Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kraniche in der Pfalz: Die Überflieger

RastsucherKraniche überfliegen ein abgeerntetes Feld.
RastsucherKraniche überfliegen ein abgeerntetes Feld. Foto: Uwe Nielsen

Man hört sie laut trompeten, manchmal mitten in der Nacht. Tausende Kraniche fliegen im Oktober und im November aus Nordeuropa in den Südwesten des Kontinents. Aber wo endet ihr Flugtag? Wir sind ihnen nachgereist an den größten Stausee Frankreichs.

Sobald am Nordpfälzer Herbsthimmel die ersten Kraniche trompeten, weiß Adolf Stauffer: Gleich wird sein Telefon klingeln. Hat eine Keilformation ein Dorf überflogen, sieht man sie bald im nächsten, versucht sie zu zählen und das Ergebnis nach Winnweiler zu melden. Seit einem Vierteljahrhundert unterhält Stauffer, Aktivist des Naturschutzbunds (Nabu) und pensionierter Lehrer, so etwas wie die Ein-Mann-Kranich-Zentrale des Donnersbergkreises. Dieser liegt an der westeuropäischen Zugroute von den Brutgebieten in Nordeuropa zu den Winterquartieren im Südwesten des Kontinents. Bei der Rückkehr in den Norden im Frühjahr sind die Kraniche im Donnersberg deutlich seltener zu sehen und zu hören. Unvergessen bleibt Stauffer jedenfalls der 3. November 2006: 60.000 Kraniche überflogen damals die Nordpfalz.

Schon 500 Kilometer auf dem Buckel – am Tag

Die meisten Kraniche, die für kurze Zeit die Lufthoheit über Rheinland-Pfalz übernehmen, kommen vom größten deutschen Rastplatz Linum zwischen Neuruppin und Berlin, der Tag endet am Lac du Der – Chantecoq in der südlichen Champagne. Ungefähr 500 Kilometer Luftlinie haben die Kraniche schon bewältigt, wenn sie nach Rheinland-Pfalz kommen, 300 weitere Kilometer haben sie noch vor sich auf ihrem etwa 13-stündigen Nonstop-Flug.

Verschnaufen in der Champagne

Mit knapp 48 Quadratkilometern Wasserfläche ist der Lac du Der der größte Stausee Frankreichs. Bis zu zwei Wochen lang verschnaufen die Vögel dort, futtern sich neue Energie für den Weiterflug nach Südfrankreich, die westspanische Extremadura oder Nordafrika an.

Nur wenige Unverfrorene trotzen, dick eingepackt, an diesem November-Morgen kurz nach 7 Uhr mit ihren Kameras dem kalten Wind, der über den Deich fegt, und bedrohlichen Regenwolken, die der Sonne erst einmal keine Chance lassen. Uwe Nielsen, leidenschaftlicher Naturfotograf aus Bolanden, ist einer von ihnen. Seit etlichen Jahren kommt er im Herbst hierher. Diesmal hat er einen Allzeit-Rekord knapp verpasst: Unfassbare 268.000 Kraniche hatten sich am 3. November am Lac du Der niedergelassen – so viele wie nie zuvor und mehr, als je an einem anderen Rastplatz der westeuropäischen Zugroute gesichtet wurden. Zuvor hatte der Rekord am Lac du Der bei 206.000 Kranichen gelegen. Das war im Herbst 2014 und Nielsen seinerzeit mit der Kamera mittendrin. „Ein unglaubliches Erlebnis, wie sie kurz vor Sonnenaufgang aufgestiegen sind, bewegte Scherenschnitte vor einem roten Riesenball. Ich gebe zu, mir kamen die Tränen“, erinnert sich Uwe Nielsen.

34.000 Vögel zu sehen

Einige Tausend Vögel überwintern sogar am Lac du Der, erzählen Aurélien Deschatres und Anne-Sophie Gadot, die dort, im Süden der Champagne, für die Vogelschutzorganisation L.P.O. arbeiten. Zu fressen gebe es genug am Lac. Nur im zeitigen Frühjahr, wenn sich die Wintergäste den Platz wieder mit Rückkehrern teilen müssten, fütterten die Naturschützer an der „Ferme aux Grues“ nach, damit die Langschnäbel den Bauern nicht die frische Saat vom Acker klauben.

Auf ein Rekord-Foto wie im Jahr 2014 kann der Bolandener Fotograf Uwe Nielsen an unserem Beobachtungstag nicht hoffen. Aber auf die innere Uhr der Kraniche – 34.000 sollen es an diesem Novembertag noch sein – ist dennoch Verlass. Eben noch totenstill, ertönt mit der ersten Dämmerung auf der weiten Seefläche der einsame Weckruf eines Kranichs, andere nehmen ihn auf, bis ein Klangteppich aus Tausenden Vogelstimmen überm Wasser liegt. Und dann sind die großen Vögel endlich auch zu sehen, wie sie von ihren Schlafplätzen auf den Sandbänken in alle Richtungen ausschwärmen, manche in kleinen Gruppen, manche in großen Gruppen, zuletzt noch ein paar verstreute Langschläfer. Ein Naturspektakel der erhabenen Art, das die Zuschauer auf dem Deich andächtig schweigen lässt. Ob die Kraniche schon gleich weiter zum nächsten Etappenziel ihrer Reise drängen, bleibt zunächst ungewiss. Dass sich aber viele von ihnen zum Frühstück auf den umliegenden Feldern niederlassen werden, das ist sicher.

