Rheinland-Pfalz
Interview: Hindern Computer im Unterricht die Schüler am Denken?
Die rheinland-pfälzische Philologen-Vorsitzende Cornelia Schwartz über Digitalisierung im Gymnasium und die Vorzüge des Geschichtsunterrichts
Für Lehrkräfte sei Schule anstrengender geworden, sagt Cornelia Schwartz. Die Lehrerin für Mathematik und Englisch ist im November einstimmig im Amt der Landesvorsitzenden des Philologenverbands bestätigt worden. Die Berufsvertretung der Gymnasiallehrer warnt vor übertriebenem Einsatz von Computern im Unterricht und beklagt wachsenden Stress in den Schulen. Unser Redakteur Arno Becker hat mit Cornelia Schwartz gesprochen.
Vor wenigen Tagen sind Sie mit 100 Prozent der Stimmen in ihrem Amt als Vorsitzende bestätigt worden. Was machen Sie richtig?
Unsere Mitglieder merken, dass wir sie als Vorstand ernst nehmen und ihre Interessen auch bei starkem Gegenwind konsequent vertreten. Neulich ist sogar eine pensionierte Kollegin dem Verband beigetreten. Das ist nicht selbstverständlich.
Wo kämpfen Sie trotz Gegenwindes? Ein Beispiel?
Die Digitalisierung. An diesem Thema scheiden sich die Geister. Wir setzen uns für eine Digitalisierung mit Augenmaß ein und nicht für die flächendeckende Ausstattung mit Computern in jedem Klassenzimmer und für jeden Schüler.
Gibt es inzwischen genug Computer und Tablets in den Gymnasien oder besteht noch Nachholbedarf?
Wir haben inzwischen sehr viele Geräte, aber die Ausstattung ist von Klassensaal zu Klassensaal sehr verschieden. Außerdem sind die Rechner zum Teil veraltet. Es wird leider oft vergessen, dass die Technik meist nach zwei oder drei Jahren ersetzt werden muss.
Bund und Länder unternehmen gemeinsam Anstrengungen, Deutschlands Schulen digital aufzurüsten. Wird das weiterhelfen?
Eines wird bei diesem sogenannten Digitalpakt leider nicht bedacht: Alle vorhandenen Geräte müssen auch gewartet werden. Wir fordern pro 200 digitale Geräte eine dafür angestellte Fachkraft – und zwar vor Ort in den Schulen.
Können das die Lehrer nicht selbst machen?
Nein, das geht nicht und wird ja weder in der BASF noch in einem anderen Unternehmen von den Mitarbeitern erwartet. Und auch im Bildungsministerium gibt es Fachleute, die Computer zum Laufen bringen und warten.
Wie kommen Sie auf die Relation eine Fachkraft je 200 Geräte?
Im Ministerium arbeitet pro 250 digitale Endgeräte eine IT-Kraft. Wir gehen davon aus, dass in den Schulen der Reparaturbedarf etwas höher ist, weil zum Beispiel Schüler hin und wieder gerne eine Leitungsverbindung manipulieren. Auch die Folgen dieser kleinen Sabotageakte müssen gefunden und beseitigt werden.
Ausstattung und Wartung ist das eine, der Einsatz von digitaler Technik im Unterricht ist das andere. Läuft da schon alles rund?
Es gibt noch viel Klärungsbedarf. Strittig ist zum Beispiel die Frage, wann im Unterricht Computer eingesetzt werden sollten. In Mathematik zum Beispiel ist es sinnvoll, zunächst einmal den Schüler überlegen, statt den Computer rechnen zu lassen. Überlassen wir dem Computer zu früh das Denken, verfehlt Schule ihr eigentliches Ziel, nämlich den jungen Leuten das Denken beizubringen.
Aber den richtigen Umgang mit Computern wollen Sie schon lehren?
Ja, natürlich. Dazu gehören zum Beispiel der Umgang mit grundlegenden Büro-Programmen, aber auch die Grundbegriffe der Informatik und der kritische Umgang mit Informationsquellen oder sozialen Medien.
Sind die Lehrer schon ausreichend qualifiziert?
Sehr viele sind fit, aber es besteht natürlich auch noch Nachholbedarf. Außerdem brauchen wir mehr Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts. Weitere Fortbildungen brauchen wir zum Beispiel noch in Fragen des Urheberrechts. Bei diesem Thema muss den Schülern viel mehr mitgegeben werden als bisher.
Es wird häufig geklagt, die Belastungen für Lehrkräfte seien größer geworden. Gilt das auch fürs Gymnasium?
Ja, auch bei uns ist die Zusammensetzung der Klassen heterogener geworden und wir haben Kinder mit Beeinträchtigungen, sogenannte Inklusionskinder mit in den Schulen. Das bedeutet dann: Für dieselbe Stunde muss der Unterricht in verschiedenen Varianten vorbereitet werden. Außerdem kommen die Kinder anders zu uns ins Gymnasium als früher.
Wie meinen Sie das?
Ein Beispiel: Früher war Schulreife als Erziehungsziel der Kita vorgegeben. Die Kinder sollten eine gewisse Selbstständigkeit erreichen, also sich konzentrieren, sich alleine beschäftigen oder alleine aufs Klo gehen können. Inzwischen sind diese Aufgaben teilweise in die Grundschule übergeschwappt. Das ist nicht zielführend.
Aber wer aufs Gymnasium kommt, kann doch alleine aufs Klo gehen?
Ja, natürlich, aber es gibt vereinzelt Fünftklässler, die sich im Schullandheim nachts noch einnässen.
Zurück zum Schulalltag ...
Wir merken, dass in der Grundschule viel Zeit für Dinge verwendet wird, die früher als selbstverständlich vorausgesetzt werden konnten, und weniger Zeit für die Kernaufgaben der Grundschule bleibt. Und diese Aufgaben, wie etwa die Rechtschreibung, müssen wir dann an den weiterführenden Schulen nachholen – dabei hätten wir eigentlich andere Aufgaben. So setzt sich das fort. Und auch außerhalb des Unterrichts ist die Arbeit mehr geworden: Es gibt zum Beispiel Schnuppertage, mehr Fahrten und Exkursionen, intensivere Zusammenarbeit mit Grundschulen und Unis, viel mehr Konferenzen als früher, deutlich mehr Elternarbeit.
Sind die Schüler, anstrengender als früher?
Ja, es gibt mehr Schüler mit Problemen, zum Beispiel gesundheitlicher oder psychischer Art.
Und die Eltern?
Die fragen mehr nach als früher. Manchen fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihre Kinder nicht auf allen Feldern eine gleich hohe Begabung haben. Die Politik verspricht, jedes Kind könne Abitur machen. Dieses Versprechen können wir auf Dauer nicht erfüllen.
Das Ministerium will mehr Sozialkundeunterricht einplanen, nicht zuletzt um junge Leute besser gegen verfassungsfeindliche Bestrebungen zu wappnen. Warum haben Sie Bedenken?
Wir befürchten, dass dafür bei Geschichte und Erdkunde Unterrichtszeit gestrichen wird. Das wäre falsch. Immunisierung gegen rechts sollte über eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgen. Und das geschieht am besten im Geschichtsunterricht.