Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Unfall mit zwei Toten: Süd-Müll passt Tüv-Analyse nicht

Anlieferung im Sondermüll-Zwischenlager bei der Firma Süd-Müll in Heßheim (Rhein-Pfalz-Kreis).
Anlieferung im Sondermüll-Zwischenlager bei der Firma Süd-Müll in Heßheim (Rhein-Pfalz-Kreis). Foto: dts

Nach dem tödlichen Chemieunfall im Sondermüll-Zwischenlager der Firma Süd-Müll im August 2018 steht die Firma unter strenger Beobachtung durch die Behörden. Jetzt wird doch schneller als erwartet, das Tüv-Gutachten über das Arbeiten und die Sicherheit von Süd-Müll vorgelegt. Das schmeckt den Chefs nicht.

Noch trägt die Expertise Nummer 0288-002-20191129 den Vermerk „Verschlusssache“: das 96-seitige SGS-Tüv-Saar-Gutachten zu dem tödlichen Chemieunfall im Sondermüll-Zwischenlager bei der Firma Süd-Müll GmbH&Co KG in Heßheim (Rhein-Pfalz-Kreis). Am Dienstag wird das Papier im Landtag in Mainz öffentlich vorgestellt. Drei Gutachter des Tüv hatten im Auftrag von Süd-Müll und unter Vorgaben der Genehmigungsbehörde SGD Süd in Neustadt das Zwischenlager für Sondermüll in Heßheim aufgrund des Unfalls sicherheitstechnisch unter die Lupe genommen. Am 21. August 2018, heute genau vor 17 Monaten, erstickten zwei Süd-Müll-Mitarbeiter an hochtoxischem Schwefelwasserstoff: ein 30-jähriger Chemiker und sein 43 Jahre alter untergeordneter Kollege. Die Staatsanwaltschaft ist mit ihren Ermittlungen noch nicht am Ende, laut einem früheren, ersten Zwischenbericht war eine der Ursachen ein falsch etikettierter Großbehälter eines Kunden.

Mitarbeiter wohl von Explosion überrascht

Der hatte laut Süd-Müll über ein Reinigungsunternehmen für Tanklager sowie einen Zwischenhändler säurehaltigen Sondermüll angeliefert. Beim Zusammenkippen von Flüssigkeiten von einem Klein- in ein teils gefülltes Großgebinde war das Gas entstanden. In der Annahme, zwei Säuren in dem größeren Behälter zusammenzubringen, hatten die beiden aber eine Lauge und eine Säure gemischt. Das führte zu einer spontanen, explosionsartigartigen und letztlich tödlichen Reaktion, von der die Mitarbeiter offensichtlich überrascht wurden. Anfang Dezember lag die Analyse der Tüv-Gutachter vor – bislang galt sie als geheim. Die drei Tüv-Fachleute üben teils scharfe Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen und -vorschriften des Unternehmens. Deren Fazit gefällt dem Unternehmen nicht, ebenso wenig der Zeitpunkt der Veröffentlichung am Dienstag im Landtag. Von dem Gutachten gibt es aktuell verschiedene Versionen – mit mehr oder weniger geschwärzten Passagen. Der politische und öffentliche Druck jedoch, das Gutachten endlich vorzustellen, wurde so groß, dass das Umweltministerium jetzt die 96 Seiten in einer öffentlichen Ausschusssitzung vorstellt – die Ministeriums-Version der Dinge sozusagen.

Süd-Müll spricht von „fehlerhaftem“ Gutachten

Die CDU-Opposition hatte einen entsprechenden Antrag für den Ausschuss gestellt. Süd-Müll dagegen hat eine eigene Version des Gutachtens mit vielen geschwärzten Stellen, gestern der Presse vorgelegt. Für Süd-Müll jedenfalls steht fest: Das Gutachten ist „von Fehlern“ und falschen Annahmen durchsetzt. Der Tüv empfiehlt vor allem technische und organisatorische Verbesserungen zum Betrieb des Umschlagplatzes von Sondermüll in Heßheim. Die Genehmigung des Betriebs ist dagegen auch laut Genehmigungsbehörde SGD Süd nicht betroffen. Fässer mit Glycerin, Lacken und Säuren aus gewerblicher und industrieller Produktion, ebenso wie Altöle oder Batterien aus Haushalten werden dort angeliefert, zwischengelagert und später zur Verbrennung oder zur Weiterverarbeitung verfrachtet. Laut Gutachten hat das Unternehmen die Gefährdung der Abfallannahme sowie das Umfüllen derselben bislang falsch eingeschätzt. In den Unterlagen heißt es wörtlich dazu, dies sei „grundlegend zu überarbeiten“.

Tüv bemängelt Gefahrenanalyse

Die neue Gefährdungsanalyse soll anschließend ein Sachverständiger beurteilen, empfiehlt der Tüv. Deutliche Hinweise gibt es auch zum Tragen von persönlicher Schutzausrüstung. Wann etwa künftig beim Arbeiten eine Gasmaske zu tragen ist, solle anhand von einschlägigen Verordnungen überprüft werden, heißt es in dem Papier. An jenem Unfalltag im August, einem heißen Sommertag, hatten die beiden Mitarbeiter nach bisherigem Ermittlungsstand der Staatsanwaltschaft keine Gasmasken getragen. Ein Tatbestand, der laut SGD rechtens war. Bemängelt werden auch der Sicherheitsbericht sowie Betriebsanweisungen bei Süd-Müll. Und: Der Tüv fordert den Einbau einer großen Absaugvorrichtung für Umfüllarbeiten. Vor allem dieser Punkt bringt die drei Süd-Müll-Geschäftsführer auf die Palme. „Das ist absurd“, sagt einer der Chefs. Denn: Eine solche Technik hätte das Leben der beiden Männer nicht retten können, sagen sie. In den Augen von Senior-Chef Gernot Eberhard ist das Gutachten „fachlich falsch“ und weist „erhebliche Mängel auf“. Seine beiden Söhne, Benedikt Eberhard und Dominic Eberhard stimmen ihm ebenso zu wie der hausinterne Verfahrenstechniker Gunter Hördt. Sie haben gestern ihre Version des Gutachtens der RHEINPFALZ präsentiert.

Feuerwehr und Bürger machen sich eigenes Bild

Die SGD unterdessen verweist darauf, dass etliche Punkte des Gutachtens bereits umgesetzt seien oder bearbeitet würden. So wird die Abfallannahme stärker dokumentiert, die Mitarbeiter müssen einen belüfteten Helm tragen und der Sicherheitsbericht etwa liege überarbeitet vor. Die Behörde prüft, die Staatsanwaltschaft ermittelt noch, am Dienstag diskutieren die Abgeordneten. Auch die Feuerwehr und die Bürgerinitiative, die Schutzgenmeinschaft gegen Deponie (SGM), will sich in Mainz informieren, was die 96 Seiten aus der Nummer 0288-002-20191129 bedeuten. Den Kommentar lesen Sie hier

Info

  • Öffentliche Sitzung des Umweltausschusses im Landtag in Mainz, 14.30 Uhr, Abgeordnetengebäude, Kaiser-Friedrich-Straße 3, Saal 420.
x