Rheinland-Pfalz
Nur mit Test ins Altenheim?
Seit 23 Jahren lebt der Bruder von Johannes Fruth im Pflegeheim, aktuell im Johanniter-Haus in Kleinniedesheim im Rhein-Pfalz-Kreis. Fruth besucht ihn zweimal in der Woche. Er ist nicht nur naher Verwandter, er kümmert sich als Betreuer um alle Angelegenheiten. Doch sein für den heutigen Samstag geplanter Besuch wurde abgesagt. Begründung: Er könne nur noch mit einem negativen Corona-Schnelltest das Haus betreten, aber um den Test müsse er sich selbst kümmern und ihn auch bezahlen. Das habe ihm die Heimleiterin gesagt und sich auf eine Landesverordnung berufen, sagt Johannes Fruth, als er sich empört an die RHEINPFALZ wendet.
Schleuse als Alternative zum klassischen Besuch
Die regionale Marketingbeauftragte der Johanniter Seniorenhäuser GmbH, Theresa Reuther, bestätigt auf Anfrage, dass Besuche nur noch mit einem negativen Testergebnis möglich sind. Die Mitarbeiter würden zweimal und die Bewohner einmal pro Woche getestet. Für mehr Tests reichten die personellen Kapazitäten nicht. „Als Alternative zu einem klassischen Besuch hat unser Haus eine Schleuse eingerichtet, hier können die Bewohnerinnen und Bewohner hinter Plexiglas Besuch bekommen“, sagt Reuther. Außerdem seien noch „Weihnachtsfenster“ geplant.
Für Johannes Fruth ist das alles keine Option. Sein Bruder sei zu schwer hörbehindert für einen Besuch in der Schleuse.
Dreyers Ankündigung bisher ohne Folgen
Von einer Vorgabe des Landes kann bisher allerdings (noch) keine Rede sein. „Eine Testpflicht für Besucher besteht aktuell nicht“, sagt der Sprecher des Mainzer Gesundheitsministeriums, Markus Kuhlen. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hat am Sonntag zwar angekündigt, dass künftig nur noch Besucher mit negativen Corona-Tests in Alten- und Pflegeheime dürfen, aber das steht in keiner Verordnung. Das Sozialministerium hat am Freitagabend lediglich die Verlängerung bisheriger Vorgaben angekündigt. Dazu zählt, dass während der gesamten Besuchszeit eine FFP2-Maske zu tragen ist.
Was es gibt, ist eine Teststrategie des Landes. Erst im November wurde sie erneut angepasst. Bis zu 30 Tests werden pro Monat und Heimbewohner vom Bund bezahlt, bis zu 18 Euro für jedes Testkit samt Personalkosten für das Testen. Ob dieses Kontingent auch für Besuche genutzt wird, legen die Heime nach Angaben des Sozialministeriums bislang in ihren eigenen Testkonzepten fest.
„Spiel mit dem Leben alter Menschen“
Es sei ein Spiel mit dem Leben von alten Menschen, wenn Besucher nicht obligatorisch vor dem Betreten eines Altenheims getestet würden – zumal in Regionen mit hohen Infektionszahlen. Das sagt Harald Dreßing, Professor am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Während des ersten Lockdowns hat Dreßing an einer Studie mitgewirkt, in der das psychische Befinden in der Bevölkerung unter dem Einfluss der Covid-19-Pandemie untersucht wurde. Eine Lehre aus dem ersten Lockdown hat die Politik umgesetzt: Die alten Menschen in den Einrichtungen sollen nicht noch einmal sozial isoliert werden. Aber den Preis, dass Sars-CoV-2 durch Besucher in die Heime getragen wird, sollten die Menschen nach Auffassung Dreßings ebenfalls nicht zahlen müssen.
Einige Häuser testen schon jetzt Besucher
Landesweit sind laut Ministerium 1513 von 42.560 Bewohnern sowie 629 von 35.614 Beschäftigten infiziert (Stand 15. Dezember). „Es gibt Bundesländer und auch Heime, in denen Tests der Besucher längst die Regel sind. Die Testkits stehen zur Verfügung. Empirisch wissenschaftlich ist klar belegt, dass dies zur Infektionskontrolle beiträgt“, sagt Dreßing. Die Personalkosten ließen sich reduzieren, wenn Medizinstudierende als wissenschaftliche Hilfskräfte eingestellt würden. Dreßing ist in diesem Fall ist nicht nur Wissenschaftler. Seine Mutter lebt in einem Altenheim.
Es gibt Einrichtungen, die Besucher schon jetzt testen: Im Altera Senioren-Domizil in Frankenthal wird jeder Besucher getestet – freiwillig. Wer sich jedoch nicht untersuchen lasse, könne auch nicht in die Einrichtung kommen. „Ich mache dann von meinem Hausrecht Gebrauch“, sagt Hausleiterin Jutta Loreth. Bei einem schweren Corona-Ausbruch im November waren in dem Pflegeheim vier Bewohner gestorben.
Fruht sucht für Heiligabend einen Schnelltest
Einmal pro Woche können sich auch Besucher im Haus Maximilian in Dirmstein (Rhein-Pfalz-Kreis) nach Anmeldung abstreichen lassen. Pflegedienstleiterin Christine Paradies ist froh, dass die Schnelltests derzeit freiwillig sind. „Ich wüsste sonst nicht, wie ich das personell leisten könnte.“ In der Einrichtung der Römergarten Residenzen war im November die Hälfte der 50 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden, fast das gesamte Pflegepersonal war krank oder in Quarantäne. Vier Senioren haben die Covid-19-Infektion nicht überlebt.
Johannes Fruth weiß noch nicht, wie er seinen Bruder weiterhin besuchen kann. „Wenn ich wüsste, wo ich an Heiligabend unkompliziert einem Schnelltest machen könnte, würde ich das machen.“ Aber das zweimal wöchentlich auf sich zu nehmen, das könne er sich nicht leisten.