Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Reportage: Hinter den Kulissen der Fasnacht

Gehört auch zum Job: Fototermin vor der Prunksitzung, zweite von links Julia I., zweiter von rechts André I.
Gehört auch zum Job: Fototermin vor der Prunksitzung, zweite von links Julia I., zweiter von rechts André I.

Für die Fasnachter erreicht die Kampagne ihren Höhepunkt. Die Prinzenpaare sind schon seit Wochen auf Achse – und eilen von Termin zu Termin. Unser Autor ist kein Karnevalist – und hat das Prinzenpaar aus dem südpfälzischen Berg über einige Stationen begleitet. Seitdem hat er höchsten Respekt vor der Arbeit der Ehrenamtlichen in den Karnevalsvereinen. Fasnachter ist er immer noch nicht.

Den ersten Fauxpas baut man schon bei der Ordensverleihung, die Prunksitzung hat noch nicht mal angefangen. Das korrekte Verfahren ginge so: Kappe ab, Orden um den Hals, Kappe wieder auf und dann wird die Prinzessin gebusselt, zwei eingestreckte Schmatzer links und rechts auf die Wange von Julia I. Heck, dabei höflicherweise nicht zu viel sabbern.

Fasnacht ist eben auch ritualisierte Kommunikation, und die hat ihre Regeln, die mit der korrekten Kappen-abnahme hat man allerdings gerade gründlich versemmelt. Normalerweise wären jetzt 11,11 Euro in die Kasse fällig, aber man ist ja nicht so in Berg, ganz im Süden der Pfalz: „Ist jetzt nicht so schlimm...“, wird Julia I. fast tröstend sagen. Und dabei lautet das gängige Vorurteil: Fasnachter sind die, die überhaupt keinen Spaß verstehen, vor allem beim Spaß nicht.

Rettung per Aspirin Komplex

Es herrscht ein wenig die Ruhe vor der großen Kraftanstrengung für Julia I. und ihren Prinzen und Partner André I. Haas am frühen Freitagabend: Die Gemeinschaftshalle in Berg füllt sich langsam, 19.31 Uhr geht’s los mit der zweiten Prunksitzung des Carneval-Vereins Rot-Weiß Berg („Die Gäßeknie“) – und ab dann werden Julia I. und André I. sechs Stunden lang auf der Bühne sitzen, unter permanenter Beobachtung von einigen Hundert Augenpaaren. Sie werden dies zu 50 Prozent angeschlagen tun: Abklingende Bronchitis bei Julia Eins, die erste Prunksitzung in Berg vor einer Woche hat sie mithilfe der pharmazeutischen Industrie durchgestanden: „Ich war mit Aspirin Komplex da oben gesessen – und hinterher war ich fertig“, sagt Ihre Hoheit und grinst ein bisschen.

Muss man wollen und wird das Berger Prinzenpaar auch packen, auch privat ein Paar, die beiden haben sich während der Fastnacht kennengelernt. Die scheint sowieso eine ziemlich familiäre Angelegenheit in Berg und beim Carneval-Verein, in dem gefühlt der halbe Ort und faktisch 150 Mitglieder aktiv sind, ehrenamtlich natürlich: Hecks Tante Bianka, heute Abend Generalorganisatorin im Hintergrund, war schon Prinzessin, so wie Alexandra Latt, die später in die Bütt steigen wird, so wie Sina Boudgoust, die sich gerade in der Umkleide aus dem Gardekostüm schält.

Voll und ganz gefordert

„Alles vereinseigene Leute“, die in Berg das Programm bestreiten, meint Latt, „wird nichts eingekauft“. Heißt in der Konsequenz für die Aktiven vor und hinter den Kulissen: „Die Karnevalszeit ist eine Zeit, die einen voll und ganz fordert“, so Coni Worst, gebürtige Dresdnerin, die heute Abend als Kellnerin durch den Saal hasten wird. Müsste man sich ja eigentlich nicht antun, warum tut man sich’s an? „Wenn’s den Leuten gefällt, dann weißt du, warum du’s machst...“, sagt Bianka Heck, seit 28 Jahren im Verein aktiv.

Jetzt könnte man angesichts des Engagements von Menschen wie Heck, Latt, Worst und Boudgoust natürlich auf den Gedanken kommen, Prinzessin und Prinz hätten den leichtesten Job der Fassenacht. So was denken freilich nur Leute, die nicht wissen, wann sie die Kappe abziehen müssen, kaum zu glauben, aber so was soll’s ja geben.

