Rheinland-Pfalz
Landesimpfkoordinator Stich: „Die Nachfrage nach Impfstoff lässt nach“
Herr Stich, gewinnen Sie mit der Impfkampagne des Landes den Wettlauf gegen die Delta-Variante?
Wir merken, dass die Impfkampagne Fahrt aufgenommen hat. Stand heute haben wir in Rheinland-Pfalz mehr als 3,7 Millionen Impfungen, davon sind gut 1,5 Millionen Zweitimpfungen. Wir merken aber auch, dass wir uns einer neuen Phase nähern. Bisher hatten wir mehr Impfwillige als Vakzin, aber die Nachfrage nach Impfstoff lässt nach. Wir wollen alle, die unschlüssig oder skeptisch sind, überzeugen. Impfungen sind der Schlüssel zum Beenden der Pandemie. Die zugelassenen Impfstoffe wirken auch gegen die Delta-Variante.
Noch mal, gewinnen Sie den Wettlauf?
Wir sind optimistisch und gut vorbereitet. Wenn wir in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr Menschen für die Impfung gewinnen, bin ich zuversichtlich, dass das, was wir uns für den Sommer hart erarbeitet haben, zumindest in Teilen auch für Herbst und Winter gelten kann.
Ist Astrazeneca nicht längst ein Ladenhüter unter den Impfstoffen?
Astrazeneca leidet darunter, dass wir zu Beginn der Impfkampagne eine Debatte um den Impfstoff hatten, die ihm nicht gerecht wurde. Das Imageproblem bleibt. Wir planen Sonderimpfaktionen, nachdem der Bund uns noch mehr Astrazeneca zur Verfügung gestellt hat, merken aber schon, dass die Menschen bei dem Impfstoff skeptischer sind. Außerdem gilt es dabei die Vorgaben der Stiko zu beachten.
Die Ständige Impfkommission Stiko hat mehrfach Neubewertungen vorgenommen – zunächst sollte Astrazeneca nur an Unter-60-Jährige verimpft werden, dann nur an Über-60-Jährige, jetzt soll es die Kreuzimpfung mit einem mRNA-Impfstoff sein, das ist doch unübersichtlich, oder?
Es war eine große Herausforderung für uns, als ohne Vorankündigung vergangene Woche die Entscheidung für die Kreuzimpfung kam. Wissenschaftlich war das gut begründet, das macht die Stiko sehr sorgfältig. Aber für uns und für die Ärztinnen und Ärzte war es in der Umsetzung ein Kraftakt. Ich bin zuversichtlich, dass wir es in den nächsten zwei, drei Wochen hinbekommen, die 65.000 betroffenen Menschen mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna oder Biontech zweitzuimpfen.
Lässt sich der Überschuss beziffern?
Bei den Impfstoffen von Biontech und Moderna haben wir in den Impfzentren im Schnitt etwa 90 Prozent verimpft, bei Astrazeneca sind es 80 Prozent – auch wegen der jüngst gestiegenen Lieferungen. Es ist aber nicht so, dass Astrazeneca in rauen Mengen übrig bleibt.
Gesundheitsminister Clemens Hoch sagte jüngst, die Anmeldezahlen für die Impfzentren stagnierten. Wie groß ist der Wartepool und wann wird dieser abgearbeitet sein?
Aus den priorisierten Gruppen warten derzeit rund 900 Menschen auf einen Impftermin. In der Summe sind es rund 24.000 Menschen. Bis Ende Juli, spätestens in der ersten Augustwoche, wollen wir alle mit einem Termin versorgen.
Wie geht es dann weiter?
Wir wollen die Menschen zielgruppenspezifisch erreichen, sie ermuntern, aufklären, dass die Impfung das A und O ist. Wir wollen noch mehr aufsuchende Angebote machen. Es gab bereits Stadtteilimpfungen, jetzt gibt es an den Hochschulen Sonderimpfaktionen für junge Menschen. In diese Richtung wird es weitergehen. Für manche ist der Weg zum Impfzentrum eine Hürde.
