Rheinland-Pfalz Im Nachhinein: Faszinierende Naturschönheiten
Wie Rebblüten in Erstaunen versetzen sowie spezielle Geschmacks- und Dufterlebnisse bereiten können
Ein Glück, dass sie so winzig und unscheinbar sind – und nicht wie die beliebten Frühlingsboten an Mandelbäumen schon von Weitem die Blicke auf sich ziehen: Wäre dies so, würden die Blüten der Reben vermutlich ebenfalls Menschenmassen anlocken. Nicht auszudenken, wie viele Betrachter da vielleicht durch die Pfälzer Weinberge stapfen würden – und welche Schäden dabei durch Unachtsamkeit entstehen könnten. So aber stiefeln die meisten Spaziergänger, die nicht mit dem Weinbau vertraut sind, wohl vorbei, ohne die zierlichen weiß-gelblichen Blütchen überhaupt zu bemerken. Darauf angesprochen, wird vielleicht auch manchem Pfalz-Besucher, der dieser Tage in der Wingertlandschaft unterwegs war, erst im Nachhinein bewusst, etwas verpasst zu haben. Um zu erkennen, dass die Reben blühen, müssen dafür ungeübte Augen schon sehr genau hinschauen. Und für Selfie-Knipser dürfte es einige Verrenkungen erfordern, wenn sie sich mit solchen „Naturschönheiten“ neben der Backe ablichten wollen. Zu empfehlen wäre dabei überdies, die schmückenden Elemente mittels einer Lupe in den Fokus zu nehmen. Denn die filigranen Traubenblütchen sind kleiner als Stecknadelköpfe. Mancher erschnuppert sie daher vielleicht eher. Wenn der Großteil der Gescheine – wie die noch ungeöffneten Fruchtstände der Reben heißen – sich entfaltet hat, liegt ein zarter Duft in der Luft. Den Sensorikfachmann Professor Ulrich Fischer vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz erinnert er unter anderem an Süßliches wie Akazien- oder Orangenblüte und Marzipan. Da er individuell aber recht unterschiedlich empfunden wird, wollen wir selbst uns hier lieber zurückhalten mit der Wiedergabe der eigenen Eindrücke. Bis auf einen: den Hauch von Waldmeister. Von dem ist oft auch bei Beschreibungen der Geschmacksnoten eines in Vergessenheit geratenen Spezialgetränks die Rede: der Trauben- oder Rebblütenbowle. Der Ungsteiner Weinexperte Fritz Schumann kennt dafür folgendes Rezept: Drei bis vier voll aufgeblühte Gescheine in einem Liter Wein ziehen lassen. Am besten nur etwa drei Stunden – sonst könnten die Stiele Gerb- und andere unerwünschte Stoffe abgeben, die etwa für einen zu „grasigen“ Beigeschmack sorgen. Den Bowleansatz dann mit Sekt oder – für weniger Alkoholgehalt – mit spritzigem Mineralwasser auffüllen. Der Fachmann rät dabei, als stillen ebenso wie als schäumenden Wein einen zu verwenden, der „nicht so vorherrschend im Aroma ist“ – also keine Bukettsorte wie Gewürztraminer oder Muskateller. Sollte sich nun jemand zum Ausprobieren animiert sehen, sei betont: Wir möchten keineswegs dazu ermuntern, sich die blühenden Zutaten für solch einen Saisontrunk irgendwo aus einem Wingert zu stibitzen. Davor ist im Gegenteil nachdrücklich zu warnen – nicht nur, weil`s unerlaubt ist. Sondern auch, weil die allermeisten Anlagen in dieser Zeit frisch gespritzt sein dürften. Am besten nimmt man ohnehin Rispen von unbehandelten Hausreben. Und grundsätzlich auf jeden Fall nur sehr wenige: Denn zu viel des darin enthaltenen Cumarins kann – wie bei Waldmeisterbowle – Kopfweh auslösen. Kaum erhältlich sind mit Traubenblüten bereitete Spezialitäten als fertige Produkte aus dieser Region. Zwar haben ein paar südpfälzische Winzerbetriebe schon mal Secco, ein Destillat oder Likör damit hergestellt, so etwas aber zumindest derzeit nicht mehr im Angebot. Gänzlich vergebens fragt man übrigens nach einem Pfälzer Rebblüten-Parfum. Obwohl das doch wenigstens ein netter Marketing-Gag sein könnte. Frauen, die denken, sie könnten den Mann ihres Herzens möglicherweise mit einem solchen vom Bukett seiner Lieblingsrebsorte dominierten Odeur betören, müsste man indes leider enttäuschen. Denn wie uns Professor Fischer erklärte, hat der dezente Geruch der Rebblüten keine Ähnlichkeit mit dem später entstehenden Wein. Dessen Aromen bilden sich erst in den Trauben und bei der Vergärung. Verführerischer wirken könnten daher vielleicht eher ein paar hinterm Ohr aufgetragene Tropfen eines vollreifen Rieslings ... | MARTINA RÖBEL