Tour de Pfalz 2020 (5) RHEINPFALZ Plus Artikel Teuflische Ziele im Gersbachtal: Überall sprudelt’s

Hier wohnt er angeblich, der Teufel, im gleichnamigen Felsen.
Hier wohnt er angeblich, der Teufel, im gleichnamigen Felsen.

Der Teufel steckt im Detail und manchmal auch in Flaschen und Felsen. Wer sich aufmacht, das Gersbachtal bei Pirmasens zu durchwandern, wird das merken. Ganz wichtig bei dieser Tour: bloß nicht vom rechten Pfad abkommen!

Ich wandere zum ersten Mal alleine, aber ich wandere nicht zum ersten Mal, also hätte ich wissen müssen, dass der Sprudel in Fontänen heraussprudelt, wenn die im Rucksack durchgeschleuderte Flasche erstmals geöffnet wird. Ich weiß es prinzipiell auch, war aber grad in Gedanken nicht beim Natursprudel, und jetzt sind T-Shirt, Hose und Rucksack nass. Es sieht aus als wäre ich fürchterlich verschwitzt, aber so anstrengend ist die Tour durchs Gersbachtal gar nicht, das scheint auch das ältere Paar zu denken, das mir entgegenkommt. Mund auf, Mund wieder zu, ich widerstehe dem Drang, den beiden „Es ist nur Sprudel!“ zuzurufen, sie kennen mich ja gar nicht, es wird ihnen egal sein, warum hier eine Frau mit Wasserflecken auf der Wanderkleidung durch den Wald läuft.

Alleine wandern erzeugt Erklärungsdrang

Das Verlangen, sich zu erklären, ist groß, wenn man alleine unterwegs ist. Schon als ich kurz hinterm Startpunkt Naturfreundehaus Niedersimten den Einstieg zum Quellenwanderweg nicht finde und eine Gruppe Hundeausführer danach frage, muss ich mich zwingen, ihnen nicht ungefragt zu erklären, dass ich durchaus Freunde habe, heute aber aus freiem Willen ohne Begleitung wandere. Und weil das Kind keine Lust und der Mann keine Zeit hatte. Oder umgekehrt. Spätestens seit Hape Kerkeling dann mal weg war, sollten Einzelwanderer ja auch keine Kuriosität mehr sein. Ein bisschen fühle ich mich aber trotzdem so.

Dass der gesuchte Weg in Wirklichkeit Teufelspfad heißt, erfahre ich von den ortskundigen Gassigehern. In der Landesbroschüre „Gewässerwanderwege in Rheinland-Pfalz“ steht „Quellenwanderweg“, aber von dem weiß hier keiner was, und er steht auch nicht auf der Karte am Naturfreundehaus. Da könnte man jetzt in Mainz anrufen und sich beschweren oder halt einfach den Teufelspfad nehmen, der ist deutlich auf der großen Karte zu sehen, klingt eh besser und man muss nur den weißen Schildern mit den blauen Teufelchen folgen.

Gluckern und Blubbern aus allen Richtungen

Die führen zunächst mal steil in Serpentinen den Berg rauf, 50 Höhenmeter sind es laut Plan, es kommt einem mehr vor, ein bisschen anstrengend ist das schon, aber darüber hinaus wird der Lunge später nicht mehr viel abverlangt. Leicht schnaufend oben angekommen, geht es auf einem schattigen Waldpfad eben weiter, unten im Tal ist der Gersbach zu sehen, man hört ihn sogar gluckern und blubbern, das könnte aber auch der Sprudel im Rucksack sein. Der Pfad ist schmal, steinig und von dicken Wurzeln durchzogen, links geht’s ganz schön runter, also bloß kein Fehltritt, helfen könnte mir hier im Falle eines Falles erst mal keiner, und das ist einer der Nachteile des Wanderns mit sich alleine.

