Rheinland-Pfalz Kolumne: Was Wandern im Pfälzerwald übers Altwerden verrät

91-124891350.JPG

Es ist empörend, wie schnell heutzutage Produkte veralten. Die Wissenschaft hat sogar schon einen Fachbegriff dafür: Obsoleszenz nennt sie es, wenn todschicke Kleidung ruckzuck aus der Mode kommt, der Balkon-Klappstuhl aus dem Supermarkt in seinem zweiten Sommer in Einzelteile zerfällt, die Festplatte des Computers sich pünktlich zu dessen Garantieende in ein auf ewig verschlossenes Datengrab verwandelt. Und selbst ganz altmodisch auf Papier gedruckte Wanderführer sind mittlerweile schon binnen kürzester Zeit nicht mehr so recht nutzbar. Das hat uns die Suche nach dem weißen Dreieck gelehrt, das uns vom südwestpfälzischen St. Germanshof auf die Hohe Derst und zum Steinernen Tisch führen sollte, ehe uns ein blaues Kreuz zur Ruine Guttenberg und zurück zum Startpunkt brächte. Die 18-Kilometer-Tour hatten wir einer Routensammlung entnommen, die Wolfgang Benz für den Kompass-Verlag zusammengetragen hat. Wann dieses damals brandneue Büchlein in unseren Besitz gekommen ist, hätten wir auf Anhieb nicht mehr sagen können. Aber wir wussten: Lange her sein kann es noch nicht.

Kreuze, Kringel und Balken

Also schlugen wir frohgemut den mahnenden Hinweis in den Wind, der am Anfang des Werkes steht: dass man immer noch eine detaillierte Wanderkarte beiziehen möge, auf dass man den rechten Weg auch noch finde, wenn einmal eine Markierung verschwunden sein sollte. Zwar hatten sich bei früheren Touren tatsächlich schon gelegentlich Kreuze, Kringel oder Balken unseren Blicken entzogen, aber im Grunde waren wir doch stets in etwa so durch den Pfälzerwald marschiert, wie es Wolfgang Benz und der Kompass-Verlag für uns vorsahen. Diesmal allerdings hätten wir schon während der Fahrt in die Südwestpfalz ahnen müssen, dass die Welt noch obsoleszenter geworden ist. Unser Navigationsgerät offenbarte uns, dass unsere Aussprache des Ortsnamens Sankt Germanshof veraltet sei: Die Lautsprecherstimme bestand darauf, uns nach „Sankt Törschmänshof“ zu lotsen. Um so intensiver erkundeten wir dann die Umgebung des 40-Einwohner-Weilers an der Grenze zum Elsass: Erst einmal mussten wir herausfinden, welchen der vielen hier in den Wald führenden Pfade ein weißes Dreieck ziert.

Sandsteinkante gegen Handydisplay

Eine Stunde und drei umhergeirrte Kilometer später hatten wir den Startpunkt des Wegs auf die Hohe Derst dann auch gefunden. Um so verbissener machten wir uns nun an den langgezogenen Aufstieg. Schließlich hatten wir schon eine Menge Zeit verloren. Außerdem saß uns ein bedrohlich grollendes Gewitter im Nacken. Vor dessen Schauern schützte uns schließlich der Hühnerfelsen, doch auch er erteilte uns eine Obsoleszenz-Lektion: Der zarte Kontakt mit einer seiner schroffen Sandsteinkanten ließ das Display unseres wenige Monate alten Smartphones splittern. In besserer Verfassung als die weißen Dreiecke am Rande des Weges auf die Hohe Derst ist das Gerät jetzt aber trotzdem noch. Im Nachhinein wissen wir: Diese Markierungen sind nahezu verschwunden. Und was wir im Einzelfall für ihre schütteren Reste hielten, könnte auch bloßer Flechtenbewuchs auf Baumrinde gewesen sein. Bis zum Steinernen Tisch kamen wir schlussendlich trotzdem. Und das blaue Kreuz führte uns dann auch tatsächlich zur Ruine Guttenberg. Und zurück zum Ausgangspunkt, beinahe jedenfalls: Die Tour endete mit einem ungeplanten Schlenker.

Empörend, wie schnell man veraltet

Dass wir zunächst nicht nach St. Germanshof stapften, sondern uns jenseits der deutsch-französischen Grenze im Nachbarort Weiler wiederfanden, hatten wir wohl unserer eigenen Unaufmerksamkeit an einer letzten Gabelung zuzuschreiben. Ob der Kalamitäten der ersten Tourenhälfte allerdings glaubten wir, Wolfgang Benz und dem Kompass-Verlag zürnen zu dürfen. Schließlich hatten sie uns in ihrem nahezu brandneuen Wanderführer eine Route empfohlen, deren Markierung schon seit ein paar Jahren der Obsoleszenz anheimgegeben worden ist. Schlussendlich haben wir aber noch darüber nachgedacht, wann die Tourensammlung in unseren Besitz gekommen ist. Es begab sich, als wir bei der RHEINPFALZ unser Volontariat durchliefen und als Journalisten-Lehrling eine kleine Nachricht über das frisch erschienene Werk verfassen sollten. Das Archiv verrät: Erschienen ist sie am 4. Juli 2004. Es ist empörend, wie schnell man heutzutage selbst veraltet.

x