Rheinland-Pfalz
Im Drogenwahn
Nach mehr als zwei Jahren vor Gericht hat der Angeklagte im Frankenthaler Babymord-Prozess zum ersten Mal selbst beschrieben, wie er seine Tochter Senna in den Tod stürzen ließ. Er beteuert: Es war keine Absicht. Allerdings räumt er auch ein: Es lässt sich nur schwer verstehen, was ihn im Kokainrausch trieb.
Er greift in die Wiege, um das Baby herauszunehmen. Doch seine zwei Monate alte Tochter scheint ihm in dieser Mainacht des Jahres 2016 wie von selbst emporzuschweben. Er muss die Hände bis über den Kopf heben, um die kleine Senna zu fassen und an seine Brust zu drücken: So beschreibt der inzwischen 34-Jährige nun seine Erinnerung im Frankenthaler Prozess. Schon seit mehr als zwei Jahren steht er vor Gericht, weil er Senna Minuten später vom Balkon in den Tod fallen ließ. Und weil er kurz zuvor mit dem Messer auf seine damalige Lebensgefährtin losgegangen war. Weil er dann einen Kumpel verletzt hatte, der gerade zu Besuch war und dazwischenging. Und weil sich seine Klinge später auch noch in den Bauch einer älteren Tochter aus einer früheren Beziehung bohrte, dieses Kind konnte nur dank einer Notoperation gerettet werden. Doch entscheidend für die Strafe des Angeklagten wird der Sturz des Säuglings sein. Die Staatsanwaltschaft hat den Vater als Mörder des eigenen Babys angeklagt. Sie stützt sich dabei vor allem auf Sennas Mutter, die ihren Ex-Partner als eifersüchtigen Tyrannen beschreibt. Und auf seinen einstigen Kumpel, der sagt: Er sah, wie der Angeklagte Senna in hohem Bogen und mit voller Absicht vom Balkon schleuderte. Doch Alexander Klein, der Verteidiger des Frankenthalers, hat immer wieder Zweifel an vielleicht entscheidenden Details in den Beschreibungen dieser beiden Zeugen gesät. Seinen Mandanten allerdings ließ er trotzdem lieber schweigen. Nun aber ist für den Juristen der Zeitpunkt gekommen, um den 34-Jährigen doch noch selbst reden zu lassen. Der knetet sich nervös die Finger, ehe er mit brüchiger Stimme stammelt, wie leid ihm alles tut. Und dass er gar nicht weiß, wie andere verstehen sollen, was damals in seinem Kopf passiert ist. Sein Bericht setzt schließlich eine knappe Woche vor der verhängnisvollen Nacht ein. Da fährt er mit seiner Lebensgefährtin nach Frankfurt, um für 900 Euro Kokain zu erwerben: Einen Teil will er sich selbst gönnen, den Rest gewinnbringend weiterverkaufen. Doch stattdessen, so erzählt er nun, verbringt er die folgenden Tage im Dauerrausch. Und weitgehend ohne Schlaf. Bis er sich am Freitagabend in einen Verfolgungswahn hineinsteigert. Mal argwöhnt er, dass sein Kumpel und seine Partnerin hinterrücks über ihn tuscheln. Dann glaubt er, sie hätten seiner älteren Tochter Drogen gegeben. Und bedeutungsschwangere Blicke seines Besuchers scheinen ihm zu verraten, dass seine Wohnung wegen des Rauschgifts gerade von einem Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei umstellt wird, während Scharfschützen schon durch die Fenster auf ihn zielen. Er hat auch eine Idee, wer ihm diese eingebildete Streitmacht auf den Hals gehetzt haben muss: seine Lebensgefährtin, die da schon mit den Kindern im Schlafzimmer liegt. Also stürmt er hinüber, will sie zur Rede stellen. Und greift nach dem Messer, das dort in einer Schublade liegt. Dass er die Frau und gleich darauf auch den aus dem Wohnzimmer herbeigeeilten Kumpel damit verletzt hat, will er erst nachträglich von der Justiz erfahren haben. So wie ihm angeblich entgangen ist, dass er später mit der Klinge auch noch den Bauch seiner älteren Tochter aufgeschlitzt hat. Jetzt mutmaßt der 34-Jährige: Das muss passiert sein, als er, das Messer noch in der Hand, das Mädchen an sich drückte und zusammenzuckte, weil die inzwischen tatsächlich herbeigeeilte Polizei seine Wohnungstür auframmte. Für die Minuten vorher kann er auch nur Erinnerungsfetzen zusammenkramen, in denen Wahn-Ideen wie Lichtblitze und eine auf dem Balkon lauernde SEK-Polizistin auftauchen. Die Richter werden nun prüfen müssen, inwieweit das zu den Geräuschen und Schreien passt, die aus dem Schlaf geschreckte Nachbarn mit dem Handy aufzeichneten. Außerdem soll nächste Woche ein Psychiater den Juristen erklären, ob Kokain dem Angeklagten derart das Gehirn vernebelt haben kann. Glaubt man dem 34-Jährigen, dann wollte er Senna nicht töten, sondern retten. Die entscheidenden Sekunden beschreibt er so: Nach dem Gerangel mit seinem Kumpel sieht er in dessen Hand eine Klinge aufblitzen. Er glaubt, der Besucher wolle dem Baby etwas antun. Also holt er seine vermeintlich emporschwebende Tochter aus der Wiege. Stürzt mit ihr auf den Balkon. Stößt gegen das Geländer. Sieht sich selbst in die Tiefe stürzen. Doch dann entdeckt er, dass seine linke Hand auf der Brüstung liegt. Es ist die, in der er eben noch das Baby hielt. Der Angeklagte sagt: Seiner Erinnerung nach hat ihn Senna noch angeschaut. Und gelacht.