Ein anderer Nachteil wird deutlich am Haspelfelsen, der ersten Attraktion der etwa einen Kilometer langen Felsenkette am Hangrücken. Gewaltige graue, braune und grüne Wände ragen da steil in die Höhe, wie Däumelinchen im Märchenwald fühlt man sich, ein spektakulärer Anblick – und niemand da, dem man „Jetzt guck doch mal!“ und „Ist das nicht gigantisch?!“ zurufen kann. So was muss man in echt teilen, ein Foto per Whatsapp verschicken genügt nicht. Aber ich bin hier nun mal mit mir und meinen Gedanken alleine, und meine innere Stimme spricht auch prompt zu mir: Geh weiter, sonst wird’s dunkel, und du stehst noch im Wald.

Keine Kapazitäten zum Fürchten

Der Haspelfelsen war erst der Auftakt, es folgen weitere riesige, plötzlich sich vor dem Wanderer aufbauende Gesteinsbrocken, der Hühnerfelsen etwa, unter dem eine mysteriöse Grotte kauert. Andere Felswände haben keinen Namen, imposant und „Jetzt guck doch mal!“-würdig sind sie aber alle. Auf diesem Stück Weg begegnet mir absolut niemand, Angst habe ich aber nicht, erstens ist es ja noch nicht dunkel, zweites ist zum Fürchten gar keine Zeit, man muss hier am Hang aufpassen wie ein Luchs wegen des Pfad-Untergrunds, für den zwingend feste Schuhe erforderlich sind. Mit Turnschuhen oder gar Sandalen ist hier kein Blumentopf zu gewinnen, auch von einer Begehung mit Kleinkindern, die, betrunkenen Zwergen gleich, furchtlos mal hierhin, mal dorthin torkeln, ohne zu gucken, ist abzuraten. Schulkinder dürften keine Probleme haben.

Unruhiges Suchen statt kosmisches Begreifen

Abstieg ins Tal, das erste Stück Teufelspfad ist geschafft, unten wird der Gersbach überquert, dahinter geht“s wieder leicht bergan und dann lange Zeit auf einem ausgebauten, fußfreundlichen Waldweg entlang des Hangs auf der anderen Talseite weiter. Es gibt mehrere Abzweigungen, und hier wird der Teufelspfad wirklich teuflisch, denn plötzlich gibt“s keine weißen Schilder mit blauen Teufelchen mehr.

Wohin? Sicherheitshalber wieder zurück? Das wäre mega-peinlich. Zu doof, um alleine zu wandern. Nee, das geht nicht. Auf einen Baum ist ein rot-weißer Balken gemalt, und ich meine mich dunkel zu erinnern, dass dieses Zeichen einen Weg markiert, der in weiten Teilen mit dem Teufelsweg übereinstimmt. Da laufe ich doch mal links und hoffe, dass man nicht in einigen Wochen mein Skelett unter einer Buche mit einem rot-weißen Balken findet.

Wieder kein Nerv für innere Einkehr und kosmisches Begreifen, das sich beim alleine Wandern ja irgendwann einstellen soll, stattdessen unruhiges Ausschau halten nach vertrauten Symbolen. Gottseidank, der Teufel, da ist er ja wieder, rot-weiß war gut, uff, Erleichterung. Jetzt wo die Route wieder sicher ist, kommt mir der breite Waldweg ohne Stolperfallen fast ein wenig fad vor, aber immerhin: An einer Stelle erhebt sich ein riesiges Windrad aus der Monotonie, dessen Flügel man schlagen hört, so nah ist es. Und nach einer Weile erreicht man einen Parkplatz oben an der Straße, die nach Kettrichhof, einem Ortsteil von Lembach, führt. Dort parkt sogar ein Auto, hurra, Zivilisation, und es kommt zum eingangs geschilderten Sprudelflaschen-Unfall, so dass von Langeweile schlagartig keine Rede mehr sein kann.

Vorteil des alleine Wanderns: Man kann laut Schimpfwörter aller Art vom Stapel lassen, es hört sie ja keiner. Außer vielleicht das ebenfalls eingangs erwähnte Paar. Und der Teufel, dessen Wohnstätte laut nun wieder eindeutiger Beschilderung bald erreicht ist. Aber der flucht ja selbst, was man so hört.

Der Freischütz und die endlich freien Gedanken

Ein Stückchen schlängelt sich der Weg zwischen dem Wald links und einem Getreidefeld rechts dahin. An den Feldrändern stehen sage und schreibe drei Jägersitze. Wieder steigt Mitteilungsdrang auf, „ich bin ein Mensch, der hier wandert, bitte nicht schießen“ ist man versucht zu rufen, doch die Ansitze scheinen leer zu sein.

