Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Pandemie belastet Schwangere und Geburtshilfe

Der Hebammenverband rät von einer Alleingeburt ohne professionelle Betreuung ab.
Der Hebammenverband rät von einer Alleingeburt ohne professionelle Betreuung ab.

Die Corona-Situation verschärft die Probleme in den Geburtskliniken. Einige Frauen gebären deshalb lieber alleine.

Hebammen im Dauerstress und immer weniger Kranken- oder Geburtshäuser, die dem hohen Kostendruck standhalten: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas auf die Probleme der Geburtshilfe. Die Leidtragenden sind Schwangere und Kinder. Eine achtfache Mutter aus dem Elsass hat sich schon lange dafür entschieden, lieber allein zu gebären.

Die Pandemie sei für Schwangere belastend, sagt die 1. Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Rheinland-Pfalz, Ingrid Mollnar. Nicht nur aus Angst, sich selbst zu infizieren, sondern auch, weil sie im Kreißsaal eine Maske tragen müssten und eine Begleitperson nicht immer dabei sein könne. Wegen Corona fänden Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildungsgymnastik seit Oktober nur noch online statt. „Der Hebammenmangel wird in der Pandemie ganz offensichtlich“, sagt die Verbandschefin, die früher selbst in der Geburtshilfe tätig war.

Schlechter Betreuungsschlüssel

Eine Hebamme müsse viel wissen und möglichst wenig tun, fasst Mollnar den Beruf zusammen. „Sie motiviert die Schwangere und gibt ihr Rückmeldung und begleitet sie in ruhiger, zuversichtlicher Atmosphäre.“ Wenn es auf dem Weg hake, biete sie Lösungen an. Dr. Pia Müller von der Bundeselterninitiative Mother Hood e.V. sagt, „die Missstände in der Geburtshilfe gefährden die Gesundheit von Mutter und Kind“. Es gebe zum Beispiel zu wenig Hebammen für eine kontinuierliche Begleitung der Geburt. Stattdessen seien Hebammen für drei oder mehr Frauen gleichzeitig zuständig. Dabei gebe eine Eins-zu-Eins-Betreuung während der Geburt größtmögliche Sicherheit und auch die Frauen selbst wünschten sie sich, sagt Müller.

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Keine hohe Impfpriorität

Der Hebammenverband setzt sich laut Verbandschefin Mollnar dafür ein, der Berufsgruppe schneller ein Impfangebot zu ermöglichen. „Aber Hebammen gelten nur als Pflegekräfte, wenn sie dadurch keinen Vorteil bekommen“, meint die Vorsitzende. Auch bei Schutzkleidung fehle die Unterstützung des Landes. Deshalb isolierten sich nun viele Hebammen, um sich und die Patientinnen zu schützen.

Hoher Kostendruck

Die Zeit, in der eine Frau nach der Geburt noch im Krankenhaus bleibt, habe sich in den vergangenen Jahren verkürzt, sagt Verbandschefin Mollnar. Wegen der Pandemie würden Frauen jetzt noch früher entlassen. Müller von der Elterninitiative erklärt: „Geburten sind extrem zeit- und personalaufwendig. Gleichzeitig können die Kliniken über die Fallpauschalen viel zu wenig abrechnen. Geburten lohnen sich also für Kliniken nicht.“ Nach aktuellen Zahlen aus dem Krankenhaus-Barometer 2020 arbeiten zwei Drittel von ihnen nicht kostendeckend, so Müller. Die Folgen für die Familien seien enorm. Wegen der oft fehlenden kontinuierlichen Betreuung müssten Schwangere mehr medizinische Eingriffe – wie beispielsweise mehr Schmerzmittel oder einen unnötigen Kaiserschnitt – über sich ergehen lassen. Auch die Verbandsvorsitzende Mollnar appelliert: „Wir brauchen Hebammen und Zeit für Geburtshilfe, nicht Medikamente und Technik!“

Viele Kreißsäle schließen

Mother Hood-Aktivistin Müller sagt, die zahlreichen Kreißsaalschließungen seien ein großer Fehler. „Alleine durch die endgültige Schließung des Kreißsaals der Hedwig-Klinik in Mannheim so wie die Corona-bedingte temporäre Schließung am Klinikum Ludwigshafen sind allein in der Metropolregion Rhein-Neckar insgesamt rund 1400 Geburtsplätze seit Beginn der Pandemie kurzfristig weggefallen“, erklärt Müller. Im Flächenland Rheinland-Pfalz führten die Kreißsaalschließungen der letzten Jahre zu langen Anfahrtswegen zur Geburtsklinik, mancherorts von 40 Minuten und mehr. Der Verband der Ersatzkassen (VDEK) fordere aber nicht mehr als 20 Minuten – die Zeit, die für einen Notkaiserschnitt angedacht sei, erklärt Müller. „Die Feuerwehr wird ja auch nicht abgebaut, wenn sie nicht rentabel ist oder es wenig brennt“, veranschaulicht sie die Problematik.

