Rheinland-Pfalz
Kolumne: Das Öko-Sammelsurium
Wenn das Weltklima zu Hause am Küchentisch für dicke Luft sorgt
Am Küchentisch wird bei uns nicht nur gut und gerne gegessen, über Schule, Job, Freunde und Freizeit gesprochen; nein, mitunter fliegen auch die Fetzen. Vor allem, wenn in den Augen der Kinder die Zukunft der Erde auf dem Spiel steht und das Weltklima zu Hause für dicke Luft sorgt. Dann wird uns Alten Inkonsequenz vorgehalten. Wie können wir weiter mit zwei Autos fahren und nur radeln, wenn es samstags auf den Markt geht? Wie können wir immer noch Tiere essen? Wie können wir es wagen, mit einer Plastiktüte nach Hause zu kommen?
In die Zukunfts-, Klima- und Nachhaltigkeitsdebatte am Tisch vermengt sich schnell alles zu einem Sammelsurium: Ernährung, Kleidung, Fortbewegung, Konsum. Und sogar das Kinderkriegen. Statt der Frage, ob man als verantwortungsvoller junger Mensch überhaupt noch Nachwuchs in diese Welt setzen kann, zu viel Bedeutung beizumessen, gehen wir Alten die Zukunft lieber in kleinen Schritten an.
Wie die Großmutter reagiert
Wir essen weniger Fleisch als früher, Biowaren stehen auf dem Einkaufszettel ganz oben. Geschenke werden in Zeitungspapier gewickelt, in Schuhkartons gesteckt oder wie letztens in Eiscafé-Papier, nachdem es Streit mit Oma über den Sinn oder Unsinn von eingepackten Eisbechern gab. Das wollte die Großmutter nicht auf sich sitzen lassen und gab dem Enkel ein Präsent in Eiscafé-pink. Zweitverwertung auf ihre Art.
Was plötzlich im Hausfluf steht
Seit Neuestem stehen in unserem Hausflur auch die ersten Sneaker aus Naturkautschuk und recyceltem Plastik. „Die Zeit“ hatte dieses Schuhwerk einmal als „korrekten Turnschuh“ bezeichnet. Das von Franzosen gegründete Unternehmen achtet nach eigenen Angaben auf Fairtrade, ökologische Rohstoffe und einen geringen Gehalt an Chemikalien. Der Firmenname bedeutet auf Portugiesisch „Schau hin“. Die Treter sind kein Schnäppchen, aber bezahlbar mit bis zu 150 Euro. Wer sie pflegt, braucht nicht jedes Jahr neue.
Wo die Äpfel herkommen
Das Richtige kaufen war noch nie einfach, jetzt scheint es noch schwieriger. Ein Beispiel: Äpfel. Mit der neuen Ernte in der Pfalz lohnt sich auch aus ökologischen Gründen regionale Ware. Die aber macht mit zunehmender Apfel-Lagerzeit inklusive saftigem Stromverbrauch immer weniger Sinn. Ab Frühjahr können aus Neuseeland nach Deutschland verschiffte Äpfel eine bessere Öko-Bilanz haben als einheimische. Der Umweltverband BUND erinnert in diesem Zusammenhang auch gern daran, dass es nicht alles rund ums Jahr gibt – weder Erdbeeren und Spargel, noch Tomaten oder Paprika – und dass auch saisonales Einkaufen für die Umwelt gut ist.
Wer die Umwelt schont
Auch Wein kaufen unter Ökoaspekten will gelernt sein. Selbst wenn noch etliche Winzer den verpönten, aber billigen Unkrautkiller Glyphosat spritzen – was vor allem im Frühjahr im Weinberg gut zu erkennen ist – stellen immer mehr Betriebe auf umweltschonenderen Anbau um. Gründe dafür gibt es viele. Für die junge Generation mag es der Anspruch sein, weniger Gift und Dünger auf Reben und Boden zu schmeißen, für die „Alten“, es noch einmal wissen zu wollen – auch Käufer wollen nicht nur einen guten Tropfen, sondern hinterfragen stärker dessen Produktion.
Nicht alle ökologisch arbeitenden Winzer sind dabei Mitglied in einem Verband oder zertifiziert. Es gibt sogar Winzer, die ein grünes Logo haben und kaum damit werben. Sie wollen mit ihrem Spitzenprodukt wahrgenommen werden und nicht als Öko-Bauer, selbst wenn „Bio“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Warum sich manche Winzer nicht grün sind
Dazu kommen unterschiedliche Zertifikate. Wer kennt schon den Unterschied zwischen EG-Bio, Ecovin, Demeter oder Fair’n Green? Letzterer ist ein wenig bekannter Verein, der sich für Nachhaltigkeit stark macht. Bundesweit gehören knapp 65 Weinbaubetriebe dazu, die Pfalz ist mit etwa 16 stark vertreten. Sie sind ausdrücklich keine biologisch arbeitenden Betriebe, aber mitunter nah an der Grenze – verbindlich ist das nicht. So mancher Fair’n-Green-Betrieb verzichtet nicht nur auf Insektizide und Glyphosat, sondern fährt mit dem Elektrobus in die Weinberge, fängt überschüssiges Spritzmittel wieder auf. Und füllt den Wein in Glasflaschen ab, die leichter sind als andere.
Alles, Dinge, die „reine“ Ökobetriebe mitunter auch tun – weshalb die unterschiedlichen Verbände nicht nur lobende Worte füreinander haben. Die Kunden sollten ihren Winzer fragen, wie er arbeitet. Ob es Greenwashing, also Schönfärberei, oder echte Anstrengungen für eine saubere Zukunft sind, kann jeder selbst beurteilen. Und zu Hause am Küchentisch weiter debattieren – ohne, dass die Fetzen fliegen.
In der Kolumne „Am Küchentisch“ schreiben Redakteure des Südwest-Ressorts über die Pfalz, ihr Familienleben und den Redaktionsalltag.