Immer fokussiert bleiben

„Zwischen November und März braucht ihr euch nichts vorzunehmen“, hat der Vereinsvorsitzende Sebastian Hauser dem frisch gebackenen Prinzenpaar ironisch mit auf den Weg gegeben, „die Termine mache ich.“ Und jene Termine, der Job auf der Bühne beispielsweise, sind fordernder, als sie für Außenstehende aussehen: „Sie müssen schon sechs Stunden voll dabei sein...“, meint André I.

Wer aus dem Zuschauerraum das Prinzenpaar während der Prunksitzung beobachtet, ahnt, wie anstrengend das ist: Die beiden müssen permanent auf den Sitzungsablauf und die jeweiligen Vortragenden fokussiert bleiben, an den passenden Stellen lachen und klatschen. Schon ein einfaches Gähnen, nach Stunden auf der Bühne sicher entschuldbar, wäre ein Fauxpas gegenüber den Aktiven, viel schlimmer noch als das fehlerhafte Abziehen der Kappe. Und all jenes, das Einhalten von Regeln unter Beobachtung, findet eben unter den Bedingungen einer stark ritualisierten Kommunikation statt.

Gerüst aus Ritualen

Über die Außenstehende natürlich gerne spotten, über den Tusch, die Gardetänze, die organisierten Gesänge und Beifallsbekundungen, die Akklamationen, die sich von Verein zu Verein unterscheiden. Lässt sich natürlich auch leicht frotzeln, über jenen Funktionär aus einem rechtsrheinischen Verein beispielsweise, der mit Aktentasche und Narrenkappe aufläuft, und bei dem man erst mal auf mittleren Verwaltungsbeamten tippt. Womit man freilich danebenliegt. Der Mann ist höherer Verwaltungsbeamter.

Aus der Innenansicht der Fasnacht wirkt jenes Gerüst aus Ritualen allerdings wohl gleichermaßen strukturierend wie nivellierend: Sie geben den Vortragenden auf der Bühne, oft ja keine Profis, ein Handlungsgerüst. Und sie schaffen eine gemeinsame Kommunikationsbasis für die Menschen im Zuschauerraum, die oft aus ganz verschiedenen Schichten und Milieus stammen – und im richtigen Leben manchmal wenig gemeinsame Kommunikationsgrundlage haben. Fastnachter duzen sich grundsätzlich, das schafft soziale Barrieren wenigstens zeitweise ab. Das Ausgleichende des Rituals ist in Berg noch an Kleinigkeiten ablesbar: Werden die Akteure von Gruppen, Garden beispielsweise, einzeln namentlich vorgestellt, dann bekommt jeder ein rhythmisiertes Doppelklatschen als Dank. Ist eigentlich zur Disziplinierung des Klatschens gedacht, hat allerdings den Effekt, dass jeder den gleichen Anteil Applaus bekommt. Womit niemand vor Zuschauern bloßgestellt wird, die letztlich ja die Ortsgemeinschaft darstellen.

„Ich wollt’s ja schon immer machen“

Applaus gibt’s zur Genüge und im Takt – an was es in Berg an diesem Freitagabend freilich mangelt ist Johannisbeersaft. Organisationschefin Bianka Heck wird sich also gleich in ihren Wagen stürzen und welchen holen. Heute Nacht – am frühen Morgen vielmehr – hat sie Schließdienst in der Halle. „Ich bin die letzte, die heute rausgeht“, sagt sie. Respekt. Muss man wollen.

Eigentlich gehört Ihre Hoheit an diesem Sonntagnachmittag ins Bett und mit Bronchialtee abgefüllt: Familiensitzung beim BICC in Billigheim, und Julia I. hustet. Gestern Abend, bei der dritten Prunksitzung in Berg, ist das Prinzenpaar gegen 5.30 Uhr aus der Halle gekommen, nach der Sitzung werden erst mal die Gäste im Parkett begrüßt, dauert vorneweg bis 3 Uhr. „Man weiß, was auf einen zukommt“, sagt Prinz André I., 42 Jahre alt und im Hauptberuf Banker aus dem badischen Dettenheim. „Ich wollt’s ja schon immer machen...“, sagt Prinzessin Julia I., 31 und Erzieherin. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Kampagne ausgeknockt zu werden, wäre da natürlich ein Schlag ins Kontor, man ist ja nur einmal Prinzessin.

„Die Orden kosten ein Schweinegeld“

Und natürlich mit einigem in Vorleistung getreten: Die Kleider für die Kampagne – Julia, die erste ihres Namens, trägt heuer blau – müssen sich die Paare selbst anschaffen, dazu kommen noch freiwillige Erinnerungsgeschenke, das Paar aus Berg verteilt beispielsweise Schoppengläser mit Gummibärchen. Die Jahresorden schafft in Berg der Verein an, das ist nicht bei allen Vereinen so, und wenn die Prinzenpaare das übernehmen müssen, schlägt’s ins Kontor: „Die Orden kosten ein Schweinegeld“, sagt Julia I., und sie gehen in der Kampagne weg wie geschnitten Brot. Klar, wenn jeder hergelaufene Schreiberling einen übergestreift bekommt und dabei noch nicht mal die Kappe richtig abnimmt.