Lohnt es sich überhaupt, die Impfzentren über den August hinaus offenzuhalten?
Wir brauchen sie im August und September zumindest noch für die Zweitimpfungen.
Sie hatten angekündigt, dass sich die Angemeldeten rückversichern könnten, ob sie noch im Wartepool sind, ähnlich wie jeder ein Paket bei der Post nachverfolgen kann. Ist das inzwischen umgesetzt?
Das funktioniert inzwischen, jeder kann überprüfen, ob er im System ist. Was nicht geht, ist eine Angabe dazu, an welcher Stelle der Warteliste jemand ist.
Sollte es Sanktionen geben für Menschen die ihre Termine nicht absagen?
Es ist ärgerlich, dass es Menschen gibt, die ihre Termine nicht absagen, weil es unsolidarisch ist. Aber ich glaube nicht, dass wir diejenigen durch eine irgendwie geartete Strafe oder ein Bußgeld eher dazu bringen, den Impftermine abzusagen. Wir appellieren und setzen auf gelebte Solidarität. Für die Menschen vor Ort in den Impfzentren bedeuten nicht abgesagte Termine einen immensen Aufwand.
16 und 17-Jährige erhalten offensichtlich doch Termine in den Impfzentren, obwohl die Stiko keine generelle Impfempfehlung für diese Altersgruppe ausspricht. Werden die Jugendlichen dort geimpft oder wieder weggeschickt?
Wir impfen als Land nur, wenn 16- oder 17-Jährige in einer bestimmten Berufsgruppe tätig sind. Es waren einige Tausend, die sich in den wenigen Tagen zwischen der Freigabe der Impfungen für alle ab 16 und der Einschränkung der Stiko, dass es keine generelle Empfehlung für zwölf bis 17-Jährige gibt, angemeldet haben. Sie wurden aufgefordert, sich abzumelden oder einen Nachweis über eine entsprechende Arbeitsstelle vorzulegen.
Zum Thema Jugendliche und Impfen generell frage ich mal den Vater Daniel Stich, was er Eltern rät...
...meine Tochter wird im Oktober zwölf. Ich rate Eltern, das Gespräch mit den Kinderärztinnen und -ärzten zu suchen. Dabei lassen sich die Vorteile und die Risiken einer Impfung abwägen. So werden das meine Frau und ich auch halten. Das ist eine sehr persönliche Sache.
Es gibt Ärzte, die impfen nur streng im Rahmen der Stiko-Empfehlung.
Manche Ärzte haben Sorge wegen der Haftungsrisiken, diese sind aber unbegründet. Das war in der vergangenen Woche auch Thema in der Steuerungsgruppe des Landes, in der auch Vertreter der Ärzteschaft beteiligt sind.
Stichwort Herdenimmunität: Ab welchem Anteil der Geimpften in der Bevölkerung sagen Sie, jetzt ist mal gut?
Gut ist, wenn die Pandemie beendet ist. Bis dahin gilt: Jede Impfung mehr ist eine super Sache. In der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Ansichten. Manche sprechen bei 70 Prozent, andere bei 80 Prozent von der Basisimmunität – ich mag das Wort Herdenimmunität nicht. In Rheinland-Pfalz sind knapp 60 Prozent der Leute mindestens erstgeimpft. Wir werden alles tun, dass sich möglichst alle, für die eine Impfung in Frage kommt, für eine Impfung entscheiden, die auch ganz praktische Vorteile hat. Die Alternative sind Tests, und es ist nicht angenehm, sich ständig das Stäbchen in Nase und Rachen zu stecken.
Wenn das Impfen nicht mehr eine Sache des Landes ist, sondern nur noch der Ärzte, ist Ihr Job als Impfkoordinator getan. Was wartet dann auf Sie?
Bis dahin werde ich alles investieren, dass wir diese Pandemie möglichst schnell hinter uns lassen. Welchen Themen ich mich danach schwerpunktmäßig widme, wird man sehen. Ich bin sehr froh, hier im Team des Ministeriums für Wissenschaft und Gesundheit zu sein.