Zweieinhalb Meter Spannweite

Man kann sie den ganzen Tag über beobachten, wie sie auf abgeernteten Maisfeldern stoppeln oder die Schnäbel in grüne Wiesen spießen, um Kleingetier aufzutun. Zuweilen wagen sie sich auf einen Acker oder auf eine Weide mit Charolais-Rindern so nah an die Straße heran, dass man nicht nur Schönheit und Grazie dieser Vögel mit der leuchtend roten Kopfplatte bestaunen, sondern sich auch von ihrer Höhe bis zu 1,30 Meter und den fast zweieinhalb Meter weit gespannten Flügeln beeindrucken lassen kann. Diese werden flugbereit entfaltet, sobald ein Auto nur für einen Schnappschuss durchs geöffnete Fenster anhält. Seit dem Altertum gelten Kraniche auch als Symbole der Wachsamkeit. Für eine Familie mit Jungvogel, der an seinem bräunlichen Federkleid gut von den Eltern zu unterscheiden ist, muss Nielsen zum stärksten Objektiv greifen. Kraniche sind Familientiere, viele Paare bleiben sich ein Leben lang treu.

Warum der große Zustrom in diesem Jahr?

Vor Sonnenuntergang kehren die Tagesausflügler an ihre Schlafplätze zurück, Neuankömmlinge gesellen sich hinzu. Diesmal schauen wir uns das Spektakel bei Regen von einem erhöhten und überdachten Beobachtungsstand am See an. Der führt um diese Zeit so wenig Wasser, dass selbst fernab vom Ufer zahlreiche Sandbänke freigelegt sind: viel Platz und bester Schutz vor bodenständigen Feinden, während große Raubvögel durch vereinte Verteidigung in die Flucht geschlagen werden können. Aber wenn’s gar zu eng wird, suchen auch gesellige Kraniche lieber das Weite – wie nach dem diesjährigen Rekordtag. Die meisten reisten nach wenigen Tagen weiter.

Wie aber erklärt sich der enorme Zustrom in diesem Jahr? Könnte es an den Winden liegen, am Klima? Die Antwort ist offen. Fakt ist jedenfalls: Viele Kraniche aus dem ungarischen Nationalpark Hortobagy, üblicherweise auf der südöstlichen Mittelmeer-Route unterwegs, zogen diesmal die Route über Nordostfrankreich vor, wie die Vogelschützer Deschatres und Gadot berichten.

Bilanz in der Pfalz: eher mickrig

Die Herbstzählung in der Nordpfalz fiel 2019 mit bislang rund 5000 Kranichen ziemlich mickrig aus, wie der Winnweilerer Adolf Stauffer berichtet. Offenbar schlugen viele Kraniche eine andere Route ein, jene Hauptroute über Ostfrankreich vermutlich. Die Hauptdurchzugsgebiete für Rheinland-Pfalz liegen laut Stauffer an Nahe, Ahr und Mosel, während im Korridor Worms/Westpfalz noch stattliche, in Vorder- und Südpfalz hingegen eher kleinere Durchzüge beobachtet werden. Die Ziele aber, die sind stets dieselben: der Südwesten Europas – und der Lac du Der.

Drei Dörfer im See verschwunden

Dort, in der Champagne, seien sie während ihres Aufenthalts Teil eines Ökosystems mit 200 Vogelarten, 45 Libellen-Varietäten und vielen seltenen Pflanzen, das purer Notwendigkeit und menschlichem Handeln entsprang, wie die Vogelschützer Deschatres und Gadot erzählen. Verheerende Hochwasser, die zuvor das Marne-Tal und in der Folge Paris heimgesucht hatten, sollte der 1974 fertiggestellte Stausee mit seinem Speicherraum von 350 Millionen Kubikmetern fortan verhindern. Und so, wie er schützender Rückhalt ist, sorgt er über ein Kanalsystem auch dafür, dass die Seine in der Hauptstadt selbst in langen Trockenperioden genug Wasser führt. Drei Dörfer, darunter das dem Seenamen angehängte Chantecoq, wurden dem Hochwasserschutz geopfert. Die Erinnerung bewahrt das „Village Musée du Der“. Nach anfänglichem Protest haben die meisten Bewohner der Region ihren Frieden mit dem Großprojekt gemacht. Neben der traditionellen Feld-, Weide- und Waldwirtschaft bereitete es dem Tourismus den Boden, von dem seither viele in der dünn besiedelten Gegend profitieren. Und im Herbst und im Frühjahr, da ist der Lac der „See der Kraniche“, denen im Oktober gar ein Festival-Wochenende gewidmet ist.

Vögel des Glücks

Ob man dort mit den Festivalbesuchern die Kraniche feiert, ob man wie Adolf Stauffer in der Pfalz für wenige Augenblicke ihrem Flug folgt oder ihnen wie Uwe Nielsen an den Lac de Der nachreist, um ihnen einmal auf Augenhöhe zu begegnen: Glückshormone setzen die „Vögel des Glücks“ allemal frei.

Kraniche auf einem abgeernteten Maisfeld.
Kraniche auf einem abgeernteten Maisfeld. Foto: Uwe Nielsen
Abendhimmel mit Kranichen am Lac du Der.
Abendhimmel mit Kranichen am Lac du Der. Foto: Uwe Nielsen
Spektakuläre Fotomotive ergeben sich am Lac du Der, wohin die Vögel ziehen, die über der Pfalz zu sehen sind.
Spektakuläre Fotomotive ergeben sich am Lac du Der, wohin die Vögel ziehen, die über der Pfalz zu sehen sind. Foto: Uwe Nielsen
x