Ähnlich familiäre Atmosphäre wie in Berg übrigens in Billigheim, volles Gemeinschaftshaus bei der Nachmittagssitzung, ausschließlich Eigengewächse auf der Bühne. Rätsel gibt allerdings der kleine Junge auf, der das Konfetti wieder einsammelt. Vielleicht ist Nachhaltigkeit und klimaneutrales Handeln ja Trumpf in Billigheim, und Greta Thunberg die Jugend versaut zu haben will sich natürlich auch keiner vorwerfen lassen.

Mädchentraum Prinzessin

Auch in Billigheim gibt’s ein Prinzenpaar, Alessa I. und Jens I. „Eine Prinzessin zu finden, ist ganz einfach...“, sagt der Vereinsvorsitzende Stefan Werle, klar, die meisten Mädchen träumen davon, Prinzessin zu sein, Buben wollen dagegen immer nur das eine: Altpapier.

Ansonsten auch in Billigheim viel Ehrenamt aus dem Ort in der Fastnacht: Letzte Saison sind Werle krankheitsbedingt und kurzfristig drei Büttenredner ausgefallen. Binnen Tagen hatte er drei neue. Den Eindruck hatte man schon in Berg: Täuscht es, oder funktioniert die Fastnacht dort gut, wo auch die Ortsgemeinschaft funktioniert? „Ist ganz wichtig“, sagt Werle.

Die gute Nachricht: Julia I. ist wieder auf dem Damm, der Husten jedenfalls ist deutlich besser geworden. Prunksitzung des Mannheimer Karnevalsvereins „Fröhlich Pfalz“ im Rosengarten, eine Woche nach dem Termin in Billigheim. In der abgelaufenen Woche war das Paar aus Berg unter anderem in Mainz, Philippsburg, Blankenloch und Otterstadt zu Gast, wie sie sich dabei auskuriert hat, bleibt das Geheimnis von Julia I.

Zugebuchte Künstler

Einiges wiederholt sich natürlich auf so einer Tour: Die größeren Vereine buchen Künstler für ihre Prunksitzungen zu, den „Musikprofessor“ von heute Abend wird er bis zum Ende der Kampagne wahrscheinlich sechs Mal gesehen haben, vermutet André I, lustig isser trotzdem, meint er. Kann man in dem Stadium und mit dem Pensum überhaupt noch, also Fasnacht? „Wenn ich’s mir raussuchen könnte, würde ich noch zwei, drei Sitzungen machen – aber eher in Berg“, sagt Julia I. – da, wo man selber auf der Bühne stehen kann und nicht nur dekorativ im Zuschauerraum sitzt.

Wenn dieser Artikel erscheint, wird’s für die beiden allerdings noch mal hektisch: An diesem Sonntag ist Umzug in Berg, Beginn 13.31 Uhr, danach heißt es schnell Klamotten wechseln und ab zur Fernsehfasnacht nach Frankenthal. Montag und Dienstag folgen Umzüge in Neuburg und Hagenbach und am Aschermittwoch ist mit dem Heringsessen in Berg dann alles vorbei.

„Alle freuen sich, wenn wir da sind“

Wird man dann, plötzlich fastnachtslos und der Krone beraubt, in ein Loch fallen? „Glaub’ schon“, sagt Julia I. Sieht André I. ähnlich, allerdings wird man sich weiter im Ehrenamt und im Verein engagieren: „Man kriegt in der Kampagne so viel – da möchte man auch etwas zurückgeben“, sagt er. Und was hat man nun vor allem gekriegt, als Prinzenpaar, mit 50 Terminen und Tausenden gefahrenen Kilometern? Spaß, meint das Paar: „Man ist willkommen – und alle freuen sich, wenn wir da sind“, sagt Julia I. Mal ehrlich: In welchem Job hat man das schon.

So klappts auch mit der Ordensverleihung: Kappe ab, Orden um, Kappe auf, busseln (rechts oben).
So klappts auch mit der Ordensverleihung: Kappe ab, Orden um, Kappe auf, busseln (rechts oben).
Beim Umziehen: Gardemädchen (Bild rechts Mitte).
Beim Umziehen: Gardemädchen (Bild rechts Mitte).
Einer von 50 Terminen: Julia I. und André I. im Mannheimer Rosengarten.
Einer von 50 Terminen: Julia I. und André I. im Mannheimer Rosengarten.
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