Rheinland-Pfalz
Kolumne: Wo ein blinder Passagier landet, der per Schiff nach Salzburg will
Diese Geschichte beginnt mit einem Malheur, das vermutlich schon etlichen passiert ist – oder zumindest fast. Ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Ein 46-Jähriger wollte diese Woche von Koblenz, wo er geboren ist und zu Besuch war, nach Salzburg reisen. Und zwar bequem mit der Bahn. Das ist in sieben bis acht Stunden zu schaffen, sofern beim Umsteigen in Mannheim und München nichts schief geht. Doch der Mann verpasste bereits in Koblenz seinen Zug. Nun gibt es von dort nahezu stündlich eine Bahnverbindung in die österreichische Stadt. Der 46-Jährige wollte aber offenbar nicht warten. Er schlich sich deshalb in Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet, an einer Schleuse auf ein Gütermotorschiff und versteckte sich im Maschinenraum.
Ist ein blinder Passagier tatsächlich blind?
Als Stunden später alles aufflog, weil der blinde Passagier von der Schiffsbesatzung entdeckt wurde, erzählte er der Polizei sein Missgeschick mit dem verpassten Zug. Die Geschichte sei insofern glaubhaft, als er ein gültiges Ticket bei sich hatte, wie eine Polizeisprecherin sagt. Wieso er freilich davon ausging, auf dem Wasserweg besonders zügig Salzburg erreichen zu können, blieb unklar. Obendrein: Nach Österreich wäre er mit diesem Frachter gar nicht gekommen. Denn das mit Eisen beladene Güterschiff hatte Rotterdam als Zielhafen. Dass er rheinabwärts schipperte, blieb dem 46-Jährigen unten im Maschinenraum allerdings verborgen. Ein blinder Passagier ist ja in der Regel nicht wirklich blind; in diesem Fall aber sah er tatsächlich nicht, wohin die Reise ging.
Als die Besatzung den heimlichen Gast aufstöberte, war das Schiff bereits in Düsseldorf angelangt. Dort war für ihn Endstation. Auf die verständigte Wasserschutzpolizei machte der Mann „einen vernünftigen Eindruck“. Wohl auch deshalb ließen die Beamten den 46-Jährigen ziehen, der ihnen versicherte, jetzt vom Düsseldorfer Hauptbahnhof mit dem Zug nach Österreich fahren zu wollen.
Frankenthal kann so weit weg sein
Ein wenig erinnert dieser Fall an die Reise eines anderen blinden Passagiers, die in diesem Winter an einem äußerst frostigen und sehr frühen Morgen in Ludwigshafen begonnen hatte. Dort war ein 30-Jähriger gegen 3.15 Uhr auf einen im Schritttempo fahrenden Güterzug aufgesprungen. Wie er hinterher sagte, wollte er nach Frankenthal und habe in der klirrenden Kälte nicht auf den nächsten Personenzug warten wollen. Als er jedoch bemerkte, dass er ganz woanders hinrollte, rief er per Handy selbst die Polizei. Über die Notfallstelle der Bahn wurde der Güterzug schließlich gegen 5 Uhr in Kaiserslautern gestoppt. Auch in diesem Fall hatte der blinde Passagier übrigens eine gültige Fahrkarte, die natürlich nicht für den Güterzug galt.
Kommt man mit dem Schiff von Koblenz überhaupt nach Salzburg?
Bleiben im Nachhinein zwei Fragen. Warum spricht man von blinden Passagieren, wenn die doch sehen können? Sprachwissenschaftler sagen, dass „blind“ noch eine andere Bedeutung hat, nämlich „verdeckt, unsichtbar“. So gibt es zum Beispiel eine „blinde Naht“ bei einem Kleidungsstück. Oder eine „Blindverkostung“ bei der Bewertung von Weinen.
Die zweite Frage erscheint kniffliger: Wäre ein mit Eisen beladenes Schiff überhaupt von Koblenz bis nach Salzburg gekommen? „Nein“, sagt die Österreichische Wasserstraßengesellschaft (Wien). Inn und Salzach seien für Gütermotorschiffe nicht befahrbar: „Spätestens in Passau, wo der Inn in die Donau mündet, wäre Schluss.“ Von Koblenz bis Passau würde solch ein Schiff – über Rhein, Main, Main-Donau-Kanal und Donau – etwa acht Tage brauchen. Da wartet man dann doch besser auf den nächsten Zug ...