Rheinland-Pfalz Schauen, staunen, spielen
«Erbeskopf.»Der Hunsrück zwischen den Gemeinden Abentheuer und Langweiler hat seit gestern eine neue Attraktion: Dreieinhalb Jahre nach der Eröffnung des rheinland-pfälzischen Nationalparks können Besucher sich endlich in einer Dauerausstellung über dessen Besonderheiten informieren. Auf 300 Quadratmetern gibt es im Hunsrückhaus am Erbeskopf viel zu schauen, zu staunen und zu spielen.
Die Oma zeigt auf die Tiere hinter der Glasscheibe: „Was ist das?“ Linus erkennt sofort Wildschwein, Eule, Eichhörnchen und Maus. Nur beim Eichelhäher muss die Oma helfen. Woher er all das weiß, frage ich den Sechsjährigen aus Trier. „Ich gehe in den Waldkindergarten“, antwortet er selbstbewusst. Dann erkundet Linus wieder ausgiebig den Bildschirm vor ihm, dem sich durch Antippen immer neue Informationen über den Wald und seine Bewohner entlocken lassen. Kinder sind bekanntlich die strengsten Kritiker. Doch das Urteil des jungen Naturkenners über die Schau im Obergeschoss des Hunsrückhauses fällt gnädig aus: „Gut“ gefällt sie ihm, sagt Linus etwas wortkarg. Und was mag er besonders? – „Da sind so viele elektrische Sachen“, strahlt der Sechsjährige und wendet sich sofort wieder dem Bildschirm zu. Wenig Beachtung schenkt der Bub dagegen den mit Zahlen beschrifteten Scheiben an der Wand, an denen sich ganz analog und ohne elektrische Unterstützung herumkurbeln lässt. Unter dem Stichwort „Milliarde“ erfährt der neugierige Besucher: „Ein Teelöffel Walderde kann bis zu eine Milliarde Lebewesen enthalten.“ Eine Station weiter beschäftigen sich Johanna und ihre Mutter mit einer Art Taschenlampe. Mit der lassen sich Fotos anstrahlen, auf denen typische Landschaften des Nationalparks zu erkennen sind. „Spot an“, lacht die Mama und die Siebenjährige fixiert mit dem Licht ein Bild. Daraufhin wird ein prächtiger Schmetterling sichtbar. Und nach einem Tastendruck auf das entsprechende Bildschirmsymbol wird sein Name angezeigt: Sumpfwiesen-Perlmuttfalter. Tochter und Mutter, die aus dem nahen Morbach hergefahren sind, freuen sich: „Dass die über jedes Tier was zeigen“, findet Johanna toll. Und ihre Mutter meint: „Gut, dass man nicht erst stundenlang was lesen muss.“ Keine Station ist wie die andere. An einer, die dem „geheimen Leben der Bäume“ gewidmet ist, lassen sich selbst Erwachsene beim Klötzchen-Spielen beobachten. Jedes Klötzchen im Regal trägt ein Symbol. So zeigt eines ein Ohr, ein anderes eine Babyflasche. Wer das Ohr-Klötzchen auf den Scanner stellt, erfährt etwas über Schallwellen, die von Bäumen ausgehen. Das Flaschen-Klötzchen klärt darüber auf, wie sich verwandte Gewächse zueinander verhalten. Die nächste Station verblüfft selbst Erwachsene: Auf einem Tisch liegt ein offenes Buch. Zu lesen gibt es darin allerdings nicht viel. Nur Stichworte wie „Bäche“, „Arnikawiesen“ oder „Buchenwälder“ – all das ist im Nationalpark anzutreffen. Ein Sensor registriert die neu aufgeschlagene Seite und gibt dann das Kommando an den unter der Decke hängenden Beamer. Prompt wechselt das Panoramabild, das hinter dem Buch an die umgebenden Wände projiziert wird. Nun lässt sich die zum aufgeschlagenen Thema passende Landschaft studieren. Bei der Eröffnung spricht die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken denn auch von einem „interaktiven Schaufenster“, das nun in der Ausstellung im Hunsrückhaus „die besondere Flora und Fauna sowie die faszinierende Wildnis des Nationalparks kostenfrei zugänglich und erlebbar macht“. Und zwar täglich außer montags von 9 bis 17 Uhr. Zum ersten Mal, seit der Mensch vor etwa 6000 Jahren in die Gegend gekommen sei, verzichte er darauf, die Natur zu nutzen, fügt einer der Ausstellungsmacher hinzu. Durch diesen Verzicht solle mit der Zeit wieder Wildnis entstehen. Ziel der Schau sei es, den Besuchern „die Angst vor der Wildnis zu nehmen“. Kosten der von der Hamburger Agentur Kunstraum gestalteten Ausstellung: 500.000 Euro. Für die im nächsten Jahr geplante Außenpräsentation werden weitere 200.000 Euro fällig. Abzuwarten bleibt, wie robust sich das „interaktive Schaufenster“ im Alltag erweisen wird. Am Eröffnungstag wird die eine oder andere Kinderkrankheit erkennbar: Traurig beugt sich Johanna über einen Bildschirm, der wahlweise einen Blick auf, in und unter einen abgestorbenen Baumstamm ermöglicht. Eben war dort noch ein Lupen-Symbol zu erkennen, mit dessen Hilfe sich die Bewohner dieses „Totholzes“ aufspüren ließen. Jetzt ist das Ding weg. Eine Ausstellungsbetreuerin weiß sofort Bescheid: „Da hat wohl jemand wieder die Lupe zu heftig an den Rand geworfen. Dann kann sie schon mal unsichtbar werden.“ Ein Druck auf die Reset-Taste – und schon ist das virtuelle Vergrößerungsglas wieder einsatzbereit. Woraufhin Johanna endlich der Larve des Scharlachroten Feuerkäfers auf die Schliche kommt.