Dennoch: ein Grund mehr, vor Anbruch der Dunkelheit wieder am Naturfreundehaus zu sein, bevor der möglicherweise sehschwache Freischütz in der Dämmerung aus dem Dickicht kriecht und am Ende meine Erscheinung missinterpretiert. Hey, hallo, da sind sie ja endlich, die frei fließenden Gedanken der alleine Wandernden! Hätten ein bisschen schärfer und beeindruckender sein können, aber was soll’s, besser als gar keine innere Zwiesprache. Vielleicht reichen acht Kilometer nicht, und man muss länger alleine laufen.

Für mich ist die Wanderung heute schon bald zu Ende. Vorher noch der Höhepunkt: der dem Pfad seinen Namen gebende Teufelsfelsen. Zurück im Wald, taucht er plötzlich vor einem auf, ein echter Kaventsmann, drei Stockwerke hoch sozusagen, von dem man zunächst die Sandsteinspitze erkennt, riesige Brocken, die sich am Hang auftürmen. Das Pfädchen wird wieder schmal und holprig, trotzdem, das Handy muss raus, um Fotos zu machen.

Nach jeder Biegung wird der „Boar“-Effekt noch größer, schließlich steht man vor einer Höhle, in der eine Quelle entspringt. Deren Nass stürzt als Wasserfall ins Tal, vorbei an fast 30 Meter hohen Felswänden, dem zweiten Stockwerk. Ganz unten am Fuß ist das dritte, und hier starrt einen dann zu guter Letzt noch eine Höhle an, schwarz wie die Nacht, und wieder wäre es ganz gut, jemanden dabei zu haben, denn alleine traue ich mich da nicht rein.

Des Teufels Felsen und des Dichters Hütte

Doch Uhrzeit hin oder her, am Teufelsfelsen muss man eine Weile bleiben, denn das Faszinierende an diesem von der Natur geschaffenen Ensemble ist neben der schieren Größe, dass es von jedem Blickwinkel aus anders aussieht. Und weil es hier wegen des Wassers fortwährend rauscht und raunt und gurgelt, kann man sich leicht erklären, warum die Menschen früher dachten, dass hier der Teufel wohnt. Natursprudel in Flaschen kannten sie ja noch nicht.

Über ausgetretene Stufen geht’s nach dem Teufelsbrunnen unterhalb des Teufelsfelsens hinunter ins Gersbachtal, und kurz bevor die Tour zu Ende ist, kann linker Hand noch der mittlere der drei Gersbachweiher bestaunt werden, ein Angelweiher, an dessen Ufer eine Blockhütte steht. Sieht aus wie die Hütte des US-Schriftstellers und Naturphilosophen Henry David Thoreau am Walden Pond in Massachusetts. Von Thoreau stammt der Satz: „Gott ist allein – aber der Teufel, der ist fern vom Alleinsein, er sieht Gesellschaft in Menge, er ist Legion“.

Was das mit dem Teufelspfad im Gersbachtal bei Pirmasens zu tun hat? Weiß ich jetzt auch nicht so genau. Aber es ist ein gutes Schlusszitat von einem Mann, der viel mit sich und seinen Gedanken alleine war, nicht nur beim Wandern.

Etappenziel Hühnerfelsen mit Sitzgruppe.
Etappenziel Hühnerfelsen mit Sitzgruppe.
Schlafender Drache mitten im Wald.
Schlafender Drache mitten im Wald.
Vor dieser Kreatur sollte man wohl auf der Hut sein.
Vor dieser Kreatur sollte man wohl auf der Hut sein.
Autorin Sigrid Sebald fühlt sich vor den mächtigen Felsen wie Däumelinchen im Märchenwald.
Autorin Sigrid Sebald fühlt sich vor den mächtigen Felsen wie Däumelinchen im Märchenwald.
Walden Pond in Massachusetts? Nein, die Anglerhütte am Gersbachweiher.
Walden Pond in Massachusetts? Nein, die Anglerhütte am Gersbachweiher.
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