Rheinland-Pfalz „Gute Sache für die Patienten“

Mark Peters kontrolliert einen Hygienespender.
Mark Peters kontrolliert einen Hygienespender.

In diesem Frühjahr grassierte in Rheinland-Pfalz die Grippe. Laut Landesuntersuchungsamt handelte es sich um die schlimmste Grippewelle seit Einführung der Meldepflicht. Gesundheitsexperten rechnen damit, dass die bevorstehende Grippesaison noch heftiger ausfallen wird. Der Heidelberger Hygiene-Fachmann Mark Peters appelliert daher an Arztpraxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen, sich im Kampf gegen Viren und Keime stärker zu engagieren.

Herr Peters, Sie stehen in engem Kontakt mit den Gesundheitsämtern und beraten bundesweit Arztpraxen beim Thema Hygiene. Glauben Sie auch, dass uns eine schwere Grippewelle bevorsteht?

Ja. Leider sprechen viele Anzeichen dafür. Es lässt sich zwar nicht beweisen, aber es könnte schlimm werden. Woraus schließen Sie das? Aus Gesprächen mit Ärzten und Pflegekräften in ganz Deutschland, aus Diskussionen mit Freunden und anderen kleinen Hinweisen. Auffällig ist, dass verschiedene Viren verstärkt im Umlauf sind, und dass sie hartnäckig sind. Pflegekräften, die Hausbesuche machen, ist aufgefallen, dass ihre Patienten anfälliger sind, und sie selbst auch. Schon im September waren viele Leute schwer erkältet, was sehr früh war. In Köln traf es so viele Busfahrer, dass es zu massiven Ausfällen kam. Solche Fälle gab es 2016 auch, aber erst viel später. Haben Sie weitere Indizien? Es gibt viele neue Arten von Infektionen. Auch die Flüchtlinge bringen neue Viren und Keime mit. Die Tuberkulose ist wieder da, die Masern kommen zurück. Die Fachleute haben alle Hände voll zu tun, schaffen es kaum, sich mit allen Auffälligkeiten zu befassen. Magen-Darm-Infektionen und andere Krankheiten werden in die Praxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen hineingetragen. Was lässt sich dagegen tun? Positiv ist, dass sich immer mehr Ärzte am Heidelberger Hygiene-Rating beteiligen. Bundesweit sind es schon 3500 Ärzte. Täglich kommen vier neue Praxen hinzu. Seit wann gibt es diese freiwillige Hygiene-Kontrolle, und was soll damit erreicht werden? Ins Leben gerufen wurde das Ganze vor fünf Jahren. Für die Patienten ist es eine gute Sache. Gemeinsam mit den Gesundheitsämtern wollen wir erreichen, dass alle medizinischen Einrichtungen die gesetzlich vorgeschriebenen Hygiene-Standards einhalten. Wir bieten Schulungen und motivieren die Mitarbeiter, sich an die Vorschriften zu halten. Manchmal fehlt einfach das Wissen, worauf es bei der Hygiene ankommt. Worauf kommt es denn an? Das größte Problem ist immer noch die Hand-Hygiene. Dabei ist die Desinfektion so wichtig. Wir raten, auf den höflichen deutschen Händedruck bei der Begrüßung zu verzichten und die Hände vor dem ersten Kontakt mit dem Patienten zu desinfizieren. Das kann doch nicht so schwer sein. Oh doch. Zum einen lassen viele Ärzte das Desinfektionsmittel nicht lange genug einwirken. Dabei können sie ja schon mit dem Patienten über seine Beschwerden reden, während die Zeit läuft. Viele Arzthelferinnen tragen Ringe, Armbanduhren und Nagellack. Flächen, auf denen sich Keime pudelwohl fühlen. Wenn wir die Praxen ein Jahr lang begleiten, können wir gravierende Verbesserungen feststellen. Fällt Ihnen noch etwas ein, was sich leicht verbessern lässt? Ja. Man muss sich nur die Blutabnahme ansehen. Die Arzthelferinnen und Krankenschwestern desinfizieren die Haut, bevor sie mit der Nadel hineinstechen. Das ist wichtig, weil sich gut zwei Kilogramm Keime auf dem Körper befinden. Das Desinfektionsmittel muss aber zehn bis 15 Sekunden einwirken. Sonst werden Keime mit der Nadel direkt ins Blut übertragen. Viele Mitarbeiterinnen stechen aber gleich zu. Mit hohem Risiko für die Patienten. Das muss sich ändern. Wissen Sie, wie viele Ärzte aus Rheinland-Pfalz sich am Heidelberger Hygiene-Rating beteiligen? Bislang sind es ungefähr 100. Wie können Patienten herausfinden, welche Praxen hygienisch besonders gewissenhaft arbeiten? Wer sich dafür interessiert, findet im Internet unter www.hygienezertifizierung.de eine Deutschlandkarte, auf der die Praxen verzeichnet sind. Die Ärzte müssen zustimmen, bevor ihre Namen veröffentlicht werden. Vor der Grippe schützt auch die Handhygiene. Was kann in den Arztpraxen sonst noch unternommen werden? Jeder kann sich vorbeugend gegen Grippe impfen lassen. Außerdem haben viele Arztpraxen ein zweites Wartezimmer für besonders ansteckende Fälle. Stark hustende und verschnupfte Patienten werden dorthin geschickt. | INTERVIEW: PETRA DEPPER-KOCH

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