Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne: Eine total haarige Angelegenheit im Pfälzerwald

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KArikatur: Mercker

Warum ausgerechnet jetzt zwischen Bad Dürkheim und Kirchheimbolanden Märchenhaftes zu entdecken ist

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter“, ist wohl einer der bekanntesten Sätze aus der Märchenwelt der Gebrüder Grimm. Bekanntlich war Rapunzel das schönste Kind unter der Sonne und bekanntlich wurde es im Alter von zwölf Jahren in einen Turm ohne Treppe und Tür eingesperrt. Und wie wir weiter wissen, sprach die Zauberin, wenn sie in den Turm wollte, stets den berühmten Satz: „Rapunzel, lass dein Haar herunter!“

Das Mädchen hatte „lange prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold“, so erzählen die Grimms. Wenn die Zauberin vor dem Turm stand, band „Rapunzel ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf“.

Die Elle ist – wie sollte es auch bei einem Märchen anders sein – ein altes Längenmaß. Allerdings kein einheitliches: Am alten Rathaus in Mannheim ist die Rheinische Elle zum Maßnehmen in die Mauer eingelassen: 61 Zentimeter misst der Bronzestab. Die Länge der Bayerischen Elle betrug dagegen – gesetzlich genau festgelegt – zwei Fuß und zehneinviertel Zoll – also etwa 83,30 Zentimeter.

Nachgemessen: Flaggenturm, Warteturm, Rehbergturm

Nehmen wir deshalb der Einfachheit halber in etwa die Mitte: also 70 Zentimeter. Rapunzels Haarzopf hätte demnach die stattliche Länge von rund 14 Metern gehabt. Sapperlot! Für etliche Pfälzer Türme hätte dies locker gelangt – beispielsweise für den im Volksmund liebevoll „Kaffeemühlchen“ genannten Flaggenturm bei Bad Dürkheim (Höhe: zehn Meter), den kuriosen Warteturm bei Albisheim im idyllischen Zellertal (ebenfalls zehn Meter) oder das Schneckentürmchen in Kirchheimbolanden (11,5 Meter). Für den verwunschenen Rehbergturm bei Annweiler (14 Meter) oder den stolzen Ludwigsturm auf dem Blättersberg bei Rhodt (15 Meter) gerade noch so. Keine Chance hätte die Zauberin indes beim kantigen Eckkopfturm bei Deidesheim (25 Meter), dem Ludwigsturm auf dem Donnersberg (27 Meter) oder dem monumentalen Humbergturm bei Kaiserslautern (35,8 Meter) gehabt. Da wäre Rapunzels Riesenzopf dann doch zu kurz gewesen.

Matheaufgabe: Wie alt war Rapunzel?

Wir wollen an dieser Stelle jetzt nicht einen Wettbewerb ausrufen und fragen, welche Pfälzerin oder welcher Pfälzer die längsten Haare hat. Den Weltrekord hält angeblich die Chinesin Xie Qiuping, deren Mähne eine Länge von 5,70 Meter erreicht haben soll. Das klingt unglaublich, bleibt aber dennoch weit hinter Rapunzels Megaschopf zurück.

Wir wollen an dieser Stelle auch nicht über Mathematiklehrer reden, die ihre Schüler vor das Problem stellen, anhand von Rapunzels Haarlänge im Nachhinein das Alter des Mädchens auszurechnen. Stattdessen möchten wir auf eine zauberhafte Haarpracht aufmerksam machen, die im Winter mit etwas Glück tatsächlich in den Pfälzer Wäldern anzutreffen ist: das Haar-Eis. Bei diesem seltenen Naturphänomen geht es zwar nicht um Meter, sondern nur um Millimeter – aber die haben es in sich.

Zuckerwatte auf Totholz

Zu entdecken sind die bizarren, schneeweißen Zuckerwatte-Gebilde an morschem Totholz. Freilich nur bei ganz bestimmten und derzeit leider eher seltenen Witterungsbedingungen: „Das Wasser im abgestorbenen Holz darf noch nicht gefroren sein, die Außenluft muss jedoch unter dem Gefrierpunkt liegen. Und die Luftfeuchtigkeit muss relativ hoch sein“, sagt Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen (Bellheim).

Wie die Eishaare wachsen

Mit dem Phänomen hatte sich 1918 bereits der Meteorologe und berühmte Polarforscher Alfred Wegener beschäftigt. Auf welche Art sich das feinhaarige Eis bildet, blieb jedoch lange ein Rätsel. Erst vor vier Jahren hat eine Gruppe deutscher und Schweizer Wissenschaftler den Mechanismus genau erklären können. Ein Pilz im Baum spielt dabei eine tragende Rolle, ein abgesondertes proteinartiges Molekül wirkt quasi als Kristallisationskeim. So wachsen Eishaare aus dem Holz – nur 0,02 Millimeter dick und höchstens 100 Millimeter lang. Das ist nicht einmal ein Hundertstel von Rapunzels Turmhaar. Aber gerade deshalb märchenhaft schön!

Info

Ach so, Fotos von den längsten Haaren der Pfalz bitte an: redeswz@rheinpfalz.de

Haar-Eis
Haar-Eis Foto: Westermann/frei
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