Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Winzer experimentieren mit italienischer Kult-Rebe „Nebbiolo“

Der Nebbiolo ist vorwiegend im norditalienischen Piemont beheimatet.
Der Nebbiolo ist vorwiegend im norditalienischen Piemont beheimatet. Foto: Picture Alliance

Der Nebbiolo gehört zu den edelsten roten Rebsorten Italiens, berühmte Weine sind der Barolo und der Barbaresco. Diese Rebsorte gilt als äußerst anspruchsvoll. Eröffnet der Klimawandel die Chance, Nebbiolo auch in der Pfalz anzubauen?

Immer mehr Pfälzer Weingüter haben inzwischen einen Chardonnay oder einen Merlot im Angebot. Dieser Trend ist das Ergebnis eines Umdenkens. „Früher standen dem Anbau ausländischer Sorten in Deutschland erhebliche Restriktionen im Wege“, sagt Weinberater Gerd Götz vom Institut für Weinbau und Oenologie am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Neustadt. International etablierte Sorten hätten so noch in den 1980er-Jahren gar nicht oder nur mit Einschränkungen angebaut werden dürfen. Begründet worden sei dies mit einer nicht ausreichenden Traubenreife und einer nicht vorhandenen Gebietstypizität, sagt Götz.

Chardonnay als erste Sorte zugelassen

Chardonnay war dann die erste internationale Sorte, die 1991 hierzulande für den generellen Anbau freigegeben wurde. Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Sauvignon blanc und Syrah folgten. Der Klimawandel begünstigt diese Entwicklung. Die sich abzeichnenden wärmeren Temperaturen kämen vor allem den spätreifenden, roten Sorten zugute, sagt der Weinberater.

Welche Vermarktungschancen Pfälzer Winzer mit dem Anbau solcher internationaler Rebsorten haben, machte Götz am Mittwoch am zweiten Tag der Pfälzer Weinbautage in Neustadt deutlich: „Die Märkte sind vor Ort, nicht in Bremen, Hamburg oder München; die Leute aus den Neubaugebieten hier kaufen solche Weine“, glaubt der Experte vom DLR. Zielpublikum sind Weinkenner, denen die internationalen Sorten vertraut sind, die aber in der Vergangenheit meist zu teuren und namhaften Importweinen griffen. Das ist der Kundenkreis, den Pfälzer Winzer mit internationalen Rebsorten wie Chardonnay oder Merlot gewinnen können.

Nebbiolo ein purer Italiener?

Aber gilt das auch für den Nebbiolo, aus dem in Italien bedeutende und ausdrucksstarke Rotweine wie der berühmte Barolo gemacht werden? Für das Bremer Unternehmen Lobenberg, mit 15 Millionen Euro Umsatz einer der größten deutschen Weinhändler, gilt die Nebbiolo-Traube als schwer zu kultivierende Rebsorte, die deshalb auch nie so recht in Übersee habe Fuß fassen können. Sie gedeiht fast ausschließlich auf kalkhaltigen Mergelböden und benötigt steile Hanglagen mit Süd- oder Südwestausrichtung. Lobenberg: „Außerhalb Italiens hat der Anbau der Rebe eher experimentellen Charakter.“

„Kein verschmuster Wein“

Doch das Wagnis kann gelingen, wie Beispiele aus der Pfalz zeigen. Einer der Pioniere ist das Weingut Brenneis-Koch (Bad-Dürkheim-Leistadt), das Matthias Koch und Verena Suratny seit 1993 führen. In den steilen Kalkhängen über Kallstadt habe man die erste deutsche Versuchsanlage mit Nebbiolo angelegt, sagt Koch. Erste kleine Erträge wurden 2000 erzielt. Damals habe der Gedanke an den Klimawandel noch keine Rolle gespielt. Den Anstoß zum Anbau habe vielmehr das Interesse an dieser aufregenden Rebsorte gegeben, sagt Koch: „Ich hatte nie Zweifel, dass es mit dem Nebbiolo hier in Toplagen klappt.“

Die 1000 Rebstöcke stehen ideal – auf purem Kalkfels mit gerade 20 Zentimeter Erdauflage in steiler Südausrichtung. Und das Ergebnis? Es sei nicht der plakative, verschmuste Wein, sondern eher ein Hartriggel und untypisch für die Pfalz, sagt Koch. In der aktuellen Weinliste heißt es denn auch über den 2016er Nebbiolo: „Die Quintessenz, aus einer anderen Welt.“ 24,80 Euro kostet die Flasche.

