Rheinland-Pfalz
Interview: Welche Ursachen hat Magersucht?
Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten gibt es laut Robert-Koch-Institut bei rund 30 Prozent der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren und bei etwa 17 Prozent der Jungen. Etwa die Hälfte der Essstörungen kann geheilt werden. Bei Jugendlichen ist die Heilungsrate deutlich höher. Mit Susanne Lieb, der stellvertretenden Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sprach Petra Depper-Koch über Erfahrungswerte am Pfalzklinikum Klingenmünster.
Frau Dr. Lieb, wie schlimm ist es, wenn Teenager unter Essstörungen leiden?
Eine Essstörung ist bei Teenagern oft eine vorübergehende Phase. Essen, Nichtessen, Erbrechen wirken sich kurzfristig emotional positiv aus. Die Jugendlichen fühlen sich anschließend nicht nur leichter, sondern auch stärker. Das ist ein Grund, warum Essstörungen so häufig sind.
Welche Ursachen können Essstörungen wie die Magersucht haben?
Der Selbstwert wird oft am Gewicht festgemacht. Äußerlichkeiten wie das passende Outfit sind dann unglaublich wichtig, und das Essen gewinnt eine übermäßige Bedeutung. Die betroffenen Mädchen oder Jungen unterwerfen sich strengen Regeln, die sie sich selbst gegeben haben. Sie kontrollieren ganz genau, was und wie viel sie essen.
Nimmt die Anzahl der Fälle zu?
Nein. Ärzte und Therapeuten bei uns in der Klinik haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Anzahl der betroffenen Mädchen relativ konstant ist, dass sie aber immer früher magersüchtig werden. Die Essstörung zeigt sich oft schon im Alter von zwölf oder 13 Jahren.
Welche Alarmzeichen sollten Eltern stutzig machen?
Auffällig sind häufiges Wiegen und Kalorienzählen, die ständige Sorge um das Gewicht oder die Suche im Internet nach Informationen zur Gewichtabnahme. Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten geben auch der Verzicht auf Schwimmbadbesuche, das Auslassen von Mahlzeiten oder übermäßiges Sporttraining. Auch der Umstieg auf veganes Essen kann ein Signal sein. Sich gesund zu ernähren, auf Fleisch und Süßigkeiten zu verzichten, ist einerseits gut, andererseits kann sich aber eine Essstörung dahinter verbergen.
Welche Kliniken kümmern sich um Essstörungen bei Jugendlichen?
Zuständig ist jede Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein spezialisiertes Konzept gibt es in Klingenmünster, Mainz und Idar-Oberstein. Dies ist wichtig, damit sich die Mädchen und Jungen auch verstanden fühlen. Zum Konzept gehören neben der Essensbegleitung die Körpertherapie und kreative Angebote wie Musik und Malerei. Wir gehen auf das Krankheitsbild ein, arbeiten mit den Eltern und anderen Familienmitgliedern.
Was kann gegen die Krankheit unternommen werden?
Zunächst werden ambulante Erstgespräche geführt, um die Motivation aufzubauen, etwas gegen die Essstörung zu tun. Dabei wird überprüft, ob die Patienten dies ambulant schaffen können oder ob ein Klinikaufenthalt nötig ist. Dabei arbeiten wir eng mit niedergelassenen Psychotherapeuten in der Umgebung zusammen.
Wie ist die Pfalz bei den Therapeuten aufgestellt?
Die flächendeckende Versorgung mit Psychotherapeuten hat sich verbessert. Auch das Pfalzklinikum Klingenmünster ist regional gut vernetzt und hat seine Angebote geöffnet. Ambulant betreute Mädchen können beispielsweise unsere Körperwahrnehmungsgruppe besuchen. Unsere Angebote werden wir weiter ausbauen.
Wann wird ein Klinikaufenthalt notwendig?
Ambulant geht immer vor stationär. Wenn allerdings der körperliche Zustand schlecht ist, weil ein Mädchen nichts mehr isst, kann es sehr schnell in der Klinik aufgenommen werden. An die stationäre Therapie schließt sich aber stets eine langfristige ambulante Psychotherapie an. Ein bis zwei Jahre sind hier die Regel.
Manche Mädchen kämpfen jahrelang mit ihrer Anorexie. Wie gehen Sie bei der Therapie vor?
Ziel ist zunächst einmal, dass die Betroffenen wieder zur Schule gehen können, dass sie sich wieder ins Leben integrieren. Dafür stehen die Chancen gut. In Stresssituationen besteht aber immer die Gefahr eines Rückfalls. Der Freund macht Schluss, und plötzlich ist die Krankheit wieder da. Als Lösung scheint das Gehirn die Idee anzubieten, man könnte ja mal wieder abnehmen.
Wie wird aus einer Diät Magersucht?
Nachdem die ersten Kilos verschwunden sind, löst das Abnehmen eine Abwärtsspirale aus, die sich verselbstständigt und mühsam bekämpft werden muss.
Warum ist der Heilungsprozess so langwierig?
Die Patientinnen sind oft sehr jung. Sie müssen dann eine Therapie machen, und das Essen wieder erlernen, was in den unterstützenden Strukturen der Klinik ganz gut klappt. Viel schwerer ist dies, wenn sie in ihr Umfeld zurückkehren und dort die positiven Seiten der Erkrankung wieder mehr erleben.
Welche Rolle spielt die Familie?
Je besser die Arbeit mit den Familien, desto günstiger ist die Prognose. Eine Seite der Patienten erkennt, was los ist. Die andere kann das Verhaltensmuster nicht aufgeben. Diesen Zwiespalt muss man sehen und begleiten. Generell gilt, dass die Familie nicht schuld ist. Der Umgang mit essgestörten Jugendlichen ist schwierig und belastend. Das ist kein normaler pubertärer Konflikt. Wir raten Eltern, sich selbst so früh wie möglich psychologische Unterstützung zu holen. Wenn Eltern auch für sich selbst sorgen, entlastet das die Jugendlichen.
Die Ursachen für Essstörungen sind vielfältig. Welche Faktoren können mit ausschlaggebend sein?
Neben der Magersucht gibt es die Bulimie und viele Mischformen mit vielfältigen Ursachen. Unserer Erfahrung nach gibt es Hochrisikogruppen. Wer Sportarten wie Turnen, Ballett, Tanzen oder Laufen betreibt, ist genauso gefährdet wie Mädchen, die auf dem Laufsteg unterwegs sind. Das Schlankheitsideal spielt ebenfalls eine Rolle: Dünne sind demnach schöner und erfolgreicher als Menschen mit Übergewicht. Es gibt aber auch genetische Hinweise, individuelle Faktoren und Entwicklungsprozesse im Gehirn. Offenbar hilft die Essstörung über bestimmte Schwierigkeiten hinweg.
Wie meinen Sie das?
Magersüchtige Teenager haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl. Sie glauben, dass sie mehr Freunde hätten, wenn sie weniger wiegen würden. Manche der betroffenen Mädchen engagieren sich stark für andere, schauen aber nur sehr selten auf sich. Interview: Petra Depper-Koch
Info
Informationen unter KJP-Essstoerung@pfalzklinikum.de Ansprechpartnerinnen: Leitende Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Beate Reinders (beate.reinders@pfalzklinikum.de) und Dr. Susanne Lieb ( susanne.lieb@pfalzklinikum.de )