Rheinland-Pfalz Mit 100 die Nummer 1
«Kirchheimbolanden». Ihre Meinung über einzelne Felder der Kirchheimbolander Stadtpolitik klingt mitunter wenig schmeichelhaft. Doch die Wähler honorierten Heises Engagement am Sonntag mit Respekt und viel Sympathie und katapultierten die geistig putzmuntere, streitbare alte Dame vom aussichtslosen Platz 20 der Liste „Wir für Kibo“ auf den ersten Platz. Die kleine Bürger-Gruppierung, nun dank Lisel Heise mit einem zweiten Sitz im Stadtrat vertreten, berief für gestern gar eine internationale Pressekonferenz ein, um das Resultat zu verkünden. Denn im Vorfeld der Kommunalwahlen hatten nahezu alle großen Tageszeitungen und Fernsehsender Deutschlands, aber auch Vertreter internationaler Medien Reporter und Kamerateams zu Interviews und Stadtrundgängen nach Kirchheimbolanden entsandt – entsprechend groß war nun logischerweise die Nachfrage nach dem Wahlergebnis. Am weitesten angereist war gestern ein Team des Moskauer Nachrichtensenders „ntv“, der herausgefunden haben will, dass die Kirchheimbolanderin sogar die weltweit älteste Kandidatin für ein Parlament sei. Ihren eigenen Erfolg nannte die frühere Lehrerin gestern nüchtern einen „Überraschungseffekt“. Emotionaler wurde die Hundertjährige, die am Sonntag bis in die Nachtstunden vor dem Fernseher gesessen hatte, in Bezug auf das Abschneiden der Grünen auf kommunaler wie europäischer Ebene: Diese „grüne Welle“ ist für sie „ein gutes Omen“. Natürlich ging es auch gestern um Lisel Heises Herzensangelegenheit, den Bau eines Freibades in der nordpfälzischen Kreisstadt. Dort war das alte – allerdings nicht von der Stadt, sondern der Verbandsgemeinde betriebene – Thielwoog-Bad, in dem Heise seit ihrem dritten und bis über ihr 90. Lebensjahr hinaus fast täglich geschwommen war, 2011 vor allem aus Kostengründen geschlossen und später dem Erdboden gleich gemacht worden. Eine fatale Entscheidung, so geißelt dies Heise, denn Freibäder seien nicht nur für die körperliche Gesundheit unverzichtbar, sondern hätten auch für die Naherholung ganzer Familien eine wichtige soziale Funktion. Dass immer weniger Kinder in Deutschland schwimmen lernen könnten, sei ein Unding, sagt die Hundertjährige. Wie Heise generell mahnt, dass Politik zukunftsgerichtet viel mehr für junge Leute tun müsse. Dass der Kampf fürs Freibad ein Parforceritt wird, ist ihr klar. Aber die Zeit, die ihr gesundheitlich bleibt, will Heise ihn führen, daran lässt die Ur-Kerchemerin keinen Zweifel. Da sie den Vorsitzenden der Gruppierung, Thomas Bock, mit über 200 Stimmen Vorsprung auf Platz 2 verwies, wird sie das nun voraussichtlich sogar als Fraktionssprecherin von „Wir für Kibo“ im Stadtrat tun.