Das ist noch unterhalb des Niveaus, das Weinberater Gerd Götz bei qualitativen Pfälzer Weinen aus internationalen Rebsorten für angemessen hält: Das derzeit bei etlichen Betrieben erzielte Preisniveau um 30 Euro die Flasche sei schon auskömmlich, es bestehe aber noch Luft nach oben.

Bisher nur Anbauversuche

Brenneis-Koch sind indes nicht die einzigen Pfälzer Betriebe, die sich am Nebbiolo versuchen. Auch das Staatsweingut mit Johannitergut in Neustadt-Mußbach hatte beispielsweise aus Versuchsanbau einen 2015er Nebbiolo in einer limitierten Auflage von 130 Flaschen für 28 Euro auf den Markt gebracht. Beim Internationalen Weinwettbewerb „Mundus Vini“ des Meininger-Verlags (Neustadt) wurde dieser Wein im Frühjahr 2019 mit einer Goldmedaille prämiert.

Auszeichnungen gab es in den vergangenen Jahren auch für andere Nebbiolo-Weine aus der Pfalz, so beim Meininger-Rotweinpreis unter anderem für die Weingüter Emil Bauer & Söhne (Landau-Nußdorf) und Langwalter Gaugllitz (Freinsheim).

Vielschichtige Weine in guten Jahren

Weinbauberater Gerd Götz sieht unterschiedliche Perspektiven für den Nebbiolo: In guten Jahren könne er bei den hiesigen Verhältnissen ausreifen und liefere vielschichtige und tanninkräftige Weine. In schwachen Jahren sei er als Verschnittpartner sicher besser geeignet. 2019 war solch ein gutes Jahr. Da lag die Durchschnittstemperatur zwischen April und Oktober in den Pfälzer Weinbaugebieten bei 17,5 Grad – 1,5 Grad mehr als im langjährigen Durchschnitt. Bisher gibt es in der Pfalz bei Nebbiolo nur Anbauversuche. Andere internationalen Rebsorten wie Chardonnay, Merlot oder Sauvignon Blanc haben sich dagegen bereits etabliert – mit steigender Tendenz.

Herzblut und Leidenschaft gefordert

Die Frage „Soll ein Pfälzer Winzer internationale Sorten pflanzen?“ beantwortete Götz am Mittwoch mit einem „Ja“ und einem „Nein“. Wer Herzblut, Passion und Leidenschaft mitbringe und dies auch an die Kunden vermitteln könne, für den seien internationale Rebsorten eine Chance: Dafür brauche es aber Zeit, Investitionen und handwerkliches Können. Wer dagegen in Hektoliter und PS denke oder auf Weinfesten gerne in großen Gläsern Wein und Mineralwasser mische, solle es lieber lassen.

Die Herausforderung des Klimawandels

Mit dem Klimawandel müssen sich allerdings beide Seiten auseinandersetzen. Der Weinbau sei noch längst nicht auf die Situation eingestellt, die in 20 Jahren zu erwarten sei, sagte am Mittwoch der Direktor des DLR, Günter Hoos, bei den Pfälzer Weinbautagen. Es werde nichts bleiben, wie es ist: „Der Klimawandel wird jede Arbeitsphase des Weinbaus verändern.“ In 20 Jahren wird sich auch zeigen, ob der Nebbiolo ein Pfälzer Experiment bleibt oder zu den anderen internationalen Rebsorten aufschließen kann.

Am ersten Tag der Pfälzer Weinbautage ging es um die Reform des Weingesetzes, mit der die Herkunft des Weins als Qualitätsmaßstab eingeführt werden soll. Mehr dazu hier.

Matthias Koch und Verena Suratny führen das Weingut Brenneis-Koch in Bad Dürkheim-Leistadt.
Matthias Koch und Verena Suratny führen das Weingut Brenneis-Koch in Bad Dürkheim-Leistadt. Foto: Koch/frei
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