Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Uniklinikum Homburg: Ermittler spricht von Hinweisen auf Missbrauch, nicht Beweisen

Sonderermittler Harald Schnur untersucht im Auftrag der Saar-Staatskanzlei die Vorgänge am Uniklinikum Homburg und den Missbrauc
Sonderermittler Harald Schnur untersucht im Auftrag der Saar-Staatskanzlei die Vorgänge am Uniklinikum Homburg und den Missbrauchsverdachtsfällen. Foto: dts

Für den Sonderermittler der Saar-Landesregierung, Harald Schnur, steht noch nicht fest, dass sich ein früherer Assistenzarzt in der Jugendpsychiatrie am staatlichen Uniklinikum (UKS) in Homburg des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Er sieht jedoch deutliche Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten des Mannes, der im Sommer 2016 tot in seinem Zweibrücker Haus gefunden wurde.

Gutachten des Klinikums keineswegs entlastend

Der frühere Kripo-Chef Schnur, 57, sagte am Dienstag als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss Missbrauchsverdacht aus. Dabei machte er unmissverständlich klar, dass das jüngst durch das Klinikum präsentierte Gutachten über die Arbeitsweise jenes Assistenzarztes nicht der Entlastung dienen kann, wie das UKS das versuchte, darzustellen. Schnur sieht in dem Papier der externen Professorin und Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Renate Schepker, Anhaltspunkte, die „einer weiteren Aufklärung bedürfen“, sagte er.

Die hatte, wie berichtet, nach dem Studium von 34 Patientenakten aus den Jahren 2010 bis 2014 laut Klinikum herausgefunden, dass dreizehn Prozent der von dem Arzt an psychisch kranken Kindern durchgeführten Untersuchungen medizinisch nicht begründet gewesen seien. Bei sechs der Patienten sei es mehrfach zu Untersuchungen der Genitalien gekommen. Der Sonderermittler sprach in diesem Zusammenhang von einem „Muster“.

Gespräche mit engsten Mitarbeitern des Arztes

Schnur ist Mitarbeiter des Innenministeriums des Saarlands. Dort arbeitet er normalerweise im Referat Innere Sicherheit und bei der Korruptionsbekämpfung. Seit Ende Juli dieses Jahres ist er nach Bekanntwerden des Skandals in Homburg freigestellt für die Aufgabe als Sonderermittler am Klinikum, wo er im Auftrag der Staatskanzlei, der Rechtsaufsicht über das staatliche Klinikum, arbeitet. Er unterstrich, nicht die Befugnisse eines Staatsanwalts zu haben. Seine Erkenntnisse und die seiner beiden Mitarbeiter beruhten, wie er ausführte, auf zahlreichen Gesprächen mit den engsten Mitarbeitern des Assistenzarztes Matthias S. sowie mit der Leitung des UKS, aber auch auf Aktendurchsicht und Vor-Ort-Terminen in der Jugendpsychiatrie.

71 Familien gelten jetzt als mutmaßlich Betroffene

Den Klinikchef der Jugendpsychiatrie, der damalige Vorgesetzte des Arztes, der noch angestellt, aber nicht im Dienst ist, hat das Ermittlerteam bislang ebensowenig interviewt wie die Eltern möglicher Betroffener. Schnur sprach davon, dass die Staatskanzlei gemeinsam mit dem Weißen Ring als Opferverein seit diesem Sommer mit 71 Familien in Kontakt sei. Sie gelten als „mutmaßlich Betroffene“.

Daneben war auch die Nicht-Information von Eltern über den Skandal in Homburg Thema. Der Sonderermittler verwies auf eine „Handakte“ der Klinikums-Justitiarin als einer „interessanten Informationsquelle“. Aus der werde klar, dass die Staatsanwaltschaft auf Wunsch des Klinikums die Eltern über den Verdacht nicht informierte – obwohl dies die Behörde zunächst vorhatte.

Druck auf die Staatsanwaltschaft

„Erfreulicherweise darf ich ihnen mitteilen, dass aufgrund unserer Intervention sich die Staatsanwaltschaft entschieden hat, unserer Empfehlung zu folgen...“, beginnt die Notiz der Juristin Schnur zufolge. Klar ist für den früheren Kripo-Chef auch, dass die Staatsanwaltschaft bereits früher, mit der klinikinternen anonymen Anzeige 2011 gegen den Arzt „hätte eingeschaltet werden können“. Dies geschah erst Ende 2014, als dem Mediziner fristlos gekündigt wurde.

Unabhängig von den Vorgängen am Klinikum war jener Arzt bereits 2013 ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Damals hatte das Jugendamt des Regionalverbands Saarbrücken Anzeige gegen den Mediziner erstattet. Vorausgegangen war laut Sonderermittler Schnur der Bericht aus dem Kreis einer Familie über einen Facebook-Chat mit sexuellem Kontext zwischen dem Arzt und einem Jungen.

„Zu intim“ und doch „noch straffrei“

Der Arzt habe unter dem Begriff „Matthias geht niemand was an“ „zu nah und zu intim“ mit dem Jungen kommuniziert. Die Staatsanwaltschaft kam nach mehreren Monaten dann zu dem Ergebnis, das alles sei „noch straffrei“. Eine Beurteilung, die der Kriminalist Schnur heute „sehr kritisch“ sieht. Damals wollte das Jugendamt zunächst den Vorgesetzten des Mediziners am UKS informieren, ein Gutachter habe, so Schnur, dies aus rechtlichen Gründen unterbunden.

Unklar blieb auch nach der Sitzung am Dienstag weiter, wann genau das Gesundheitsministerium über den Missbrauchsverdacht am Uniklinikum erfuhr. Dieser Aspekt müsse noch stärker hinterfragt werden, findet der SPD-Abgeordnete Jürgen Renner. Für ihn hat sich der Vorwurf des Vertuschens in dem Skandal „eher erhärtet“, sagte er später. Für die Linken-Abgeordnete Astrid Schramm war der Bericht des Zeugen Schnur enttäuschend. Sie fordert einen „unabhängigen Ermittler“. Der Mann im Auftrag der Staatskanzlei ist noch lange nicht am Ende seiner Arbeit. Er rechnet damit, dass er noch nicht ins Innenministerium zurückkehrt. Und vielmehr auch ab Januar weiter dem Skandal am UKS auf der Spur ist.

Den Kommentar zum Bericht finden Sie hier.

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