Rheinland-Pfalz
Kolumne: Sozialdemokratische Demutsübungen
Außerhalb des Protokolls: Was Genossen in der neuen Parteizentrale zum Buckeln bringt
Jockel Fuchs, der legendäre Mainzer Oberbürgermeister, hat das ZDF in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt geholt, aber „Social Media“ war in seiner Amtszeit noch kein Thema. Die nach ihm benannte Parteizentrale der Landes-SPD in der Mainzer Klarastraße konnte als Bau mit den modernen Zeiten nicht mithalten: die Räume charmant, aber zu klein, der Flurboden mit rotem Teppich belegt, aber knarzend, und die Haustechnik? Naja! Um die alte Tante SPD auf Facebook, Twitter und Instagram modern, hip und – frei nach Kurt Beck – nah bei de Community erscheinen zu lassen, musste eine neue Bleibe her.
Neues Zuhause beim „Heile Gänsje“
Generalsekretär Daniel Stich wurde im Mainzer Proviantamt fündig. Dort haben sich schon der Koalitionspartner FDP, das Kabarettarchiv und das Fasnachtsmuseum mit Ernst Negers „Heile Gänsje“ niedergelassen. In dieser bemerkenswerten Nachbarschaft stellte Stich vergangene Woche die Räume samt technisch hoch ausgestattetem Social-Media-Studio vor.
Wo Soldaten 1867 Getreide und Schießpulver bevorratet haben, wird nun die Kampagne für die Landtagswahl 2021 ausgeheckt. Das Gebäude ist massiv. Seine dicken Wände und Rundbögen machten es so stabil, dass Bombenangriffen ihm nichts anhaben konnten. Es hat als eines der wenigen in der Mainzer Innenstadt den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Dass es den Angriffen der Landes-CDU und deren Spitzenkandidat Christian Baldauf ebenso trotzt, ist sicher eine Hoffnung des derzeit 14-köpfigen Teams, das der Spitzenkandidatin, Ministerpräsidentin Malu Dreyer, und dem SPD-Landeschef, Innenminister Roger Lewentz, zum Sieg verhelfen will.
Keine Kamera bei Schweitzer
Aber jene alten Rundbögen haben es in sich. Sie zwingen groß gewachsene Menschen, sich zu bücken, um ohne Kopfverletzungen den Raum zu wechseln. Stich interpretierte die gebeugte Haltung als Demutsübung. Der stellvertretende Landeschef Alexander Schweitzer blickte skeptisch, freute sich mit seinen 2,05 Metern aber wie Bolle, dass ihn keine Kamera unter den Bögen erwischt hat.
Jockel Fuchs hätte wohl keine Probleme gehabt. Seine Körperlänge entsprach etwa der der englischen Königin mit Hut. Ausprobiert hat er es nicht. Er führte die Queen 1978 in die Druckerwerkstatt des Gutenbergmuseums.