aus zwei bis drei Grundwörtern. Och neeee, wieder ein Mythos weniger.
Aber irgendwie hätte man es sich ja denken können, dass das nicht stimmen kann. Sonst hätte man ja auch in der Westpfalz für alles, das einen täglich umgibt, Hunderte von Wörtern. Bei Schimpfwörtern und Beleidigungen mag das auch so sein. Aber sonst? Butter ist Butter und Eichhörnchen sind Eichhörnchen. Und Eichhörnchen, an deren Kopf ein Mini-Schneeball pappt, sind auch Eichhörnchen. So viel ist sicher.