Rheinland-Pfalz Keine Spur von Nessie

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„Voller Überraschungen – die Pfalz!“ Das ist in diesem Jahr das Thema des großen Fotowettbewerbs für Leserinnen und Leser der RHEINPFALZ. Die schönsten Aufnahmen erscheinen im RHEINPFALZ-Fotokalender 2016. Die zwölf Siegerbilder werden zudem mit Geldpreisen belohnt. Unsere Begleitserie zum Fotowettbewerb zeigt Beispiele, wie und wo die Pfalz immer wieder aufs Neue überrascht. Heute: ein See, der einfach ungeheuerlich ist.

Alle Wege führen zum Ungeheuersee. Zumindest in Weisenheim am Berg. Gut drei Kilometer trennen das Weindorf von dem sagenumwobenen See. Das wildromantische Gewässer zieht vor allem am Wochenende Wanderer und Reiter magisch an, was seiner sensiblen Pflanzen- und Tierwelt nicht gerade wohl tut. Dennoch hat es der See irgendwie geschafft, sich seine stille Aura zu bewahren. Mit seinen schwimmenden Inseln, dem saftigen Grün und den Tupfen aus Licht, die die Sonne auf das bräunliche Wasser zaubert, strahlt der Ungeheuersee eine geheimnisvolle Ruhe aus. Wochentags atmet die Natur wieder auf. Wer die Uferwege entlangspaziert, teilt die Idylle und das Vogelgezwitscher dann nur mit ein paar Stockenten, den Fröschen und den summenden Insekten. Auf Nessie und andere fantastische Wesen kann man am Ungeheuersee lange warten. In dieser Hinsicht verweigert der Hochmoorteich urzeitliche Überraschungen. Seine stille Oberfläche kräuseln allenfalls ein paar Fische, Molche oder Wasserläufer. Das Wasser ist auch viel zu flach, um gefährlichen Seeschlangen oder anderen gruseligen Geschöpfen Unterschlupf zu bieten. 1599 wurde der Ungeheuersee erstmals urkundlich erwähnt, damals diente der Froschtümpel als Viehtränke. Erst später wurde der Damm weiter erhöht, so dass der kleine See entstand. Experten vermuten, dass sich sein Name aus den Worten „Unger“ für Waldweide und „Heyer“ für Gehege zusammensetzt. Im Mittelalter war der Teich wohl sumpfig und wenig einladend, so dass er den Menschen nicht ganz geheuer war. Sicher war man sich in den umliegenden Dörfern einig, dass es dort nachts nicht mit rechten Dingen zuging. Der Autor Victor Carl, der unzählige Pfälzer Sagen gesammelt hat, erzählt von Waldgeistern, die in tiefster Nacht am Ungeheuersee ihr Unwesen trieben. Wer um Mitternacht zur Geisterstunde dort vorbeikam, war verloren und wurde nie wieder gesehen. Auch eine Waldfrau soll am Ufer des Sees gehaust haben. Sie vergriff sich an vorwitzigen Kindern, die sich auf dem sumpfigen Gelände zu weit vorgewagt hatten. Eine regionale Variante des berühmten Schwarzen Manns, die den kindlichen Entdeckungsdrang in Zaum halten sollte. Der Ungeheuersee mit seinem schwankenden Wasserstand liegt malerisch in der Quellmulde des Krumbachtales im nördlichen Pfälzerwald. Gespeist wird der Hochmoorteich durch die Krumbachquelle und durch Oberflächenwasser. Wenn es lange nicht regnet, schrumpft der ovale See. Im Normalzustand ist er 150 Meter lang und 50 Meter breit. Auf seinen schwimmenden Inseln – Teile der Ufervegetation, die sich selbstständig gemacht haben – wachsen Moorpflanzen wie Torfmoose, Wollgras und der Rundblättrige Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze. Walter Lang, Herausgeber der „Flora der Pfalz“ (Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen für die Pfalz und ihre Randgebiete), hat auch die Pflanzen des Ungeheuersees kartiert. „Im Pfälzerwald mit seinen durchlässigen Buntsandsteinablagerungen gibt es kaum Gewässer dieser Art“, sagt er. Zur seltenen Vegetation des Hochmoors gehöre auch das Weiße Schnabelried. Früher gab es laut Lang auch den Kleinen Wasserschlauch, eine insektenfressende Pflanze, die nur ihre Blüte aus dem Wasser streckt. „In den letzten Jahren konnten wir sie leider nicht mehr nachweisen.“ Auch der Uferrand leide darunter, dass er von Menschen und Pferden zertreten werde. Laut Lang wächst dort nichts Besonderes mehr. Auf die schwimmenden Inseln, die unter Naturschutz stehen, darf kein Fuß gesetzt werden, sonst wird die empfindliche Hochmoorvegetation zerstört. Was nicht in den Ungeheuersee gehört, sind übrigens die Teichrosen. „Sie sehen zwar schön aus, wurden aber von Hand in den See gesetzt“, sagt Walter Lang. Heidelibellen und verschiedene Mosaikjungfern finden ebenfalls ideale Lebensbedingungen. Oliver Röller, Biologe und Pollichia-Geschäftsführer, beobachtet in Ufernähe häufig Zwergtaucher. Der in der Pfalz eher seltene Brutvogel taucht nach kleinen Insekten und baut zwischen Schilf und Röhricht sein schwimmendes Nest. Auf den kleinen Moorinseln sind Röller Sumpfschrecken aufgefallen, eine Heuschreckenart, die sich auf nassen Wiesen wohlfühlt. Mystisch wird es an manchen Sonntagabenden. Einheimische munkeln, dass im Sommer wundersame Dinge im Wald geschehen können. Wie aus heiterem Himmel läuten dann Glocken im Ungeheuersee Angeblich versenkten die Weisenheimer im Dreißigjährigen Krieg ihre wertvollen Kirchenglocken im See, um sie vor den plündernden Soldatenhorden zu retten. Wo sie genau versteckt wurden, hielt der Pfarrer im Kirchenbuch fest. Das Dorf und die Kirche gingen jedoch in Flammen auf. Als endlich Frieden herrschte, wusste niemand mehr, wo die Glocken lagen. Auch die Mönche des Klosters Höningen sollen ihre Silberglöckchen dem Wasser anvertraut haben. Welche der vor einer halben Ewigkeit versunkenen Glocken an den stillen Sommerabenden ertönen, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

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