Rheinland-Pfalz Fliegender Wechsel im Storchenzentrum
«BORNHEIM.» Die Zeit im Bornheimer Storchenzentrum verging für Christiane Hilsendegen gewissermaßen wie im Flug: Die Lehrerin aus dem südpfälzischen Ottersheim hat in den vergangenen elfeinhalb Jahren diese Bildungsstätte aufgebaut und zum Erfolg geführt. Mit dem Monatsende wechselt die Biologin in die Altersteilzeit, ab Februar tritt Jessica Lehmann in ihre Fußstapfen.
„Es war mein Traumjob, wenn auch manchmal etwas stressig“, schwärmt Christiane Hilsendegen. Durfte sie doch den Aufbau des von der Aktion Pfalzstorch und der Gemeinde getragenen Storchenzentrums von Anfang an mitgestalten. Und als Krönung konnte sie im April letzten Jahres mit dem dritten Themenbereich, der dem „Mythos Storch“ gewidmet ist, die Dauerausstellung vollenden. Wahr ist freilich auch, dass der Anfang im Storchenzentrum Pioniergeist erforderte: Gab es doch als Anfangsausstattung nur eine Küche, sechs Tische und einige Dutzend Stühle. Die Aktion Pfalzstorch ist zwar ein Verein mit mehr als 200 engagierten Mitgliedern. Aber der Aufbau einer attraktiven Ausstellung kostet auch eine Stange Geld, die ein solcher Verein kaum allein aufzubringen vermag. Durch ihre Arbeit konnte Hilsendegen überzeugen, begeistern und Sponsoren gewinnen. Längst darf sich die südpfälzische Institution denn auch „Rheinland-pfälzisches Storchenzentrum“ nennen, gab es Geldspritzen von der Stiftung Natur und Umwelt sowie von der Mainzer Landesregierung. Mehr als 41.000 Kinder, Jugendliche und wissbegierig gebliebene Erwachsene haben inzwischen das Informations-, Umweltbildungs- und Dokumentationszentrum mit dem bei Störchen begehrten Nest vor der Haustür besucht. Sie konnten sich dort informieren, auf was Adebar so „fliegt“: Was erwarten Störche, damit sie immer wieder gegen Ende des Winters zurückkehren, um Nachwuchs auszubrüten? Die Erfolge der Bemühungen insbesondere der Aktion Pfalzstorch um die Rückkehr des seit Mitte der 70er Jahre in der Pfalz komplett verschwundenen Weißstorchs können sich sehen lassen: Über 700 Storchenküken schlüpften im vergangenen Jahr in der Pfalz und in Rheinhessen. Sie wurden von mehr als 300 Brutpaaren aufgepäppelt. Allein in Bornheim klappert es alljährlich zum Ende des Winters fleißig auf mehr als 20 Nestern, können die stattlichen Vögel bei ihrem eleganten und scheinbar mühelosen Flug dicht über den Hausdächern bestaunt werden. Damit wurde das Dorf bei Landau auch für Touristen attraktiv: Inzwischen dürften rund 20.000 Ausflügler ins Storchenzentrum gepilgert sein, schätzt Hilsendegen. An einen ihrer jüngsten Besucher erinnert sie sich mit einem Schmunzeln: Ein Vierjähriger hatte sich über eine Stunde in die Ausstellung vertieft. Als ihn die Mama dann mahnte, dass es nun Zeit zum Heimgehen wäre, antwortete der Steppke bestimmt: „Ab jetzt kommen wir aber immer montags und mittwochs hierher zum Spielen.“ Nicht missen möchte die Pädagogin die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Radolfzell: Seit 2015 stattet dessen Mitarbeiter Wolfgang Fiedler Pfälzer Adebare mit Sendern aus, um deren Flugrouten und -verhalten zu studieren. Mit erstaunlichen Ergebnissen: Während die einen kaum über den heimischen Kirchturm hinauskommen, flattern andere bis ins westafrikanische Nigeria. Einer tanzte gar völlig aus der Reihe: Statt nach den „Winterferien“ in die Pfalz heimzukehren, wählte er den Norden Dänemarks als Ziel. „Störche“, hat die Biologin gelernt, „sind immer für eine Überraschung gut.“ Diese Reisen, die im August beginnen, kann übrigens jeder über die Animal-Tracker-App kostenlos mitverfolgen. Ganze Schulklassen begeisterten sich für diese Möglichkeit, gaben „ihren“ Störchen fantasievolle Namen. Und manchmal musste Christiane Hilsendegen auch Trost spenden, wenn schlechte Nachrichten aus dem Süden eintrafen: All zu oft verenden die Tiere nämlich an Stromleitungen. Jetzt, da die Störche bald wieder in Scharen aus ihren Winterquartieren zurückkehren, wird es im Bornheimer Zentrum einen fliegenden Wechsel der besonderen Art geben: Christiane Hilsendegen verabschiedet sich zum Monatsende in die „passive Phase“ ihrer Altersteilzeit. Die freilich alles andere als passiv ausfallen dürfte: Die Pädagogin hat eine Weiterbildung absolviert, um sich für Menschen, die kaum lesen und schreiben können, zu engagieren. Außerdem will sie mehr Zeit für ihre beiden Enkelkinder und für Naturexkursionen haben. Ihre Nachfolgerin Jessica Lehmann hat Hilsendegen bereits eingearbeitet und wird ihr bei Bedarf auch künftig mit Rat und Tat zur Seite stehen: Mit dem Ende ihrer Elternzeit übernimmt die in Bornheim lebende Realschullehrerin für Biologie und Deutsch ab Februar die Leitung des Storchenzentrums. Als sie durch eine Freundin erfahren habe, dass hier jemand gesucht werde, „war ich direkt Feuer und Flamme“. Ihre Nachfolgerin sei „voller Elan und Ideen“, freut sich Hilsendegen. So möchte Jessica Lehmann die Zusammenarbeit mit Schulen verstärken und den Besuchern auch einen emotionalen Zugang zum Thema Storch vermitteln. Beispielsweise könnten die Spuren, die Adebar in Kunst und Literatur der Völker hinterlassen hat, dabei helfen. Info — Weitere Infos über die Aktion Pfalzstorch und das Storchenzentrum finden sich im Internet unter www.pfalzstorch.de —Der Animal Tracker wird im Internet erklärt unter www.orn.mpg.de/4148147/Animal_ Tracker1