Hektik und Fremdbestimmung

Nicht zufrieden mit dem Geburtshilfesystem ist auch Sarah Schmid – und hat sich deshalb für einen ganz anderen Weg entschieden. Die studierte Medizinerin wohnt in Wissembourg im Elsass und schreibt Bücher, um Frauen beim Alleingebären zu begleiten. Die achtfache Mutter hat zuletzt Zwillinge ohne medizinische Hilfe zu Hause zur Welt gebracht. Dass eine Geburt in der Klinik nichts für sie sei, habe sie als Studentin in Halle (Saale) bei einem Praktikum im Kreißsaal gemerkt: zu hektisch, zu fremdbestimmt wirkte alles, erzählt sie. Ihr erstes Kind kam deshalb zu Hause zur Welt. Weil Schmids eigentliche Hebamme aber schon im Einsatz gewesen sei, sei eine Kollegin gekommen, erzählt die 39-Jährige. „Durch die fremde Person fühlte ich mich unwohl, das hat zu meinem Geburtsstillstand beigetragen“, ist sie überzeugt.

Kritik: Fokus auf Gefahren

Später zieht die Familie nach Schweden um, dort gibt es keine außerklinischen Geburtshilfen. „Da habe ich mich entschieden, allein und selbstbestimmt zu gebären“, sagt Schmid. Zur Vorbereitung habe sie viel gelesen, ihren Körper durch gesunde Ernährung gestärkt und sich mental vor Angst geschützt. Auch die Vorsorge übernahm sie selbst, nur einmal habe sie zur Sicherheit ihre Werte checken lassen. „In der Geburtshilfe wird Angst eher geschürt“, meint Schmid. Der Fokus liege auf Gefahren, und wenn nicht alles genau nach Vorschrift liefe, werde den Müttern suggeriert, das sei schlecht fürs Kind.

Alleingeburten als Gegentrend

Von einer Alleingeburt rät Mollnar vom Hebammenverband ab: „Bei einer Geburt weiß man nie, worauf man sich einlässt“, sagt sie. Sie sieht Frauen, die allein gebären, als eine Art Gegentrend zu steigender Medikalisierung und hektischer Begleitung. Bei Klinikangst sei eine außerklinische Geburtshilfe mit einer vertrauten Hebamme für die Frauen aber eine bessere Alternative. Solche Angebote machten indes nur rund 1,1 Prozent der Geburtshilfen im Land aus, so die Verbandschefin.

Kinder im Wald und im Garten geboren

Buchautorin Sarah Schmid sagt, es ginge bei ihrem Weg der Alleingeburt darum, sich die beste Gebärumgebung zu schaffen. Ihr Partner habe zwar Zeit gebraucht, ihre Entscheidung für die Alleingeburt mitzutragen, „aber er hat mir vertraut, das Richtige zu tun“, sagt Schmid. Die erste Geburt ohne Hilfe sei dann flott und unkompliziert verlaufen. „Ich hatte das Gefühl, alles läuft wie es soll, mein Körper macht das schon.“ Weitere Kinder gebar sie im Wald hinter ihrem Haus und in ihrem Garten. Die achtfache Mutter betont aber: „Jede Frau sollte so gebären, wie sie sich wohlfühlt.“

Gesetzliches Handeln gefordert

Verbandschefin Mollnar mahnt, der Fokus bei der Gesundheitsversorgung liege in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit auf der Anzahl der Intensivbetten, dabei würden andere Gesundheitsleistungen in den Hintergrund treten. Zu wenig Personal für die Betreuung, zu wenig Räume: „Die Frauen fühlen sich nicht ernst genommen“, sagt sie. Müller von Mother Hood fordert, die Geburtshilfe in der medizinischen Grundversorgung zu verankern. Eine gesetzliche Grundlage könne dazu beitragen, weitere Klinikschließungen zu verhindern. Zudem sei eine aufwandsgerechte Vergütung notwendig, damit sich Geburtshilfe für die Kliniken lohnt.

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