Pfalz
Medizinstudenten aus Ungarn kommen in die Westpfalz
Dort, wo sonst gerne Brautpaare vor den Standesbeamten treten, wurde gestern eine für die Westpfalz weitreichende Kooperation auf den Weg gebracht. Im Pfalzgrafensaal in Kaiserslautern wollte der rheinland-pfälzische Minister für Wissenschaft und Gesundheit, Clemens Hoch (SPD), zwar noch nicht von einer Hochzeit sprechen, aber zumindest von einer Verlobung. Denn das Westpfalz-Klinikum und die medizinische Fakultät der Semmelweis-Universität Budapest/Ungarn haben schriftlich ihre Absicht erklärt, künftig beim Medizinstudium und in der Forschung zusammenzuarbeiten.
Konkret bedeutet das laut Westpfalz-Klinikum, dass Studierende ab dem Wintersemester 2025/26 in Budapest mit dem Medizinstudium auf Deutsch beginnen und nach sechs Semestern für den ebenfalls dreijährigen klinischen Teil nach Kaiserslautern wechseln. Im erstmöglichen Kaiserslauterer Jahr, also 2028, sind 40 Studierende zugelassen, im zweiten soll sich diese Zahl auf 80 erhöhen. In der letzten Ausbaustufe der vorerst auf zehn Jahre angelegten Kooperation werden insgesamt bis zu 240 Studierende in Kaiserslautern sein. Außerdem will das Klinikum an Forschungsprojekten teilnehmen und wissenschaftliche Kooperationen mit der Semmelweis-Uni eingehen.
Die jungen Ärzte können später in Deutschland arbeiten
Damit werde der Grundstein für ein Medizinstudium in Kaiserslautern gelegt, sagte der Geschäftsführer des Westpfalz-Klinikums, Thorsten Hemmer. Zudem stärke die Kooperation die Rolle des Westpfalz-Klinikums als Maximalversorger. Angesichts der Reform im Gesundheitswesen war er sich mit dem Minister einig. Hoch: „Spitzenmedizin erfordert ein enges Zusammenwirken zwischen Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Das Land erwarte, dass alle Beteiligten von dem Renommee der Semmelweis-Universität und der ärztlich-fachlichen Expertise des Westpfalz-Klinikums profitieren.“
Medizinstudierende der Semmelweis-Universität, die an dem Projekt teilnehmen, können auch bei Forschungsprojekten mitmachen und in Kaiserslautern ihre Doktorarbeit schreiben. Am Ende erwerben sie einen Abschluss der Budapester Uni, der zur deutschen Approbation berechtigt, das heißt: Sie sind als Mediziner in Deutschland zugelassen.
Westpfälzer studieren in Ungarn Medizin
Das wiederum freut nicht nur die kommunalen Gesellschafter des Westpfalz-Klinikums, neben der Stadt Kaiserslautern sind das der Kreis Kusel und der Donnersbergkreis, sondern auch den Verein „Ärzte für die Westpfalz“. Zu dieser kommunalen Initiative hatten sich Anfang 2023 die acht westpfälzischen Städte und Landkreise sowie der Kreis Bad Kreuznach zusammengeschlossen, um die Ärzteversorgung in ihrem Gebiet sicherzustellen.
Unterstützt werden sie von der Zukunftsregion Westpfalz, dem Westpfalz-Klinikum und dem Pfalzklinikum des Bezirksverbands. Nach dem Motto „Mediziner aus der Westpfalz für die Westpfalz“ wurden für die Jahre 2023/24 und 2024/25 insgesamt 25 durch Spenden finanzierte Stipendien an junge Menschen vergeben, damit diese ein deutschsprachiges Medizinstudium an der Universität Pécs in Ungarn ohne Numerus clausus beginnen können. Die klinischen Praktika sowie ihr Praktisches Jahr absolvieren die Stipendiaten in der Westpfalz und arbeiten dort nach erfolgreicher Zulassung mindestens drei bis fünf Jahre.
Zusätzlich vermittelt der Verein medizinische Praktika an Studierende anderer Hochschulen – in der Hoffnung, dass es diesen in der Westpfalz so gut gefällt, dass sie nach dem Studium wiederkommen. Eine Hoffnung, die auch bei dem Startschuss für die Kooperation zwischen Westpfalz-Klinikum und Semmelweis-Universität von allen Seiten geäußert wurde. Es gebe einen nachweisbaren „Klebeeffekt“, formulierte es der Wissenschaftsminister: dass sich Studierende in ihre Universitätsstadt verliebten und „vielleicht auch in den einen oder anderen Menschen“.
Semmelweis-Universität bietet seit 40 Jahren Studium auf Deutsch an
Dass diese Kooperation binnen eines knappen Jahres auf den Weg gebracht worden sei, stellte Kaiserslauterns Oberbürgermeisterin Beate Kimmel (SPD) anerkennend fest. Sie erinnerte an den Plan, auf dem ehemaligen Pfaff-Gelände auch einen Gesundheitscampus mit zwei Säulen aufzubauen: der Ausbildung künftiger Ärzte und der Ausbildung in weiteren medizinischen Berufen.
An der Semmelweis-Universität in Budapest wurde 1983 die deutschsprachige Ausbildung von Humanmedizinern eingeführt. Nach ihren Angaben sind mehr als ein Drittel ihrer Studierenden insgesamt und mehr als die Hälfte ihrer angehenden Humanmediziner internationale Studierende aus 123 Ländern weltweit.