Ludwigshafen / Kaiserslautern / Landau
Tödliche Vergiftungen: Pilz-Gefahr in Pfälzer Wäldern
Wer zurzeit zum Beispiel im Pfälzerwald unterwegs ist und seinen Blick hier und da vom Weg abschweifen lässt, entdeckt die verschiedensten Pilze. Große, kleine, mit rundem oder tellerförmigem Hut, dazu in verschiedenen Farben. Es ist Pilzsaison in der Pfalz, das lockt zahlreiche Sammler an. Das Problem: Wer sich nicht wirklich gut auskennt und auf gut Glück Pilze isst, die er im Wald gesammelt hat, kann im schlechtesten Fall sogar mit dem Leben bezahlen.
Erst kürzlich waren vier Patienten, darunter drei Kinder, nach dem Verzehr von giftigen Knollenblätterpilzen mit Leberversagen in das Uniklinikum Essen eingeliefert worden. In drei Fällen wurden inzwischen Spenderlebern transplantiert. Zwei der fünf bis 15 Jahre alten Kinder stammen aus dem Saarland. Auch in Münster erhielt eine wegen schwerer Pilzvergiftung behandelte Patientin vor wenigen Tagen eine Spenderleber.
Viele Sorgen-Anrufe in Mainz
Rund 300 Anfragen wegen möglicher Pilzvergiftungen hat es dieses Jahr bereits beim Giftinformationszentrum der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen sowie für das Saarland gegeben. „Im Moment geht es steil nach oben“, sagt der Leiter des Zentrums an der Universitätsmedizin in Mainz, Andreas Stürer. Das liege vor allem daran, dass witterungsbedingt die Pilzsaison noch voll im Gange sei.
Rund 70 Prozent der Anrufer seien „medizinische Laien“, der andere Teil Ärzte und medizinisches Personal. Die Bandbreite der Fälle reiche vom akuten Leberversagen bis zu Personen, die noch gar nichts spürten. Bei einem Drittel der Anrufer sei der Pilz, um den es gehe, unbekannt. „Wir machen praktisch eine Ersteinschätzung der Situation“, so Stürer. Teils müsse schnell gehandelt werden. Bei der Bestimmung von unbekannten Pilzen würden Pilzsachverständige hinzugeholt. Die Anzahl der Anfragen beim Giftinformationszentrum zu Pilzen schwanke jährlich zwischen 400 bis 500. Der Toxikologe rechnet auch für dieses Jahr mit einer solchen Zahl bis Jahresende. Noch ein paar Zahlen: Jedes Jahr gibt es bundesweit zwischen 200 und 300 gemeldete stationäre Behandlungen wegen Pilzvergiftungen.
Was raten Pfälzer Kliniken?
Wie gehen große Kliniken in der Pfalz mit Pilzvergiftungen um? Derzeit gebe es keine Behandlungen wegen solcher Vergiftungen in ihren Häusern, teilen das Klinikum in Ludwigshafen und das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern auf Anfrage der RHEINPFALZ mit. Sollten Menschen nach dem Verzehr von Pilzen Symptome wie Übelkeit und/oder Herz-Kreislauf-Beschwerden zeigen, könne das zum Beispiel auf eine Vergiftung hindeuten. Im Optimalfall werde dann der Pilz identifiziert, der verzehrt wurde. Deshalb sei es immer nützlich, wenn Patienten– sofern möglich – Reste der Pilze oder des Pilzgerichts mitbringen. So lasse sich eine passgenaue Therapie besser einleiten, heißt es vom Klinikum in Ludwigshafen.
Im Westpfalzklinikum seien in diesem Jahr auch noch keine Fälle von Pilzvergiftungen registriert worden. In den vergangenen Jahren handelte es sich demzufolge – wenn überhaupt – lediglich um Einzelfälle. Trotzdem rät das Krankenhaus beim Sammeln von Pilzen, besondere Vorsicht walten zu lassen und im Zweifel ausschließlich Pilze zu verzehren, die von einem Experten als essbar eingestuft wurden. „Viele giftige Pilze sehen essbaren Sorten täuschend ähnlich, weshalb im Zweifelsfall Vorsicht besser als Nachsicht ist“, heißt es.
Pilzexpertin: Bitte keine Apps und Ratgeber
Das betont auch Regina Hübers. Sie ist Pilzsachverständige und lebt in Landau. Viele Sammler verließen sich bei ihren Touren im Wald auf Pilze-Apps oder auf Ratgeber, nur seien diese nicht immer hilfreich. Das werde besonders gefährlich, wenn es zu Verwechslungen mit Giftpilzen komme. So werde der giftige Grüne Knollenblätterpilz, der für über 90 Prozent aller Todesfälle durch Giftpilze verantwortlich sei, immer wieder mit Speisepilzen wie etwa Champignons oder Täublingen verwechselt, so Hübers. Bereits der Verzehr von 50 Gramm eines frischen Knollenblätterpilzes könne tödlich sein, da der Pilz hitzestabile, für die Leber giftige Substanzen enthalte. Daher sei es wichtig, sich die Merkmale des Grünen Knollenblätterpilzes – weiße Lamellen unter dem Hut und ein sackartig umhüllter Stiel – gut einzuprägen. Ähnliche Gifte wie der Grüne Knollenblätterpilz enthalten auch der Weiße und der Kegelhütige Knollenblätterpilz sowie kleinere Schirmlinge und der Gifthäubling. Daneben gebe es auch noch andere tödlich giftige Pilze wie zum Beispiel Schleierlinge, die nierenschädigende Wirkstoffe enthalten.
Die Expertin empfiehlt daher unerfahrenen Sammlern, nur Röhrlinge mit braunen Hüten und gelben Röhren wie etwa den Steinpilz oder den Maronenröhrling zu sammeln oder Arten, die unverwechselbar sind wie die Krause Glucke oder den Schopftintling. Hübers hat noch einen Ratschlag: Wer unsicher ist, kann sich gerne zu seinen Funden unentgeltlich nach vorheriger telefonischer Anmeldung bei einem Pilzsachverständigen in der Region beraten lassen. Die Experten aus der Pfalz seien auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Mykologie unter www.dgfm-ev.de zu finden.
